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1968,
die Konstante, 7.5.2008
T
Am 3. Mai 1968 stürmten Einsatzgruppen der französischen Polizei,
die gefürchteten CRS, die besetzte Sorbonne in Paris. Hunderte Studenten
wurden verhaftet. Die Polizeiaktion schockierte die Öffentlichkeit,
was folgte, erschütterte die Fünfte Republik. Barrikaden im
gesamten Quartier Latin, der lange Streik von neun Millionen Arbeitern.
General de Gaulle musste sich der Loyalität der französischen
Truppen in Deutschland versichern, um politisch zu überleben. Die
Pariser Maitage brachten Frankreich haarscharf an den Rand eines politischen
Umsturzes. Demonstriert, revoltiert, protestiert wurde in diesem Jahr
bekanntlich überall. Aber nirgendwo sonst war die Studentenrevolte
so nahe daran, die Machtfrage zu stellen, wie in Frankreich. Insofern
war der Mai 68 in Paris der Höhepunkt der weltweiten Jugendrevolte.
Bei den nun schon Monate dauernden Diskussionen über 1968, egal aus
welchem politischen Blickwinkel, fällt auf, wie selten das wahrscheinlich
hervorragendste Merkmal der Protestbewegung gewürdigt wird: ihre
Internationalität. "Les frontières on s'en fout"
("Zum Teufel mit den Grenzen"), war nicht zufällig einer
der beliebtesten Slogans des Mai 68. Tatsächlich hat es nie zuvor
in so vielen Staaten trotz unterschiedlicher politischer Verhältnisse
gleichzeitig ablaufende Schübe jugendlicher Revolte mit ähnlichen
Zielen und einer ähnlichen Dynamik gegeben.
In den USA ist meist von der ganzen Dekade der "Sixties" die
Rede. Der Begriff steht für die Aufbruchstimmung der Bürgerrechtsbewegung,
die Blumenkinder von Woodstock und die Turbulenzen des Vietnamkriegs.
Die allgemeine Wehrpflicht machte Indochina in jedem amerikanischen Haushalt
zum Thema, keinem männlichen Jugendlichen blieben folgenschwere Entscheidungen
erspart. Die von der Nationalgarde erschossenen Studenten der Universität
von Kent, die Ermordung Martin Luther Kings und Bobby Kennedys wurden
zu den dramatischen Höhepunkten. Beim demokratischen Parteitag in
Chicago entluden sich die Spannungen in tagelangen Straßenschlachten.
Die Polarisierung dieser Jahre schimmert noch im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf
durch. Geht es doch um eine Entscheidung zwischen dem Post-68-Aktivisten
Barack Obama, dem Vor-68er-Militär John McCain oder der aus den "Sixties"
kommenden Hillary Clinton. Politisiert wurde sie durch die Antikriegsbewegung
der amerikanischen Universitäten. Eine Zeit, über die sie nicht
gerne spricht.
Frankreichs Nicolas Sarkozy hat dagegen das Schreckgespenst des Pariser
Mai schon im Wahlkampf benützt, um die zögerliche bürgerliche
Basis zu mobilisieren. Die Umkehr der Hierarchien, herzloser Individualismus,
die Religion des Geldes, das alles sei in Wirklichkeit auf den roten Mai
im Quartier Latin zurückzuführen. Das ideologische Erbe von
1968 zu "liquidieren", darin sehe er seine Mission. Leicht amüsiert
nahm die französische Öffentlichkeit diesen Eifer zur Kenntnis.
André Glucksmann, Exmaoist und Sarkozy-Fan, ließ den moralisierenden
Präsidenten wissen, dass ein geschiedener Mann aus einer Einwandererfamilie
wie Sarkozy ohne den Aufbruch vor 40 Jahren nie eine Chance gehabt hätte,
Präsident zu werden. Die österreichischen Nachbetrachtungen
wirken für die breite Öffentlichkeit dagegen ein bisschen wie
eine Freakshow. Mit ehemaligen Kommunarden, Aktionskünstlern und
Mühl-Exegeten werden wieder und wieder die Happenings von damals
durchgekaut. 1968 erscheint als großes künstlerisches Comingout,
mit dem Piss-In im Hörsaal I im NIG der Wiener Universität als
zentralem Ereignis. Wobei sich selbst bei den böswilligsten Betrachtern
der Schauer von einst nicht mehr so richtig einstellen will.
Geprügelt wie nie zuvor werden die 68er zum 40. Jahrestag in Deutschland.
Vom Antiamerikanismus bis zur Moral des Kasinokapitalismus bezichtigt
man sie aller denkbaren Sünden. Den Vogel schießt Götz
Aly ab, ein ehemaliger Aktivist der Roten Hilfe, der die linke Studentenbewegung
allen Ernstes als Neuauflage der Nazis ansieht. In kruder Anspielung auf
Hitler nennt er seinen Rückblick "Unser Kampf". Die Kinder
ehemaliger Nazis marschieren wie ihre Eltern gegen den Parlamentarismus
und hassen besonders die USA, die Sieger von 1945, so lautet die Interpretation
von 1968 als deutschdeutsches Familiendrama. Dass selbst ein flüchtiger
Blick über die Grenzen ein solches Erklärungsmuster augenblicklich
entwertet, stört offensichtlich nur wenige. Das mag damit zu tun
haben, dass sich Gerhard Schröder und Joschka Fischer leicht als
arrogante Vertreter einer machtgierigen Generation zeichnen ließen.
Angela Merkel tritt dagegen mit der unaufgeregten Sachlichkeit der Nach-68er
auf. Auf die gestürzten Helden zu treten hat für die deutsche
Öffentlichkeit offensichtlich einen ganz besonderen Reiz. Wer nationale
Brillen trägt, kann 1968 nicht erklären. Die Revolte war nicht
deutsch, französisch, italienisch oder gar österreichisch. Ein
Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg war die Jugendradikalisierung
eine gemeinsame Erfahrung der gesamten westlichen Welt, lange bevor von
Globalisierung die Rede war. Die Politisierung der japanischen Zengakuren
oder der mexikanischen Studenten erfolgte in erstaunlicher Gleichzeitigkeit
mit den bekannteren Jugendaufständen in den USA und in Westeuropa.
1968 war ein seltener internationaler Augenblick des "kollektiven
politischen Idealismus", notiert der französische Publizist
Patrice de Beer. Im Zentrum standen die Ideen von Solidarität und
Freiheit, die Opposition gegen Krieg und der Ungehorsam gegen traditionelle
Autoritäten. Klar. Viele Aktivisten verstrickten sich in ideologischen
Scheinwelten. Manche reproduzierten die autoritären Strukturen stalinistischer
Großparteien oder endeten im Terrorismus. Aber von der Dosis internationaler
Solidarität, die damals in das politische Denken Eingang gefunden
hat, zehren grenzüberschreitende Bewegungen, NGOs und selbst Uno
und EU noch heute.
Nach wie vor gilt gerade in unseren Breitengraden: Despotische Autoritäten,
die nicht hinterfragt werden dürfen, sind schlimmer als Unbotmäßigkeit,
Rebellion und Widerspruch. Das trifft auf die Politik ebenso zu wie auf
Alltag und Familie. Eine Erkenntnis, für die unverändert die
internationale kulturelle Revolution von 1968 steht.
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