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Beirut
und Sarajevo, 2.8.2006
So viel historische Ignoranz war schon lange nicht zu hören wie dieser
Tage von höchster Stelle aus Washington, D.C. Der "Terrorismus"
sei die Ursache aller Probleme im Nahen Osten, wiederholt George Bush
immer wieder. Solange diese Wurzel allen Übels nicht beseitigt sei,
sei ein Waffenstillstand im Libanon sinnlos. Die sonst so kenntnisreiche
Condoleezza Rice sieht gar die "Geburtswehen eines neuen Nahen Osten".
Realitätsferne Sprüche nach mehr als sechzig Jahren immer wiederkehrender
Runden von Krieg und Besetzung, Angriff und Gegenangriff, Massaker und
Gegenmassaker, deren Wurzeln kein mysteriöser Terrorvirus ist, sondern
der israelisch-palästinensische Konflikt. Nur in einem Punkt unterscheidet
sich die gegenwärtige Auseinandersetzung von früheren Krisen:
Nicht inkompetent geführte Armeen korrupter arabischer Staaten oder
mit Steinen werfende Jugendliche sind diesmal die Gegner Israels, sondern
eine waffenstarrende und hochmotivierte, fundamentalistische Untergrundarmee.
Die israelischen Streitkräfte tun sich in dieser Auseinandersetzung
sichtlich schwer. Doch selbst wenn es Israel gelingen sollte, den Führungskern
der Organisation zu töten: In den verwüsteten Gebieten des Libanon,
in Gaza oder Jenin wachsen heute schon die Nachfolger des ominösen
Scheichs Nasrallah. Mag sein, dass die israelische Luftwaffe die Nachschubwege
nach Damaskus zerstört. Aber die Gotteskrieger von morgen werden
Mittel und Wege finden, sich ihre Waffen zu holen, ob aus Syrien, aus
dem Iran oder aus Pakistan. Irgendwann werden darunter wohl auch Massenvernichtungswaffen
sein.
Ohne Versöhnung mit den Nachbarn sitzt Israel langfristig auf dem
kürzeren Ast. Der Krieg, der durch die Entführung der beiden
israelischen Soldaten vor drei Wochen ausgelöst wurde, ist vieles
gleichzeitig: ein israelischer Verteidigungskrieg gegen den feindlichen
Nachbarn Hisbollah, den die Regierung Olmert aus der Logik der Abschreckung
heraus zu einem zerstörerischen Kampf gegen den gesamten Libanon
und seine Infrastruktur ausgeweitet hat. Der Versuch der palästinensischen
Untergrundorganisationen in Gaza, aus der Umzingelung auszubrechen und
eine Art Gleichgewicht des Schreckens gegenüber den ständig
straflos einfallenden israelischen Soldaten herzustellen. Sowie: ein geopolitischer
Stellvertreterkrieg, in dem der Iran und die USA mittels ihrer Verbündeten,
Hisbollah und Israel, Gefahren einer großen zukünftigen Konfrontation
testen. Es sind Konflikte, die aus der Enttäuschung über die
verpassten Chancen der Neunziger mit vielen gescheiterten Verhandlungen
entstanden sind.
Eine internationale Streitmacht soll jetzt zu einer Lösung führen.
Nach amerikanischer Vorstellung müssten sich im Libanon vor allem
die Europäer engagieren. Diese Woche sollen bei den Vereinten Nationen
die Weichen gestellt werden. Es wäre eine Operation mit ungeheuren
Risiken, aber auch mit der Möglichkeit, den Nahen Osten durch eine
umfassende Internationalisierung auf den Verhandlungsweg zu bringen. Die
optimistische Variante mag wenig wahrscheinlich sein, solange die Logik
der Gewalt dominiert. Aber wenn einmal die Grenzen der militärischen
Eskalation erreicht sind, werden die Akteure vielleicht auch andere Schlussfolgerungen
ziehen.
Für Israel beweisen die Erfahrungen in Gaza zum Beispiel, dass einseitige
Schritte in den besetzten Gebieten, wie sie die Regierung Olmert plant,
offensichtlich doch nicht die erwünschte Sicherheit bringen. Ein
Ende des Besatzungsregimes, das von einer Mehrheit der israelischen Bevölkerung
gewünscht und von der Regierung versprochen wurde, wird nur über
neue Friedensverhandlungen mit den Palästinensern möglich sein.
Und die könnten den Weg zur Stationierung internationaler Truppen
auch in Gaza und Jerusalem, Ramallah und Hebron eröffnen. Dazu reicht
es, die alten Entwürfe für eine israelisch-palästinensische
Versöhnung auszugraben, die alle während einer Übergangsphase
eine internationale Präsenz als Schirmherr über einen palästinensischen
Staat und als Garant für die Sicherheit Israels vorgesehen haben.
Umgekehrt liegen auch die Risiken einer internationalen Libanon-Friedensmission
auf der Hand: Sie reichen von scharfem Beschuss durch Kriegsparteien,
wie das die unglücklichen Uno-Blauhelme erleben mussten, bis zur
Gefahr, dass westliche Soldaten zum Ziel eines fundamentalistischen Guerillakampfes
à la Irak werden. Im Worst-Case-Szenario könnte die israelisch-libanesische
Pufferzone zu einem Schlachtfeld in dem von amerikanischen Neocons und
islamischen Fundamentalisten angeheizten Krieg der Kulturen werden. Mit
den Europäern als hilflosen Statisten.
Das positive Vorbild für erfolgreiche bewaffnete Befriedungsaktionen
der Großmächte in den letzten Jahrzehnten liefert der Balkan.
Bosnien und der Kosovo sind bis heute internationale Protektorate. Die
Voraussetzung dafür waren die Verhandlungen in Dayton, zu denen Bill
Clintons Diplomaten alle Bösewichter der Region versammelten. Der
Nahe Osten bräuchte viele Daytons, mit Hamas und Hisbollah, Syrien
und Iran am Verhandlungstisch, um aus der Sackgasse von Gewalt, Gesprächsverweigerung
und Konfrontation herauszukommen. Auch für die pessimistische Variante
einer europäischen Friedensmission im Libanon liefert der Rückgriff
auf das Sarajevo der frühen Neunziger ein Beispiel: Das Jammerbild
der Blauhelme, die in den Monaten vor Srebrenica als Geiseln genommen
wurden, um als menschliche Schutzschilder zu dienen, erinnert, wie rasch
ein politisch und militärisch nicht abgesicherter Friedenseinsatz
zum Desaster werden kann.
Klar, statt des multilateralistisch orientierten Bill Clinton sitzt heute
George W. Bush im Weißen Haus. Die neokonservativen Einflüsterer
halten jeden Schritt zu Verhandlungen mit "Terroristen" für
ein neues München. Aber die Supermacht Amerika ist mit der Vielzahl
der Krisen in der Welt überfordert. Im Libanon wünschen sich
die amerikanischen Strategen ausdrücklich französische, spanische
und italienische Soldaten. Wenn Europa gemeinsam auftritt, könnte
es sein Engagement an eine klare Bedingung knüpfen: dass die USA
eine sofortige Wiederaufnahme des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses
erzwingen, mit dem Ziel der raschen Errichtung eines international abgesicherten
Palästinenserstaates.
Utopisch? Die Öffentlichkeit wäre wahrscheinlich sowohl in den
USA als auch in Israel und in der Westbank zu gewinnen. Aber wann haben
sich die Europäer das letzte Mal zu einer vernünftigen weltpolitischen
Initiative durchgerungen?
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