Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Amerika und die Welt, 8.11.2000


Wenn Bob Dole sich vor vier Jahren des tosenden Applauses seiner Zuhörer ganz sicher sein wollte, dann griff er zu einem bewährten Mittel: es gab scharfe Attacken gegen die Vereinten Nationen und zum großen Hallo des Publikums machte sich der damalige republikanische Präsidentschaftskandidat über den fremdländischen Namen des UNO-Generalsekretärs Boutros Boutros Ghali lustig. "Bouuuuuutros Bouuuuutros Ghali" klang das schrecklich schaurig bei Dole. Nicht wenige republikanische Kongreßabgeordnete prahlten damals damit, daß sie - wie die Mehrheit der US-Bürger - weder einen Paß besaßen noch je im Ausland gewesen waren. Das Schreckgespenst einer vom provinziellen Isolationalismus gelähmten Supermacht, die, verstrickt in der Nabelschau auf sich selbst, mit all ihrer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Überlegenheit ein gefährlicher Faktor der Unberechenbarkeit auf dem internationalen Parkett würde ging durch die Welt.
Diese Sorge hat sich inzwischen überlebt. So scharf die Gegensätze zwischen Demokraten und Republikanern in diesem Wahlkampf in den Fragen der Wirtschaftspolitik und der Verteilung der erwarteten Budgetüberschüsse auch aufeinanderprallten:
Außenpolitisch hat sich in beiden Parteien der internationalistische Flügel durchgesetzt, sodass George W.Bush und Al Gore sich nur in Nuancen unterschieden. Sogar die Rußlandpolitik, in die zu Boris Jelzins Zeiten Bill Clinton und Al Gore so viel Energie investiert hatten, ist kein echter Streitpunkt mehr: ein Jahrzehnt nach dem Verschwinden des einstigen großen Gegenspielers Sowjetunion ist Moskau vom Radarschirm Amerikas schlicht verschwunden.
Wie unumstritten das "Wahlziel Weltmacht" in dieser Auseinandersetzung war, zeigt, daß Amerika die nach dem Ende des Kalten Krieges begonnene Selbstreflexion über die Rolle der USA in der Welt im Wesentlichen beendet hat. Weder der moralische Absolutismus des Kalten Krieges, der den USA als Führungsmacht der "freien Welt" in der Konfrontation mit dem kommunistischen "Reich des Bösen" eine klare Identität gegeben hat, noch die darauf folgende isolationalistische Gleichgültigkeit gegenüber dem Rest der Welt haben überlebt. Pragmatisches Krisenmanagement mit wechselnden Partnern bei klarem globalem Führungsanspruch ist der neue Leitfaden der amerikanischen Weltpolitik. Der Vereinten Nationen will man sich dabei als möglichem Hilfsinstrument genauso bedienen können wie der NATO als Lebenslinie zu Europa. Dementsprechend gab es im Streit um die UNO- Beitragszahlungen einen von beiden Parteien mitgetragenen Kompromiß und selbst George W. Bush mußte nach einer mißverständlichen Äußerung dementieren, daß eine von ihm geleitete Administration den einseitigen Abzug der US-Friedenstruppen aus dem Balkan einleiten würde.
Ivo Daalder, der scharfsinnige Europa-Experte der liberalen Brookings-Institution in Washington, konstatiert eine Modifikation der amerikanischen Haltung zur europäischen Integration: "Anfangs sind die französisch-britischen Pläne für einen militärischen Arm der EU in Washington auf Skepsis oder sogar Ablehnung gestoßen, weil man eine Schwächung der NATO befürchtet hat. Diese Bedenken sind längst vorbei. Der amerikanischen Politik bereitet inzwischen die Frage, ob Europa überhaupt stark genug wird, um als echter Partner zu agieren, viel größere Sorgen, als eine mögliche europäische Konkurrenz. Nicht ein starkes sondern ein schwaches Europa wird gegenwärtig in Washington als Gefahr angesehen."
Die von Condoleezza Rice, der Außenpolitikexpertin George W.Bushs, angepeilte Idee einer militärischen Arbeitsteilung zwischen Amerikanern und Europäern steht dazu keineswegs im Widerspruch. "Die Rangers der 82. Luftlandedivision sind nicht dafür geschaffen, Kinder auf dem Schulweg zu begleiten," hatte Rice in der "New York Times" die republikanischen Balkan-Abzugsüberlegungen begründet. Die unausgesprochene Geringschätzung der Europäer als die geeigneten Baby-Sitter für Kosovo mag französische und britische Generäle wurmen: realpolitisch würden die USA die Europäer auf diese Weise als regionale Ordnungsmacht akzeptieren, während sie gleichzeitig für sich selbst die Rolle der globale Macht beanspruchen. Und genau darauf laufen auch die Aufrüstungspläne der EU heraus, die ja schon auf dem Gipfel in Nizza Anfang Dezember den Beschluß für eine 60 000-Mann Eingreiftruppe fällen will.
Als potentielle Gefahr für den Kurs des pragmatischen Internationalismus sieht der Brookings-Experte Ivo Daalder dagegen die zunehmende Tendenz der amerikanischen Außenpolitik zum Unilateralismus: "Viele Senatoren und Abgeordnete sind überzeugt, daß was Amerika nützt, automatisch auch gut für den Rest der Welt ist. Man geht davon aus, daß die USA als einzig verbliebene Supermacht Verpflichtungen haben, die es unmöglich machen, daß man sich an die gleichen Regeln hält wie andere Staaten." Am folgenschwersten wäre in diesem Zusammenhang eine vom militärisch-industriellen Komplex betriebene und von George W.Bush befürwortete Aufkündigung des alten ABM-Abrüstungsvertrages, um ein damit unvereinbares Raketenabwehrsystem zu bauen: "Wenn amerikanische Außenpolitik für den Rest der Welt willkürlich erscheint und nicht mehr nachvollziehbar ist, wird die amerikanische Vorherrschaft nicht mehr als stabilisierender Faktor im globalen Interesse akzeptiert werden," fürchtet Daalder. Neue antiamerikanische Macht-Koalitionen wären die Folge.
Egal ob Richard Holbrooke, wahrscheinlicher Außenminister eines Präsidenten Al Gore oder Colin Powell, wahrscheinlicher Außenminister eines Präsidenten George W.Bush , ins State Department einzieht (Der Falter-Redaktionsschluß lag vor Bekanntwerden des Wahlergebnisses): die Balance zwischen dem ausgelebten Selbstbewußtsein der alleinigen Supermacht und den langfristigen Interessen Amerikas auf Partnerschaft könnte zu den am schwierigsten zu meisternden Aufgaben der zukünftigen amerikanischen Außenpolitik werden.



 

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