Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Öl für Sozialprojekte, 22.8.2007


Für den Präsidenten des ärmsten Landes Lateinamerikas hat Evo Morales ein ungewöhnliches Problem: Er weiß nicht, wohin mit dem Geld. Über ein Jahr nach der von der linken Regierung in La Paz verfügten Nationalisierung der Öl- und Gasförderung Boliviens steigen die Staatseinnahmen in so rasantem Tempo, dass den Ministerien die förderungswürdigen Projekte ausgehen. Eine halbe Milliarde Dollar, bestimmt zur Förderung der Kommunen, sind in der Zentralbank geparkt, weil die Bürgermeister mit Ausbauplänen für ihre Gemeinden nicht nachkommen. Ärzte aus Kuba und großzügige finanzielle Zuschüsse aus Venezuela haben zusätzlich eine beispiellose Sozialoffensive möglich gemacht. In Jeans und dem Poncho der Aymara-Indios gekleidet, lässt sich der Präsident persönlich von einem venezolanischen Helikopter in die entferntesten Gebiete bringen, um die Schecks zu verteilen, berichtet erstaunt die Washington Post. Im Slum von El Alto, oberhalb von La Paz, gibt es erstmals Minikredite für Kleinstunternehmer, mit denen Nähmaschinen für die Werkstätten in den Hinterzimmern angeschafft werden können.
Die von internationalen Finanzexperten prophezeiten katastrophalen Folgen des Nationalisierungsbeschlusses im Öl- und Gasbereich sind für die bolivianische Wirtschaft ganz offensichtlich ausgeblieben. Klar, neues ausländisches Kapital fließt nicht mehr nach Bolivien. Aber die übergroße Mehrheit der im Land aktiven Multis ist geblieben. Komplizierte Verhandlungen haben zu neuen juristischen Konstruktionen mit bolivianischer Oberaufsicht geführt. Die wichtige praktische Konsequenz: Die ausländischen Firmen zahlen für ihre Förderrechte an den bolivianischen Staat ein Vielfaches von früher, sind aber nach wie vor profitabel genug, um die Zelte nicht abzubrechen. Mit 31 Millionen Dollar dieser neuen Einnahmen versucht die Regierung, dem hohen Analphabetismus in der Jugend auf unorthodoxe Weise zu Leibe zu rücken. Eltern erhalten für jedes Kind, das sie in die Schule schicken, umgerechnet zwanzig Euro Motivationsgeld. Für viele arme Familien ein entscheidender Anreiz, Jugendliche in den Unterricht und nicht wie bisher zum Betteln zu schicken.
Mit dem Internationalen Währungsfonds, der die bolivianische Wirtschaftspolitik in den vorangegangenen Jahrzehnten geprägt hat, hat Evo Morales vollständig gebrochen. Seine Schulden konnte Bolivien dank der Hilfe aus Venezuela weitgehend zurückzahlen, ähnlich wie andere Staaten Lateinamerikas. Die einst allmächtigen internationalen Finanzinstitutionen in Washington, die in Lateinamerika Minister gemacht oder gestürzt haben und dem ganzen Kontinent noch vor wenigen Jahren ihre Rezepte von Privatisierung, Liberalisierung und staatlichem Sparen vorschreiben konnten, sind nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Noch 2003 hatte der Internationale Währungsfonds 49 Milliarden Dollar an lateinamerikanische Schuldner verborgt. 2006 blieb weniger als eine einzige Milliarde übrig. Weniger Kredite bedeuten auch weniger Einnahmen. Bei den Jahrestagungen der Notenbankchefs und Finanzminister in Washington diskutiert man seit einiger Zeit immer dringlicher die Frage, wie denn große Apparate hochbezahlter Experten in Zukunft zu finanzieren sein werden, wenn die Drittweltländer auf keine Währungsfondskredite mehr angewiesen sind.
Noch bezeichnender ist die Entwertung des sogenannten "Washingtoner Konsenses" von Privatisierung und Liberalisierung durch das von den Ölmilliarden aus Venezuela finanzierte Gegenkonzept, dem Evo Morales in Bolivien folgt. Konservative Kritiker warnen, dass Zahlungen an die armen Bevölkerungsschichten kein Ersatz für einen bleibenden Wirtschaftsaufschwung sein können. Aber den hat in den allermeisten Fällen (eine Ausnahme ist Chile) auch die konservative Wirtschaftspolitik der Achtzigerjahre nicht ermöglicht: Zwar wurde die Inflation in vielen Staaten eingedämmt, aber am Ende stand der halbe Kontinent wirtschaftlich so ausgeblutet da wie selten zuvor. Attraktiver als die mit ihren strengen Auflagen verbundenen Milliardenkredite aus Washington sind jetzt die Ölmilliarden, die Hugo Chávez großzügig verteilt, um Verbündete gegen die USA zu gewinnen. Linke Regierungen könnten auf diese Weise Sozialprogramme finanzieren, die der Währungsfonds mit seiner Versessenheit auf ausgeglichene Budgets und Privatisierungen nie genehmigt hätte.
Populismus, wie die konservative Presse schreibt? Mag sein. Aber von den "populistischen" Schulen und Spitälern profitieren wohl deutlich mehr Menschen als von der orthodoxen Wirtschaftspolitik der Vergangenheit. Eine Milliarde Dollar mehr als zuvor liefern jetzt ausländische Firmen jährlich an den bolivianischen Staat ab. Ein riesiger Betrag, der all jene rückwirkend beschämen muss, die immer nur den freien Kapitalverkehr als Heil für arme Entwicklungsländer gepredigt haben.
Venezuelas Hugo Chávez, dessen Milliarden nicht nur Bolivien, sondern auch Argentinien, Ecuador und Nicaragua wirtschaftlichen Spielraum geben, geht einen Schritt weiter. Um große Worte nie verlegen, will er einen Sozialismus für das 21. Jahrhundert errichten. Auch Venezuela hat den Staatseinfluss im Energiebereich ausgeweitet, einige Ölfirmen entschieden sich, das Land im Streit zu verlassen. Kooperativen und staatliche Betriebe schießen großzügig subventioniert in den verschiedensten Branchen aus dem Boden. Gleichzeitig lässt Hugo Chávez die ökonomischen Interessen der reichen Oberschicht, die den Castro-Freund an der Spitze des Staates hasst wie die Pest, völlig unangetastet. Der "bolivarische Sozialismus" sieht denn auch mehr nach einem gemischten Wirtschaftssystem aus, vergleichbar mit der starken Stellung der verstaatlichten Industrie in Österreich oder Italien nach dem Zweiten Weltkrieg, als nach dem sogenannten "real existierenden Sozialismus" sowjetischer Prägung.
Allerdings hatte Westeuropa damals rasch zu einem pluralistisch-parlamentarischen System gefunden. Dieses steht in Lateinamerika heute nach wie vor auf schwachen Füßen. Hugo Chávez macht kein Geheimnis daraus, dass er eine Verfassungsänderung anstrebt, die ihm eine unbeschränkte Wiederwahl ermöglichen soll. Auch dem Bolivianer Evo Morales wirft die rechte Opposition Ambitionen auf die Stellung eines Präsidenten auf Lebenszeit vor. Die bolivianische Linksregierung ist gleichzeitig mit einer gefährlichen Revolte der reicheren Regionen konfrontiert, die den das Soziale betonenden Kurs der Regierung nicht mittragen wollen. Nicht mehr das linke La Paz, sondern die konservativere historische Hauptstadt Sucre soll nach dem Wunsch der Opposition in Zukunft Sitz der Regierung werden. Die breite Masse der armen Bevölkerung, die den ersten Indiopräsidenten Boliviens ins Amt gewählt hat, lässt sich von solchen Sorgen nur beschränkt beeindrucken: Die Zustimmung zu seiner Amtsführung liegt trotz aller Kontroversen nach wie vor bei über sechzig Prozent.



 

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