Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Über den Charme von Demokratie und Freiheit, 9.2.2011

Seit den Attacken des 11.September 2001 weiß der Westen, wie brüchig das System der Allianzen im Nahen Osten ist. Mohammed Atta, der Kopf der Attentäter, hat sich in der Fundamentalistenszene am Nil radikalisiert. Al Qaida- Gründer Osama bin Laden entspring einem königsnahen Bauherrenclan Saudi Arabiens. Freiheit und Demokratie wurden zum Schlachtruf der amerikanischen Außenpolitik. Condoleezza Rice, die Außenministerin George W.Bushs, erklärte in Kairo das Streben nach Stabilität auf Kosten der Demokratie für gescheitert. Hosni Mubarak war jahrelang schwer verschnupft. Schließlich jedoch diskreditierte der Irakkrieg die größenwahnsinnige Vision einer mit Waffengewalt erzwungenen Umgestaltung der arabischen Welt nach dem Vorbild Deutschlands nach 1945.
Bush-Nachfolger Barack Obama sprach vor ägyptischen Studenten vom Respekt Amerikas vor den Traditionen fremder Völker. Kein Land sollte anderen sein eigenes System aufzwingen. Trotz der vielen Milliarden, die in die Zusammenarbeit mit Militär und Polizei floss, blieb das Misstrauen des Westens zu seiner arabischen Klientel jedoch bestehen.
Im Augenblick der Revolution erweist sich diese Entfremdung als Segen. Nicht nationalistische Parolen bestimmen die Protestbewegung auf dem Tahrirplatz. So wie zuvor im kleinen Tunesien sind Demokratie und Meinungsfreiheit die Ziele. Bei großen Teilen der Bevölkerungen ist die Attraktivität westlicher Bürgerrechte stärker als der Hass gegen die unsympathische Politik der westlichen Regierungen.
Meinungsumfragen des angesehenen Pew Research Centers, die im Time Magazine zitiert werden, zeigen eine aufgewühlte Öffentlichkeit, geprägt von atemberaubenden Widersprüchen. 82 Prozent der Ägypter halten demnach die Steinigung von Ehebrecherinnen für die richtige Strafe, 59 Prozent verstehen sich als traditionelle Fundamentalisten. Aber gleichzeitig befürworten 90 Prozent Religionsfreiheit, 80 Prozent Meinungsfreiheit und eine große Mehrheit hält die Demokratie für die beste Regierungsform.
Von einer "weiblichen Revolution" auf Kairos Tahrirplatz berichten die erstaunten Reporter aus aller Welt. Nie zuvor waren Frauen, ob verschleiert oder unverschleiert, derart präsent. Mädchen, die sich von den Schlägern des Regimes nicht vertreiben lassen und gar die Nacht durchhalten zwischen fremden Männern, stellen die Rollenbilder einer in Geschlechterfragen extrem konservativen Gesellschaft in Frage.
Kein Wunder, dass im Gazastreifen die fundamentalistische Hamas, die sonst wenig übrig hat für Hosni Mubarak, Solidaritätsaktionen für die ägyptischen Demonstranten streng verbietet. Genauso, wie übrigens in Ramallah die mit dem Regime in Kairo eng verbundene palästinensische Autonomiebehörde.
Genau so unsympathisch wie den verfeindeten palästinensischen Herren ist die demokratische Protestwelle der arabischen Welt auch dem offiziellen Israel. In düsteren Farben schildern israelische Stellen die Gefahren einer islamistischen Machtübernahme. Durch den Sturz des Schah 1979 wurde der Iran vom engen Verbündeten zum Todfeind. Ganz ähnlich könnte jetzt auch das wichtigste Land der arabischen Welt die Seiten wechseln. Der einst von Anwar al Sadat geschlossene Friedensvertrag mit Ägypten stehe auf dem Spiel.
Tatsächlich kommt die geopolitische Lage Israels ins Rutschen, wenn in der Region der Kampf für Freiheit erfolgreich ist. Auch der prowestliche Oppositionsführer El Baradei hält die Einkesselung Gazas für unerträglich. Freie Wahlen in Ägypten sind nicht nur aus israelischer Sicht ein schwer kalkulierbares Risiko. Bei den Palästinenser landete zuletzt Hamas an erster Stelle. Im Libanon kann sich die schiitische Hezbollah auf ein Mandat der Wähler berufen.
Aber eine israelische Sicherheitspolitik, die in diametralen Widerspruch zu den Emanzipationsbestrebungen der Nachbarn beruht, steht auf tönernen Füßen. Wenn Israel aus der permanenten Konfliktsituation herausfinden will, muss Friede mit den arabischen Völkern geschlossen werden, nicht mit repressiven Diktatoren. Mit dem von Jimmy Carter diagnostizierten Apartheidregime in den besetzten Palästinensergebieten wird das allerdings nicht möglich sein.
Auch wenn in der arabischen Welt die autoritären Regime und mafiösen Wirtschaftsstrukturen nicht so rasch verschwinden werden, wie Anfang des Jahres der tunesische Diktator Ben Ali. Der politische Modernisierungsschub ist nicht aufzuhalten. Dazu gehören auch freie Wahlen in Ägypten, selbst wenn das den Verantwortlichen in Washington, Brüssel und Jerusalem den Angstschweiß auf die Stirn treibt. In diesem einen Punkte hatte George W.Bush unfreiwillig recht.

 

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