Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Abracadabrantesque, 20.12.2000

Der linke Washingtoner Politikwissenschaftler Norman Birnbaum hält die Entscheidung für einen "Staatsstreich". Der landesweit angesehene Senator Patrick Leahy glaubt an einen parteipolitisch motivierten Spruch. Sogar einer aus dem erlauchten Kreis der Höchstrichter selbst, Justice Stephen Breyer, fürchtet aus dem historischen Urteil, das George W.Bush zum Präsidenten gemacht hat, könnte eine "self inflicted wound" für die Justiz des Landes werden.
Tatsächlich war es ein starkes Stück, das die republikanische Mehrheit des Supreme Court in Washington da gespielt hat: nachdem man jahrelang einer Rücknahme der Bundesautorität zugunsten jener der Staaten das Wort geredet hatte, namen die 8 würdigen Herren mit Dame das Wahlchaos in Florida zum Anlaß für den denkbar dramatischsten Eingriff des Bundes in das politische Kräftespiel eines Bundesstaates sein langem. Nachdem dasw Oberste Gericht eben erst die händische Überprüfung der von den Maschinen als ungültig ausgeschiedenen Wahlzettel gestoppt hatte, mußte nun plötzlich die fehlende Zeit als Begründung herhalten, warum das von den Richtern in Florida verlangte händische Nachzählen nicht mehr möglich sein sollte.
Von den fünf Bundesrichtern, die mit ihrer Mehrheitsentscheidung das Comeback der Bush-Dynastie ermöglich haben, ist einer von Richard Nixon nominiert worden, drei von Ronald Reagan und einer von George Bush senior: die politische Loyalität der sonst so sakrosankten Höchstrichter ist seither eines der großen Themen der politischen Diskussion in den USA. Die Justices selbst
liefern mit der freiherzigen Veröffentlichung aller abweichenden Meinungen die Grundlage dazu.
Daß ihr Wort gilt, das bezweifeln allerdings selbst die härtesten Kritiker nicht. Al Gore hat es in seiner Concession Speach glasklar formuliert: "Obwohl ich der Entscheidung des Gerichts nicht zustimme, akzeptiere ich sie und damit die Endgültigkeit des Ergebnisses." Dem glücklosen Vizepräsidenten, der damit sehr wahrscheinlich einen Schlußstrich unter ein langes politisches Leben setzt, mag das Eingeständnis nicht leicht gefallen sein: aber in dem so sorgfältig auf Gleichgewicht zwischen den Gewalten aufgebauten amerikanischen System gehört selbst im Augenblick des heftigsten Parteienhaders der Respekt vor der Justiz zu einer der wesentlichsten Spielregeln. Niemand, der sich innerhalb dieses Systems bewegt, kann diese Grundregeln übersehen.
Einen ganz anders gelagerten Zusammenstoß zwischen Politik und Justiz erleben wir zur Zeit in einem traditionsbewußten Staat Europas. Der mächtigste Mann des Landes liegt im Clinch mit einem halben Dutzend Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern. Es geht um eine langjährige gesetzwidrige Praxis an der viele beteiligt waren, die jedoch von einer Partei besonders schamlos betrieben wurde. Nein, die Rede ist nicht von den Querelen eines österreichischen Landeshauptmannes mit dem illegalen Informationsfluß aus heimischen Polizeicomputern. Gemeint ist Jacques Chirac.
Noch vor wenigen Wochen hatte der französische Staatspräsident und langjährige Gaullistenchef die posthumen TV-Beschuldigungen des ehemaligen Finanzmagiers der Rechten Jean-Claude Mery mit einem blumigen "abracadabrantesque" abgetan. Glanzlos übersetzt in etwa: "Haarsträubender Unsinn." Inzwischen ermittelt die der Politik einst so willfährig ergebene Pariser Justiz gegen eine derart rasch wachsende Zahl von Politikern, daß man leicht den Überblick verliert: längst geht es nicht mehr nur um die vom verstorbenen gaullistischen Geschäftsmann Mery zugegebenen Geldströme von der Wirtschaft zu den politischen Parteien. Von einem richtiggehenden Korruptionspakt berichten ehemalige Parteikassiere im Zusammenhang mit der Renovierung von 180 Gymnasien der Region Ile-de-France rund um Paris von 1990 bis 1995: nach einem fixen Schlüssel seien 1,2 Prozent an die Gaullisten und ihre Verbündeten geflossen, 0,8 Prozent erhielten die Sozialisten.
"Le Monde" vom 13.Dezember veröffentlicht die wichtigsten Vernehmungsprotokolle. Der französische Kleindienst ist eine hemalige RPR-Mitarbeiterin namens Louise-Yvonne Casetta, die einmal mehr den damaligen Pariser Bürgermeister und obersten Chef der gaullistischen RPR Chirac als lenkende Hand über dem Handel bezeichnet. Nicht genug damit: ein anderer Untersuchungsrichter ermittelt seit Jahren hartnäckig wegen Fiktivanstellungen von Parteiangestellten bei befreundeten Firmen im Umkreis des Pariser Rathauses und eine weitere Untersuchung läuft im Zusammenhang mit dem Verdacht auf Wahlfälschung im 3., 5. und 20.Pariser Gemeindebezirk im Jahr 1989. Raymond Barre, der langjährige bürgerliche Rivale Chiracs, hat den Präsidenten angesichts derartiger Beschuldigungen zum Rücktritt aufgefordert. Wie sich ja auch der charismatische sozialistische Finanzminister Dominique Strauss-Kahn schon auf den Verdacht der Unregelmäßigkeit hin zurückziehen mußte.
Auch die französische Justiz steht im Feuer der Kritik. Vor allem linke Politiker werfen ihr ein zu vorsichtiges Vorgehen gegen Chirac vor. Zurückgetreten ist bislang nur Staatsanwalt Alexandre Benmakhlouf: der Mann war jahrelang ein Vertrauter Chiracs und sah sich als solcher für dieses Ermittlungsverfahren als zu befangen an. Der Präsident selbst stellte sich noch sichtlich gezeichnet vom ermüdenden EU-Gipfel in Nizza vergangene Woche neuerlich der Presse. Er sei nicht informiert gewesen, beteuerte er im privaten TV-Sender TF1. Angesprochen auf die zeitweise Inhaftierung seines ehemaligen Bürochefs Michel Roussin meinte der allseits Bedrängte allerdings nur knapp, als "Garant einer unabhängigen Justiz" sehe er sich außerstande, zu einem laufenden Verfahren Stellung zu beziehen.
Auf die Idee aus Parlament, Regierung und Parteizentralen ein Trommelfeuer gegen die Justiz zu starten, wie das dem staunenden Publikum seit Wochen in Österreich geboten wird, ist offensichtlich weder in Frankreich noch in den USA einer der Betroffenen gekommen. Dabei ist die Idee der Selbständigkeit von Richtern und Staatsanwälten in der Realverfassung politischer Demokratien Europas eher jüngeren Datums: erst als die mutigen "Mani Puliti" Italiens einen korrupten Spitzenpolitiker nach dem anderen übers Messer springen ließen, kamen auch die Kollegen nördlich der Alpen auf den Geschmack. Ein Demokratisierungsschub, der hierzulande an der Politik offensichtlich vorbeigegangen ist.

 

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