Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Alle mögen Europa, 16.7.2008

Direkt gegen Europa will heutzutage wirklich niemand mehr sein. Rechtsaußen Filip Dewinter vom flämischen Vlaams Belang macht sich für einen Zusammenschluss der Völker stark. Heinz-Christian Strache stößt ins gleiche Horn, nur Moslems dürfen halt nicht dazugehören. Der irische Geschäftsmann Declan Ganley mit den guten Beziehungen zum Pentagon, dessen Millionen so großen Anteil am Sieg des Nein auf der grünen Insel hatten, präsentiert sich als glühender Europäer. Kronen Zeitungs-Kolumnist Hans-Peter Martin, der mit Ganley an einer gemeinsamen Liste für die Europawahlen 2009 bastelt, will gar eine "EU neu" gründen, wenn die bestehende Organisation mit ihren anstößigen Sekretariatszulagen und Sitzungsgeldern einmal in die Luft gesprengt ist. Attac, die intellektuelle Denkfabrik der Globalisierungsgegner, sieht sich, ganz in linksradikaler Tradition, als Bannerträger eines "Europas" von unten. Selbst Josef Cap, ein Mann, der mit beiden Beinen in der politischen Realität steht, würde sich für ein "sozialeres Europa" erwärmen. Der neuen "EU mit wenn und aber"-Linie entsprechend gibt es für das real existierende Europa von sozialdemokratischer Seite sonst eher wenig Verständnis.
Die Leserbriefseite der Kronen Zeitung hat diese Europabegeisterung der meisten EU-Gegner noch nicht erreicht. Aber immerhin zeigt sie einen Fortschritt gegenüber insularen Reflexen vergangener Zeiten: Die meisten Brüssel-Hasser wissen, dass sie mit einer Vision der nationalen Alleingänge nicht mehr reüssieren könnten. Auch wer Protestwähler lukrieren will, muss sich als Teil des großen Stroms der europäischen Integration präsentieren.
Aber allzu häufig wird der Traum von einem idealen Europa eingesetzt, um gegen die real ablaufende europäische Integration Stimmung zu machen. Ein beliebter Anti-EU-Trick: immer höhere Ansprüche an Brüssel zu stellen, aber jedes Mal lautstark zu protestieren, wenn finanzielle Mittel oder Souveränität an die Union abgegeben werden sollen. Obwohl eine schwächelnde Union nur wenige Wünsche erfüllen kann.
Genaueres Hinschauen lohnt sich bei dem populären Wunsch nach einer "Sozialunion", die gerne der als neoliberal verschrienen EU-Führung entgegengehalten wird. Tatsächlich: Das europäische Sozialmodell könnte neben dem Nationalstaat ein zweites, europäisches Standbein gut gebrauchen. Aber im Rat der Sozialminister kommen alle paar Wochen auch sozialdemokratische Regierungsvertreter aus einem knappen Dutzend Staaten zusammen. Sie werden sich fragen lassen müssen, welche Vorschläge zu einer europäischen Sozialpolitik denn von ihnen bisher gekommen sind. Im Europaparlament plädieren französische Sozialisten für europaweite Standards für Mindestlöhne. Das Interesse bei den Ministerkollegen war enden wollend. Das Prinzip, wonach Sozialpolitik die vorrangige Domäne der Mitgliedsstaaten bleiben muss, wird eifersüchtig auch von jenen Politikern verteidigt, die Brüssel im gleichen Atemzug vorwerfen, zu wenig für die Nöte der Bürger zu tun. Wer mit dem Slogan einer sozialeren EU operiert, ohne dazuzusagen, welche Sozialleistungen aus der Union kommen sollten, verkauft sein Publikum für dumm.
Sogar jene bescheidenen Sozialprojekte, die aus den laufenden EU-Budgets finanziert sind, werden von den Mitgliedsstaaten verteilt. Kaum ein Nutznießer weiß, dass die EU hinter einem bestimmten Umschulungs- oder Weiterbildungsprojekt steckt. Die Europäische Kommission ist stolz, dass immerhin zehn Prozent des EU-Budgets für Sozialausgaben aufgewendet werden. Über den EU-Sozialfonds fließen jedes Jahr zehn Milliarden Euro in Hilfsprojekte, die alle von den Mitgliedsstaaten durchgeführt werden. Aber die Dimensionen solcher Maßnahmen sind bescheiden. Der Brüsseler Politikwissenschaftler Roth Felix rechnet vor, dass die Sozialausgaben der 27 Mitgliedsstaaten jährlich mehr als 3000 Milliarden Euro betragen. Die zehn Milliarden, die die Mitgliedsstaaten dem EU-Sozialfond genehmigen, machen nicht einmal ein Dreihundertstel davon aus. Kein Wunder, dass sich kein Bürger sozialen Schutz von der EU erwarten kann.
Es geht um Geld, Einfluss und Macht. Damit die EU eine Sozialunion wird, müssten Mittel von den Mitgliedsstaaten an die Union verlagert werden. Dazu war die Politikerkaste in den Nationalstaaten, egal ob sozialdemokratisch oder konservativ, nicht bereit. Vermeintliche neoliberale Verschwörungen in Brüssel haben mit diesem Tatbestand weniger zu tun als die Widerstände gegen neue Kompetenzen der Europäischen Union bei den Regierungen.
Die britische New Left Review tritt schon seit Jahren für eine europäische Variante der in Schweden einst vom langjährigen Chefökonomen der Gewerkschaftsbewegung Rudolf Meidner erdachten überbetrieblichen Arbeitnehmerfonds ein. Ein vergleichbares Unterfangen auf EU-Ebene, das mit ganz kleinen Schritten seinen Anfang nimmt, so argumentiert New Left Review, würde langfristig die wachsenden Löcher des nationalen Wohlfahrtsstaates stopfen und einen neuen Zusammenhalt der Völker Europas schaffen. EU-Bürger könnten in Zukunft Zuschüsse zu ihrer Altersversorgung oder in gesundheitlichen Notfällen auch aus Brüssel erhalten. Unmöglich, in Zeiten der konservativen Vorherrschaft? Mag sein, aber für gute Ideen muss lange geworben werden. Wenn die Forderung nach einer Sozialunion keine demagogische Anti-EU-Parole sein soll, sondern ein ernstes europapolitisches Projekt, dann muss man auch dazu sagen, wie genau soziale Solidarität über nationalstaatliche Grenzen hinaus aussehen kann.
Eine Debatte, die auf nationale Volksabstimmungen fixiert ist, droht an den wirklichen Hindernissen zur EU der Bürger vorbeizugehen. Eine Renationalisierung Europas geht auf jeden Fall genau in die entgegengesetzte Richtung. Egal, ob man über einen Beitritt der Türkei schon, über Kroatien aber nicht, über eine Vertragsveränderung schon, eine Zusatzerklärung zu Irland aber nicht abstimmen will oder ob der viel diskutierte Faymann/Gusenbauer-Vorstoß nicht ganz bewusst so formuliert wurde, dass er in absehbarer Zeit nicht umgesetzt werden muss: Eine gedankliche Abkehr weg von einer stärkeren EU stellt die neue Linie allemal dar. Wer Volksabstimmungen als Antwort auf die gegenwärtige Krise präsentiert, der suggeriert, dass im Rückschritt zu den Nationalstaaten die richtige Lösung gefunden werden kann. Eine solche Logik führt weder zu einer europäischen Sozialunion noch zum Abbau des Demokratiedefizits der EU. Gehen auch andere Mitgliedsstaaten diesen Weg, dann wäre eine weitere Auseinanderentwicklung der EU und der Abstieg Europas zu einem Sammelsurium verstärkt auf sich allein gestellter und machtloser Nationalstaaten die Konsequenz.

 

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