Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Amerikanisches Signal, 30.5.2001


Von "George Bushs Schweinebucht-Desaster" sprechen erbarmungslos die amerikanischen Kommentatoren. So wie einst der strahlende John F.Kennedy wenige Wochen nach seinem Amtsantritt sehenden Auges in den verheerenden Invasionsversuch zum Sturz Fidel Castros geschlittert ist, habe ein vom Rest der Welt abgeschottetes konservatives Führungsteam im Weißen Haus die für die Republikaner so wichtige Mehrheit im Senat verspielt. Von den texanischen Machern rund um den Präsidenten wiederholt brüskiert, sei der selbstbewußte Senator James M.Jeffords aus Vermont aus der republikanischen Partei richtiggehend herausgedrängt worden.
Für George Bush haben sich die politischen Rahmenbedingungen auf jeden Fall schlagartig geändert: konnte sich der Präsident bisher trotz seines extrem knappen und nur via Höchstgerichtsentscheidung definitiven Wahlsieges auf die seltene Kontrolle über beide Häuser des Kongresses stützen, so wächst ihm nun in einer demokratischen Führung um Thomas Daschle im Senat ein mächtiges Gegengewicht. Die Hoffnung der Demokraten auf weitere Überläufer mag übertrieben schein. Aber schon die Amtsunfähigkeit des 98jährigen Strom Thurmond aus South Carolina könnte ihre Mehrheit ausbauen. Ernennt doch laut Verfassung in einem solchen Fall der Gouverneur einen Ersatz, und der ist im gegebenen Fall ein Demokrat.
Das an Ronald Reagans Zeiten erinnernde riesige Steuersenkungspaket, das Bush so problemlos durchpeitschen konnte, könnte die erste und letzte allein von seinen Vorstellungen geprägte Weichenstellung werden. Denn ohne den Kongreß kann ein amerikanischer Präsident keine Ausgaben tätigen, keine Richter ernennen und nicht einmal einen Botschafterposten verschenken. Jeder derartige Schritt erfordert nun die schwierige Suche nach einem Kompromiß mit dem politischen Widersacher, an der George Bush Senior gescheitert ist und die Bill Clinton das Leben so schwer gemacht hat.
Klar: ungewöhnlich ist diese Konstellation für die amerikanische Politik nicht, mußten doch die meisten Präsidenten zumindest für einige Zeit mit ähnlichen Situationen leben. Und die neue Senatsführung um Thomas Daschle wird darauf bedacht sein, nicht das verhängnisvolle Image der Blockierer gegenüber möglicherweise populären Initiativen aus dem Weißen Haus zu riskieren. Aber viele der großen Pläne Bushs und Cheneys stoßen keineswegs auf große Zustimmung in der Bevölkerung: hier werden die Demokraten jetzt ansetzen. "Ölbohrungen in den arktischen Naturschutzregionen? Mit uns sicher nicht", kündigt der zukünftige demokratische Mehrheitsführer an. Liberale Demokraten, wie Edward Kennedy aus Massachusetts, werden in der Sozialgesetzgebung oder in der Gesundheitspolitik jetzt zum Gegenüber George Bushs. Selbst Hillary Clinton, als Senatorin von New York nicht gerade ein Leichtgewicht, könnte als harte Verhandlerin in der Schulpolitik.demnächst wieder den Weg ins Weiße Haus finden. Der große Vorteil der Demokraten: der Abfall James Jeffords hat die bisherige eiserne Disziplin der republikanischen Fraktion schwer erschüttert. John McCain, der populäre Gegenspieler Bush aus der Vorwahlzeit, könnte dank seiner Kontakte über die Parteigrenzen hinaus zu einem eigenen politischen Spiel verleitet sein.
Selbst die Außenpolitik wird von diesem politischen Erdbeben sehr direkt betroffen sein: verliert doch Jesse Helms, der isolationistische Rechtsaußen aus North Carolina, nun den Vorsitz des Außenpolitischen Ausschusses im Senat. Jahrelang hatte Helms Clintons internationale Initiativen konterkariert. Der notorische UNO-Hasser wird jetzt durch Joseph Biden aus Delaware abgelöst, einen der weltoffensten Internationalisten des Kongresses. Biden gehört zu den Befürwortern eines amerikanischen Eingreifens auf dem Balkan und er ist ein erklärter Gegner der von Helms initiierten finanziellen Boykottmaßnahmen gegen die Vereinten Nationen. Dem von Bush gewünschten und von Verteidigungsminister Rumsfeld gepushten Raketenabwehrprogramm steht er betont skeptisch gegenüber.
Amerikanische Kommentatoren erklären das Jeffords-Debakel gerne mit der beschränkten Weltsicht des sonst so erfolgreichen texanischen Trios um Stabchef Andrew Card und die Politkiberater Karen P.Huges und Karl C.Rove im Weißen Haus. Tatsächlich weist die Krise jedoch auf tiefere innere Widersprüche des amerikanischen Konservativismus hin. George Bush hatte die Republikanische Partei während des Wahlkampfes scheinbar in die Mitte gerückt und durch sein Image des "mitfühlenden Konservativen" vielen pragmatischen Wähler die Angst genommen republikanisch zu wählen. Einmal an der Macht haben sich die konservativen Fundis jedoch über weite Strecken durchgesetzt. Von der Betstunde, mit der der christlich-fundamentalistische Justizminister Ashcroft den Arbeitstag im Ministerium beginnt, bis zur abschätzigen Ignoranz gegenüber Umweltschützern reichen die Symbole einer rechts-rechten Regierungspolitik, die so gar nicht mit dem gemäßigten Wahlkampf und der vorherrschenden Stimmung im Land im Einklang steht.
Anders als in den Achtzigerjahren unter Ronald Reagan geht die amerikanische Gesellschaft insgesamt nämlich keineswegs nach rechts. Die Polarisierung zwischen dem konservativen Süden, Texas und dem Midwest und den demokratischen Küsten und Industrieregionen zeigt sich unverändert in Diskussionen um die Todesstrafe oder die Schulpolitik. Eine Schere, die für die wenigen verbliebenen liberalen "Rockefeller"-Republikaner existenzgefährdend zu werden droht. Die republikanische Wählerbasis der Ostküste oder Neuenglands kann mit der von Texanern und christlichen Fundamentalisten dominierten Führung um Bush immer weniger anfangen. Dementsprechend nannte der abtrünnige James M.Jeffords auch Umweltschutz, Schulpolitik und Sozialpolitik als die Bereiche, in denen er den Weg des Präsidenten nicht mehr mitgehen könne. Das Steuersenkungspaket hatte Jeffords nur sehr zögernd unterstützt. Ganz so wie ein anderer republikanischer Senator, Lincoln Chafee aus dem neuenglischen Rhode Island, der nun von den aufgeschreckten Bush-Leuten umworben wird wie noch nie, um nur ja einen zweiten Fall Jefford zu verhindern.
Ein Lebenszeichen der Demokraten, auch wenn es überraschend kräftig ausfällt, ist noch keine Trendwende. Aber die Zeit der konservativen Alleinherrschaft in Washington scheint rascher zu Ende zu gehen als erwartet.


 

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