Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Aus der Traum: was der Fall Strauss-Kahn auslösen wird, 25.5.2011

Mit den düsteren Polizeifotos von Währungsfondschef Dominique Strauss-Kahn, in Frankreich kurz DSK, sind so manche Träume der europäischen Linken geplatzt.
Der weltgewandte Finanzzampano, so war die kühne Hoffnung, wird 2012 französischer Präsident. Das sozialen Engagement des langjährigen Sozialisten und die Beharrlichkeit des deutsch sprechenden Elsässers führen zur Wiederbelebung der französisch-deutschen Achse. Angela Merkel erliegt dem Charisma des Charmeurs. Statt den Griechen in Biertischmanier angebliche Urlaube, Feiertage und Frühpensionen vorzuwerfen, schwenkt die Kanzlerin auf den proeuropäischen Kurs Wolfgang Schäubles ein. Deutschland sagt gemeinsam mit Frankreich endlich ja zu Eurobonds, schlagartig endet die Unsicherheit um die gemeinsame Währung. Mit einem Präsidenten Dominique Strauss-Kahn wird Frankreich zum Trendsetter eines Neuanfangs.
Das Erwachen hätte brutaler nicht sein können. Die New Yorker Polizei präsentierte den linken Hoffnungsträger als Vergewaltiger und in Handschellen, schwer gezeichnet vom tiefen Fall. Vier Nächte verbringt der Politstar im Gefängniskomplex unter Drogenhändler, Dieben und Mördern. Der Absturz des Mannes, der den Währungsfonds von den neoliberalen Dogmen befreite und den zögerlichen Regierungschefs half den Euro zu retten, verstört nicht nur Frankreich.
Was das Strafverfahren in New York zu Tage fördern wird, kann niemand voraussagen. Wo Sex, Macht und Geld zusammenkommen, gibt es Versuchungen jeder Art. Die französische Presse, die im anfänglichen Schock die wildesten Verschwörungen vermutete, beschreibt DSK inzwischen fast wie der New Yorker Boulevard als Sex-gieriges Monster. Zwei junge Frauen, die jahrelang nicht ernst genommen wurden, berichten von physischen Übergriffen. Zu einer Anzeige ist es nicht gekommen. Aber die haarsträubende Geschichte vom Bankenchef, der nackt über das Zimmermädchen hergefallen sein soll, um sie zum oralen Sex zu zwingen, bevor er seelenruhig mit der Tochter essen geht, erscheint plötzlich nicht mehr ganz so absurd.
Die Verteidiger deuten die Möglichkeit von einvernehmlichem Sex an, bei dem etwas schief gelaufen ist. Es wäre eine sehr amerikanische Geschichte, radikal und demokratisch: Das Stubenmädchen aus Afrika, die alleinerziehende Mutter aus dem Sozialbau, kann einen der mächtigsten Finanzmänner der Welt zur Verantwortung ziehen, weil er sich an ihr vergriffen hat. Ob die Polizei in Paris, Rom oder Wien ähnlich agiert hätten, darf bezweifelt werden.
Aber wer kann in diesem Gewirr von Spekulationen und Emotionen ausschließen, dass auch Geld im Spiel ist? Von amerikanischen Gerichten erwarten Vergewaltigungsopfer der Superreichen großzügige Wiedergutmachung.
Die französische Gewissenserforschung geht über den konkreten Kriminalfall hinaus. In der Öffentlichkeit hatte Dominique Strauss-Kahn als Bonvivant gegolten, mit unzähligen Liebschaften und Affären. In Pariser Redaktionen zögerte man Frauen alleine zum Interview mit dem prominenten Sozialisten zu schicken. Drei Reporterinnen von Le Monde und Liberation, die den Ex-Finanzminister jahrelang journalistisch begleitet haben, warnen allerdings vor Übertreibungen: verbale Anzüglichkeiten vielleicht, physische Übergriffe gab es keine. Eine Andeutung des EU-Korrespondenten von Liberation über ein Problem des Währungsfondschefs mit Frauen endete im Blog, weil die Zeitung sie nicht drucken wollte. Die New York Times leitet daraus den Vorwurf ab, in Frankreich herrsche ein Gesetz des Schweigens. Die Journalisten seien so eng mit den Eliten verwachsen, dass sexuelle Belästigung schlicht ignoriert wird.
Dass in Europa anders als in den USA die Schlafzimmer der Politiker tabu sind, ist in Ordnung. Aber die Frauenbewegung hat neue Standards gesetzt. Männer, die Frauen ständig aggressiv anmachen, sind ein politischen Risiko, wie der selbstzerstörerische Fall DSK beweist. Europas Medien werden ihre Kontrollfunktion neu definieren müssen.
Bis zu den Präsidentschaftswahlen in Paris ist noch ein Jahr Zeit. Im Augenblick erscheinen die französischen Sozialisten ziemlich groggy. Ob sie sich vom Alptraum DSK erholen, wird von der Dynamik der bevorstehenden internen Vorwahlen abhängen. Die neue Bannerträgerin der Rechtsextremen, Marine Le Pen, kann jetzt auf jeden Fall nicht nur als Wortführerin gegen ein verkommenes Establishment auftreten, sondern unverhofft auch als Frau gegen die offizielle Machowelt punkten.


 

 

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