Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Die Öffnung der Türkei nach Europa muss weitergehen, 15.4.2009

Die Türkei gehört nicht zu Europa, ließ Nicolas Sarkozy wissen. Angela Merkel erinnert an die Möglichkeit einer privilegierten Beziehung als Alternative zur Mitgliedschaft in der EU. Österreichs Bundeskanzler Faymann ist "strikt" gegen einen türkischen EU-Beitritt.
Warum die plötzliche Erregung? Barack Obama hatte vor dem Parlament in Ankara an die Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte und Kultur quer über den Bosporus erinnert. "Die ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt stärkt Europa. Die türkische Mitgliedschaft würde das Fundament Europas erweitern." Was folgte, war ein Proteststurm, als ob etwas noch nie da Gewesenes passiert wäre. Kommentatoren, die selbst gerne streng mit den USA ins Gericht gehen, finden es unerhört, dass ein amerikanischer Präsident seine Meinung zu europäischen Angelegenheiten äußert. Fast konnte man glauben, die Aufnahme der Türkei stehe unmittelbar bevor. In Wirklichkeit ist erst ein einziger von 35 Themenbereichen ausverhandelt. Vor 2020 wird selbst im günstigsten Fall kein Beitrittsvertrag abschlussreif sein.
Wie die Welt dann aussehen wird, kann niemand sagen. Vielleicht stehen in Gaza und Ramallah türkische Nato-Soldaten, um einen israelisch-palästinensischen Frieden zu sichern. Vielleicht ist Anatolien das sichere Hinterland für lebenswichtige Pipelines, die Europa helfen, dem ukrainisch-russischen Dauerstreit auszuweichen. Wirtschaftlich ist von Boom bis Absturz sowieso alles drinnen. Auch die EU könnte ganz anders aussehen als heute. Möglicherweise gibt es ein Kerneuropa um Deutschland und Frankreich, während Großbritannien, Tschechien, Irland und Österreich einen losen Außenring bilden. Sicher ist nur: Kein Regierungschef, der sich jetzt gegen den EU-Beitritt der Türkei starkmacht, wird dann im Amt sein.
Unbestreitbar ist aber jetzt schon: Die Beitrittsverhandlungen haben einen Demokratisierungsprozess historischen Ausmaßes ausgelöst. Erst vor einem Jahr meisterte die Türkei eine schwere Verfassungskrise rund um die Drohungen der Generäle gegen die islamische Regierungspartei. Der Aufstieg der islamisch-konservativen AKP Recep Erdogans hat erstmals auch die religiösen Unterschichten in den demokratischen Prozess hineingezogen. Richtig, der Regierungschef agiert oft selbstherrlich und autoritär. Der Elan, mit dem die Todesstrafe abgeschafft und die kurdische Sprache entkriminalisiert wurde, ist erlahmt. Den Preis zahlte die Regierungspartei mit kräftigen Verlusten bei den jüngsten Lokalwahlen. Ein Vorgang, der normaler nicht sein könnte in jedem demokratischen System. Während in zahlreichen Ländern der ehemaligen Sowjetunion Chaos droht, stabilisiert sich der südöstliche Nachbar der EU. Es ist die einzige wirkliche Erfolgsstory der Region und eine direkte Folge der Beitrittsverhandlungen. Millionen Immigranten erleben, wie gut Islam und Demokratie zusammenpassen können. Diesen Prozess zu stoppen wäre Irrsinn. Egal, ob man glaubt, dass ein EU-Beitritt einmal möglich sein wird oder nicht: An der weiteren Öffnung der Türkei nach Europa müssen Gegner und Befürworter das gleiche Interesse haben.
Beim Nato-Gipfel in Straßburg war es Angela Merkel und Nicolas Sarkozy jedoch offensichtlich daran gelegen, die Türkei im Streit um den neuen Nato-Generalsekretär möglichst sichtbar zu überfahren. So offen war das deutsch-französische Lobbying für den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen. Dabei hatte die türkische Führung lediglich geltend gemacht, dass es im Kampf um Afghanistan ein PR-Geschenk an die Taliban wäre, wenn eine Feindfigur der islamischen Welt Nato-Chef würde. Die Begeisterung des Dänen für den Irakkrieg ist genauso in Erinnerung geblieben wie sein elendiges Krisenmanagement während des Streits um die Mohammed-Karikaturen.
Angesichts der nahenden Europawahl wollen Merkel und Sarkozy bei der erweiterungsskeptischen heimischen Öffentlichkeit punkten. Auch die österreichischen Regierungsparteien drohen ja, das Volk an die Urnen zu führen, wenn es einmal so weit ist.
"Gemeinsames Ziel der Verhandlungen ist die Mitgliedschaft." Dieser EU-Beschluss zur Türkei wurde 2005 einstimmig gefasst. Ob das Ziel erreicht ist, darüber wird zu gegebener Zeit zu befinden sein. Vorausgesetzt, dass das billige Hochfahren antitürkischer Ressentiments eine ehrliche Abwägung von sachlichen Argumenten, die Obama in Ankara anregte, dann nicht längst unmöglich gemacht hat.

 

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