Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Zukunft der UNO, ZiB 2, 23.6.2003

Seit bald zwei Wochen amtiert neben dem Chef der amerikanischen Besatzungsbehörde im Irak auch ein persönlicher Delegierter von UNO-Generalsekretär Kofi Annan: der Brasilianer Vieira de Mello soll den Boden für eine verstärkte Rolle der Weltorganisation im Nachkriegsirak bereiten. Die UNO hofft, dass die Irakkrise bald überwunden ist, sagt der UNO- Informationschef Shashi Tarror bei einem Aufenthalt in Wien. Der Irakkrieg hat die Glaubwürdigkeit der UNO auf eine harte Probe gestellt. Für die amerikanischen Besatzungssoldaten ist das Pentagon und nicht die Weltorganisation oberste Autorität. Mit dem Brasilianer de Mello hat die UNO jetzt immerhin einen Sonderbeauftragten vor Ort. Das irakische Volk soll sein Schicksal frei bestimmen, so heißt es und da will die UNO helfen. Und auch USA suchen wieder verstärkt die Zusammenarbeit mit den Vereinten
Nationen. Davon ist der oberste UNO-Informationschef Shashi Taroor, zu Besuch in der Diplomatischen Akademie in Wien, überzeugt: "Dass die USA den Irakkrieg ohne Zustimmung der UNO geführt haben, das ist nicht so außergewöhnlich: das war meistens so, die UNO hat überhaupt nur zwei Mal in ihrer Geschichte einen Krieg gutgeheißen. Wichtiger ist, dass die Vereinigten Staaten für den Wiederaufbau wieder in den Sicherheitsrat gegangen sind, das ist viel relevanter. Im Kriegsfall mag die UNO manchmal
irrelevant sein, im Frieden ist sie lebenswichtig." Aber stehen die Vereinten Nationen nicht vor der schwierigen Wahl entweder den Wünschen der USA zu folgen oder wirkungslos zu bleiben? Shashi Taroor: "Ich glaube nicht, dass das so stimmt. Bei einigen Themen werden die USA als einzige Supermacht besonderes Gewicht haben. In anderen gibt es Meinungsverschiedenheiten, etwa wenn es um Krieg und Frieden geht, wie im Fall Irak. Da kommen die USA eben nicht immer durch. Aber während der Irakkrise war der gleiche Sicherheitsrat in der Zypernfrage völlig einig, ebenso in der Frage der Kongokrise, zu Eritrea und Afghanistan. Es wäre einfach falsch die internationalen Beziehungen ausschließlich durch die Irakbrille zu sehen."
In der amerikanischen Politik spielen die Vereinten Nationen eine untergeordnete Rolle. Der UNO-Sicherheitsrat, der sich so widerspenstig verhalten hat, ist in Washington für viele zum Feindbild geworden. Verfolgen die USA eine Politik der Schwächung der UNO? Shashi Taroor: " Ich bin mit dieser Sichtweise nicht einverstanden. Erinnern wir uns an die schrecklichen Tragödien des 11.September: die USA haben sich unmittelbar darauf an die UNO gewandt, weil nur der Sicherheitsrat einen gültigen legalen Rahmen für den Kampf gegen den Terrorismus schaffen kann und internationale Finanzflüsse oder Waffentransporte unterbinden kann, niemand sonst."
Und worin sieht Shashi Taroor die Faktoren, die der UNO helfen können, die gegenwärtige Krise zu überwinden? "Das ist erstens die Universalität der UNO und zweitens ihre einzigartige Legitimität. Genau das hat ja die Irakfrage wieder zurück in den SIcherheitsrat gebracht. Ohne dessen Zustimmung hätten die Besatzungsmächte kein Öl verkaufen können, denn das wäre rechtlich fragwürdig gewesen. Jeder Käufer hätte ohne UNO-Zustimmung eine Klage vor einem internationalen Gericht riskiert." Eine andere legitime Quelle des Völkerrechts als die UNO wird es auch im 21.Jahrhundert kaum geben.

 

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