Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Autoritaere Reflexe, 20.10.2004


Der "Freedom of Information Act", der in den USA allen Bürgern Zugang zu allen staatlichen Unterlagen - Staatsgeheimnisse ausgenommen - garantiert, macht's möglich. Immer erdrückender werden die Beweise, wie höchste Regierungsstellen in Washington die schwersten Menschenrechtsverletzungen lateinamerikanischer Militärdiktaturen in den Siebzigerjahren gedeckt haben. Jüngstes Beispiel sind die vom regierungsunabhängigen National Security Archive veröffentlichten Abschriften von Telefonaten Henry Kissingers, bei denen der damalige Außenminister seinen Mitarbeitern ausdrücklich jede Kritik an der Repressionspolitik der Militärjunta in Argentinien untersagt. Mehr als 30.000 Menschen wurden während des so genannten "schmutzigen Krieges" ermordet, es ist der größte Blutzoll, den je eine Diktatur in Lateinamerika gefordert hat.
Auch Chiles Diktator Augusto Pinochet konnte sich zur gleichen Zeit über demonstrative Sympathieerklärungen freuen. Er halte die Kritik an der chilenischen Junta größtenteils für ungerechtfertigt, schmeichelte Kissinger dem General. Ein damaliger US-Botschafter bei der Organisation Amerikanischer Staaten, Robert E. White, der Chiles Menschenrechtspolitik trotzdem verurteilte, erhielt von Kissinger prompt einen Verweis.
Die lateinamerikanischen Putschgeneräle galten in Washington als sichere Bollwerke gegen den Kommunismus. Zur gleichen Zeit waren die Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion ein Dauerthema der amerikanischen Kalten-Kriegs-Propaganda.
Im gegenwärtigen so genannten "Krieg gegen den Terrorismus" ist, wie seinerzeit in Lateinamerika, die Fixierung auf einen Außenfeind bestimmend. Von der Nonchalance, mit der die heutige US-Regierung mit dem Völkerrecht umgeht, bis zur Freundschaft mit Diktaturen im Namen des Antiterrorkampfes reichen die Parallelen. Die nämlichen Freiheitsideale, mit denen George Bush seinen Kreuzzug gegen den islamischen Fundamentalismus begründet, blendet die amerikanische Diplomatie gegenüber befreundeten Diktatoren in Pakistan, Usbekistan oder Saudi-Arabien mit großer Selbstverständlichkeit aus. Den Glaubwürdigkeitsverlust in der islamischen Welt, der George Bush ja eigentlich die Freiheit bringen will, nimmt man offensichtlich in Kauf.
Immerhin: Als Wladimir Putin auf das Massaker von Beslan mit Plänen zur Abschaffung der freien Wahl von Provinzgouverneuren und einem restriktiven Wahlrecht reagierte, zeigte sich das offizielle Washington besorgt. Ganz wie in alten Menschenrechtszeiten reagierten die USA auf die ungeschminkten Manipulationsversuche bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Aber wohl fühlt sich die Regierung Bush dabei nicht. Ukrainische Soldaten gehören zur berühmten "Allianz der Willigen" im Irak, und Wladimir Putin gilt als Partner in der Konfrontation mit dem islamischen Fundamentalismus.
Um viel mehr als für die USA geht es in diesem Fall für Europa. Denn der autoritäre Trend in den meisten Staaten der ehemaligen Sowjetunion passiert in der unmittelbaren Nachbarschaft. Noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem die Erfolge der demokratischen Revolution von 1989, die es schließlich auch in Kiew und Moskau gegeben hat, völlig zunichte gemacht wären. Aber im Osten gibt es keine historisch verankerten Gegenkräfte, um die autoritären Reflexe im Antiterrorkampf zu bremsen. Die russische Presse ist domestiziert und die Zerschlagung des Ölimperiums Yukos hat privaten Kapitalbesitzern klar gemacht, dass sich Opposition gegen den Kreml nicht auszahlt. Die Oppositionsparteien sind dezimiert und machtlos.
Putins zweite Amtszeit endet 2008. Lässt er die Verfassung ändern, um weiter Präsident zu bleiben, dann wäre eine der großen Errungenschaften der vergangenen Jahre außer Kraft gesetzt: die zeitliche Begrenzung der Allmacht eines Kremlherrn. Alexander Lukaschenko, der diktatorische Präsident von Belarus, hat diesen Schritt mit einem am vergangenen Wochenende über die Bühne gegangenen Referendum bereits getan. Der Ukraine, dem nach Russland wichtigsten Staat der ehemaligen Sowjetunion, steht der entscheidende Urnengang noch bevor. Gelingt es dem Machtkartell um den bisherigen Präsidenten Leonid Kutschma mithilfe des Geheimdienstes und kaum verhüllter Unterstützung Moskaus, den prowestlichen Hoffnungsträger der Opposition, Viktor Juschtschenko, zu besiegen, dann droht ein mit demokratischen Regeln auf Kriegsfuß stehendes russisch-weißrussisch-ukrainisches Dreigestirn.
Unter den vielen wenig überzeugenden Thesen der amerikanischen Neokonservativen macht eine durchaus Sinn: Parlamentarische Demokratien, so lautet der Lehrsatz, führen normalerweise keine Kriege gegeneinander. Im Umkehrschluss bedeutet das: je schwächer die Zivilgesellschaft östlich der EU-Außengrenze, desto schlechter für die Sicherheit des Kontinents. Daher sollte es eigentlich fixer Bestandteil europäischer Außenpolitik sein, das Interesse der EU-Staaten an einer unabhängigen Presse, freien Wahlen und einer selbstständigen Justiz von Kiew bis Moskau klarzumachen. Umso erstaunlicher die Aufregung über einen vom deutschen grünen Parteivorsitzenden Reinhard Bütikofer mitunterzeichneten Putin-kritischen Aufruf. Die Idee, dass das Einmahnen demokratischer Grundwerte als Verletzung nationaler Souveränitätsrechte verstanden werden könnte, hatte man eigentlich längst begraben geglaubt.
Henry Kissingers einstige Freundschaft mit lateinamerikanischen Diktatoren fällt zweifelsohne in eine noch deutlich schlimmere Kategorie. Aber wie abschüssig die Bahn geworden ist, auf die sich die gegenwärtige Anti-Terror-Diplomatie begeben hat, zeigt der Fall des britischen Botschafters in Usbekistan, Craig Murray. Murray wurde vom Foreign Office gefeuert, weil er die Folterpraktiken der usbekischen Diktatur gegenüber Terrorverdächtigten angeprangert hat. Trotz 5000 politischer Gefangener gilt der usbekische Diktator Islam Karimow als enger Verbündeter des Westens gegen den islamischen Fundamentalismus. Ganz ähnlich, wie vor dreißig Jahren die antikommunistische Rhetorik lateinamerikanische Putschgeneräle in Washington populär gemacht hat.

 

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