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Barack
Obamas aussichtsloser Kampf in Afghanistan, 11.11.2009
Bei so viel Selbstlob wie rund um den Fall der Berliner Mauer könnte
man es fast vergessen: Gegen das sowjetische Reich des Bösen hat
der Westen nicht nur mit den Waffen der Demokratie und der Menschenrechte
gekämpft. Während Papst, Ronald Reagan und Helmut Kohl die polnische
Solidaritätsgewerkschaft, russische Menschenrechtsgruppen und ostdeutsche
Kirchengemeinden unterstützten, finanzierte Amerika auch Todfeinde
von Demokratie und Fortschritt.
Für die grotesken Bündnisse, die die freie Welt im Kampf gegen
den Kommunismus einging, zahlt Afghanistan heute den höchsten Preis.
Die 1978 in Kabul an die Macht gekommenen Kommunisten propagierten Alphabetisierung
und Landreform, sie verboten Zwangsheiraten und die Burka. Der Staat ließ
Moscheen schleifen, der Geheimdienst jagte islamische Prediger. Es war
die Erziehungsdiktatur einer Minderheit, die sich bald nur dank tausender
sowjetischer Soldaten am Ruder halten konnte. CIA-Chef William Casey ließ
die aufständischen Islamisten mit den modernsten Waffen ausrüsten,
um die Sowjetunion zu schwächen. Die Kinder und Enkelkinder dieser
Kämpfer wider den Kommunismus sind jetzt dabei, dem Westen die erste
große Niederlage nach dem Ende des Kalten Kriegs zuzufügen.
Barack Obamas Oberkommandierender in Afghanistan, Stanley McChrystal,
verlangt mehr Soldaten, um den Aufstand niederzuschlagen. Ähnlich
reagierten die sowjetischen Generäle in den zehn Jahre der Besatzung
1979 bis 1989 auf den wachsenden Widerstand. Acht Jahre dauert inzwischen
der Afghanistankrieg von Nato und USA. Der Präsident tut gut daran,
sich Zeit zu lassen mit einer Entscheidung, durch die Amerika noch tiefer
hineingezogen würde in einen aussichtslosen Kampf. Mit der vom Generalstab
geforderten Aufstockung um 40.000 stünden 125.000 fremde Soldaten
in Afghanistan, mehr als in den schwierigsten Zeiten der sowjetischen
Präsenz.
Die heutigen Taliban sind militärisch ungleich schwächer, als
es die hochgerüsteten antisowjetischen Mudschaheddin waren. In der
offenen Auseinandersetzung mit den Nato-Truppen haben sie keine Chance.
Trotzdem kontrollieren die Rebellen immer größere Teile des
Landes.
Zum großen Ziel des Westens gehört der Aufbau einer afghanischen
Streitmacht. Ein schwieriges Unterfangen in einem Land ohne zentralstaatliche
Tradition. Je mehr Polizisten es gibt, desto unberechenbarer wird die
Polizei. Den schlimmsten Blutzoll zahlten die britischen Soldaten Ende
Oktober beim Überfall eines afghanischen Polizisten in der Provinz
Helmand auf eine teetrinkende Patrouille. Die Briten hatten einen Mann
ausgerüstet und trainiert, der in Wirklichkeit ein infiltrierter
Talibankämpfer war. In aller Ruhe brachte er sein Maschinengewehr
auf dem Nachbarhaus in Position, mähte die Gruppe von Ausländern
nieder und floh.
Zum Vormarsch der Rebellion kommt der politische Super-GAU bei den Präsidentschaftswahlen.
Mohammed Karzai ist zwar der massiven Wahlfälschung überführt,
bleibt aber trotzdem Präsident. Die nach dem Sturz der Taliban 2001
eingeschlagene Strategie, ein staatsähnliches Gebilde auf demokratischer
Grundlage zu errichten, ist vorläufig gescheitert.
Dem Debakel des Westens lassen sich keine positiven Seiten abgewinnen.
Den Schaden haben vor allem die Völker Afghanistans. Von neuem ist
eine Chance verspielt, eine der archaischsten Gesellschaften dieser Erde
humaner, demokratischer, moderner zu machen.
Der Machtzuwachs für die Taliban destabilisiert die Nachbarn, vor
allem die Atommacht Pakistan. Aber eine Bedrohung Europas oder Amerikas
wird daraus keine erwachsen. Sterben für Karzai? Keine westliche
Regierung wird auf Dauer eigene Soldaten in den Tod schicken können,
um ein als korrupt und illegitim kritisiertes Regime am Hindukusch zu
schützen. Über kurz oder lang wird der öffentliche Druck,
sich zurückzuziehen, unwiderstehlich sein.
Gorbatschow hatte nach der Heimkehr der sowjetischen Truppen 1989 keine
Afghanistanpolitik mehr. Amerikas Stellung in der Welt hängt nicht
vom Ausmaß seiner Kontrolle über die Stammesgebiete der Paschtunen
ab. Der Kampf gegen Al-Kaida und andere islamistische Revolutionäre
ist global.
Was Barack Obama für Afghanistan braucht, ist eine Exitstrategie
und keine Strategie der Eskalation. Ganz ähnlich, wie die USA das
auch im Irak versuchen.
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