Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Achtung, Rechtskurve, 4.12.2002

Auch wenn das für enttäuschte österreichische Freunde von Rotgrün anders aussehen mag: für den Rest der interessierten internationalen Öffentlichkeit war der Kollaps der einst so unbesiegbar erscheinenden FPÖ das herausragende Merkmal der vergangenen österreichischen Wahlen. Nachrichten aus "Austria" fanden auf diese Weise auch wieder Eingang in die "Washington Post" und kaum eine europäische Zeitung, die der Implosion der Haider-Partei nicht einen Kommentar gewidmet hätte. Kein Wunder: hatte sich das europaweite Phänomen des Rechtspopulismus doch nur hierzulande auf über ein Viertel der Wählerinnen und Wähler stützen können. Dass gleichzeitig mit dem Schrumpfungsprozess der österreichischen Freiheitlichen auch die holländische Pim Fortyun Partei zerfällt, läßt manchmal die vorschnelle Erwartung des Anfangs vom Ende des Rechtspopulismus aufkommen.
Tatsache ist, dass Führerparteien bei Verlust oder systematischer Selbstbeschädigung des Führers automatisch in die Krise kommen. Wo dies nicht der Fall ist, wie bei Dänemarks von Pja Kjaersgaard geführter Volkspartei, Cal Hagens Fortschrittspartei in Norwegen oder Umberto Bossis Lega del Norte, ist von einer Erosion des Rechtspopulismus wenig zu merken. Im Gegenteil: während in Österreich Jörg Haider die größte Niederlage seiner Laufbahn hinnehmen mußte, ist es in der Schweiz Christoph Blochers Volkspartei fast um ein Haar gelungen, gegen das gesamte demokratische Establishment im zweitreichsten Land der Erde via Referendum die denkbar dramatischste Verschärfung der Asylgesetze durchzusetzen.
Auch was die Inhalte betrifft, läßt sich ein Abstieg der rechtspopulistischen Lieblingsthemen in der europäischen Politik kaum feststellen. Quer über die Parteigrenzen hinweg sind harte Innenminister die Ecksteine erfolgreicher Regierungen. In Frankreich wildert der konservative Nicholas Sarkozy mit seinem Kreuzzug gegen Prostitution und Kleinkriminalität im Wählerpotential Jean-Marie Le Pens. Großbritanniens David Blunkett, ursprünglich aus dem linken Flügel der Labour Party kommend, verschärft die Gesetzgebung gegen illegale Einwanderung und ging mit manchen seiner Anti-Terror-Gesetzen sogar den Höchstrichtern zu weit. Vieles von dem, was vor Jahren in Österreich Jörg Haiders Aufstieg begleitete, gehört heute zum allgemein akzeptierten Common Sense der vorherrschenden europäischen Politik. In Sevilla hat die EU unter dem Vorsitz Jose Maria Aznars dem Kampf gegen die illegale Einwanderung sogar einen eigenen Gipfel gewidmet, ganz so als ob der gerade gefährlich in die Rezession kippende alte Kontinent keine wichtigeren Probleme gehabt hätte. Wie sehr die durch die Überalterung der Bevölkerung schwer belasteten Sozialsysteme Europas in den nächsten Jahren auf Einwanderung angewiesen sein werden, das hört man in der Zwischenzeit nur von namenlosen Pensionsexperten oder heimatlosen Konservativen wie dem britischen EU-Kommissar Chris Patten.
Die Übernahme rechtspopulistischer Lieblingsanliegen durch die traditionellen Parteien erfolgt vor dem Hintergrund einer aus den USA kommenden nachhaltigen Hegemonie rechtskonservativer Ideen. Hatte man noch vor zwei Jahren den Sieg George Bushs als Produkt der Wahlarithmetik sowie eines wohlwollenden Obersten Gerichtshofes interpretieren können, so hat der republikanische Erfolg bei den Midterm Elections Anfang November die Vorherrschaft der Rechten befestigt. Die Auswirkungen auf die oppositionellen Demokraten bleiben nicht aus: Al Gore, der noch vor einem Jahrzehnt als wirtschaftsfreundlicher "New Democrat" Reibebaum der innerparteilichen Linken war, gilt heute mit seiner Kritik an Bushs Nachsicht für milliardenschwere wirtschaftskriminelle Praktiken selbst als Linker. Das Feld der politischen Ideen wird in der Führungsnation der westliche Welt von einer "Fünferbande" rechter Denker um den Herausgeber des "Weekly Standard" Bill Kristol und den ehemaligen Chef der Christlichen Rechten Ralph Reed beherrscht. (Dazu gezählt werden gerne: US- Steuerrebell Grover Norquist, Antistaatsideologe David McIntosh und Linkenfresser Norman Podhorez) Was unter Clinton-Erzfeind Newt Gingrich als "revolutionär" galt, steht nun unter den milden Vorzeichen des modernen "mitfühlenden Konservativismus": weniger Steuern, selbst wenn dadurch die Rolle des Bundesstaates bei der Sicherung sozialer Grundrechte weiter zurückgeht, bei gleichzeitig in ungeahnte Höhen getriebenen Rüstungsausgaben des "Krieges gegen den Terrorismus."
Wenn man dem linken Pariser Traditionsblatt "Nouvelle Observateur" folgt, dann ist die politische Tiefenströmung in Europa nicht viel anders. "Sind wir alle Reaktionäre geworden?", läßt Herausgeber Jean Daniel Ende November fragen. Im Frankreich von 2002 seien die vielgepriesenen Errungenschaften des Mai 68 so tot, wie nie zuvor, behaupten die Autoren. Ein moralischer Feldzug gegen die Prostitution sei an die Stelle der sexuellen Revolution getreten, der Ruf nach Ordnung und Polizei habe in einem Klima der Angst vor der Kriminalität Toleranz und Liberalität verdrängt. Statt Antirassismus ist die Einschränkung der illegalen Einwanderung "in". Einstige linke Autoren wie Max Gallo oder Che Guevara Mitkämpfer Regis Debray preisen die Werte von Nation und Christentum. So radikal sei die Kertwendung dieser "neuen Reaktionäre", dass der linke Historiker Daniel Lindenberg in einem aufsehenerregenden Essai "Le rappel a l'ordre", "Der Ordnungsruf", sogar vor einer Infragestellung demokratischer Grundideen durch eine immer elitärer denkende Intelligenz warnt.
Der Alarmruf scheint etwas übertrieben, aber die grundsätzliche Diagnose ist schwer zu bestreiten. Ein inspirierendes sozialdemokratisches Projekt sucht man in Europa zur Zeit vergeblich. Selbst Deutschlands Gerhard Schröder muss sich mit absurden Vergleichen mit dem Demokratie-Abwürger und Hitler-Wegbereiter Heinrich Brüning herumschlagen. Die einzig grundsätzliche Herausforderung für die selbstbewußte Rechte kommt von den immer größer werdenden Demonstrationen jugendlicher Globalisierungsgegner, die Lichtjahre entfernt scheinen von der beklagten reaktionären Wende der Schriftsteller und Denker. Bis die parlamentarische Linke jedoch solche widersprüchlichen Impulse von unten aufnimmt, kanalisiert und mehrheitsfähig macht, kann es lange dauern. In der Zwischenzeit wird Europa mit der durch die Großparteien gefilterten, anhaltenden Ausstrahlung rechtspopulistischer Ideen umgehen müssen, selbst nach der politischen Selbstzerstörung des freiheitlichen Bannerträgers aus den Alpen.

 

 

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