Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Berlusconi und Benedikt, 27.4.2005



2001 war Silvio Berlusconi ein Kunststück gelungen, das die meisten Kommentatoren als Resultat besonderer italienischer Verhältnisse ansahen. Nirgendwo sonst ist ja der Regierungschef der reichste Mann der Nation und kontrolliert gleichzeitig direkt die Medienwelt. Berlusconi schaffte es, dem Wahlvolk einzureden, sein märchenhafter persönlicher Reichtum sei der beste Beweis dafür, dass er auch das Land in eine goldene Zukunft führen könne. Solche Wunschvorstellungen sind keineswegs auf Italien beschränkt. Auch anderswo sehnt man sich nach dem Know-how einer über der schwierigen Wirklichkeit stehenden Führungspersönlichkeit, die konkrete Antworten auf die drängenden politischen Fragen hinfällig macht.
Diesen Wunsch nach Konkretem verspottete letztes Jahr ein Stratege des Weißen Hauses in einem inzwischen berühmt gewordenen Interview der New York Times als Engstirnigkeit der linksliberalen "reality based community", die immer nur an der Wirklichkeit klebe. Als ihr größtes politisches Kunststück sehen es die amerikanischen Konservativen an, dass sie es geschafft haben, diese unangenehme Wirklichkeit durch Appelle an Patriotismus und Marktgläubigkeit in den Hintergrund zu drängen. Bei den Präsidentschaftswahlen triumphierten die Wunschvorstellungen rosiger Demokratisierungsperspektiven im Nahen Osten und die Wunderwelt ewiger Steuersenkungen über die Realität von irakischem Terrorismus und amerikanischem Budgetdefizit.
In Rom hat die Meisterschaft des "Cavaliere" in der Disziplin der Realitätsbiegung die Grenze des demokratiepolitisch Erträglichen jedoch seit langem überschritten. Berlusconis manipulativer Missbrauch der Fernsehmacht, sein wiederholter erpresserischer Druck auf die Justiz und die Reduktion des politischen Diskurses auf unflätige ideologische Beschimpfungen brachten seinem Regime den Ruf einer "degenerierten Form der Demokratie" ein, wie es der Londoner Guardian formuliert. Vor italienischen Gerichten ist Berlusconi seit den Neunzigerjahren vorgeworfen worden, dass er nur dank der Mafia zu seinem märchenhaften Reichtum gekommen sei. Der Aufstieg zum Regierungschef machte ihn zur größten Herausforderung für die europäische Demokratie.
Doch jetzt schlägt die Wirklichkeit zurück. Das Kabinett Berlusconi III, das die Koalitionspartner dem sichtlich unwilligen Regierungschef aufgezwungen haben, trägt den Stempel der verheerenden Wahlniederlage von Anfang April. Dass im traditionell rechtskonservativen Apulien der bekennende Homosexuelle und Rifondazione-Comunista-Abgeordnete Niki Vendola das Rennen um den Landeshauptmann gemacht hat, unterstrich, wie radikal die Wähler mit der rechten Regierungskoalition brechen können. Der "Berlusconismo", wie man ihn bisher gekannt hat, ist am Ende. Vom selbstbewussten Gehabe der ersten Regierungsjahre ist kaum mehr etwas geblieben. Kein Wunder, das Desaster an den Urnen war eine direkte Folge der beiden wichtigsten Initiativen der Regierung, dem unpopulären militärischen Engagement im Irak an der Seite der USA und den enttäuschenden Folgen zweifacher Steuerkürzungen. Jetzt wirkt das angeblich so wirtschaftsfreundlich geführte Italien in puncto Wirtschaftswachstum selbst dem rot-grünen Deutschland hinterher. Nach den amerikanischen Schüssen auf die befreite Il Manifesto-Journalistin Giuliana Sgrena fragt sich das Land, was Berlusconis Schulterschluss mit George Bush denn gebracht haben soll außer ein paar netten Schnappschüssen für den Regierungschef.
Gewählt wird erst im nächsten Jahr. Aber schon schielt die unter Romano Prodi mühsam geeinte Linke sehnsüchtig nach Spanien. Der als "Bambi" belächelte PSOE-Chef José Luis Rodríguez Zapatero galt dort ursprünglich als wenig attraktiver Kandidat, ohne Charisma und mit geringer Durchschlagskraft. Doch als Regierungschef ermöglicht er jetzt einen durch Jahre konservativer Herrschaft blockierten gesellschaftlichen Nachholprozess, der das Land in manchen Fragen unvermutet zum Vorreiter für Toleranz und Liberalität in Europa macht. Kühne Fantasien von einer Regierung Prodi sind erlaubt, die Italien aus dem irakischen Morast herausführt und zu einer treibenden Kraft der europäischen Einigung macht. Und wer weiß: Vielleicht könnte Italien, so wie kürzlich das ebenfalls tiefkatholische Spanien, einmal sogar die Homosexuellenehe einführen.
Der große Unterschied zum Spanien der vergangenen Monate hat einen Namen: Benedikt XVI. Helfen im politischen Leben demokratische Wahlen der Wirklichkeit zum Durchbruch, so siegte in der katholischen Kirche mit Joseph Ratzinger das Primat der Doktrin. Wojtylas Konservativismus war mit den demokratischen Revolutionen Osteuropas verbunden, sein Moralismus machte ihn zu einem Kritiker der Ungerechtigkeiten dieser Welt. Von Ratzinger ist nur bekannt, dass er sich für die Reinheit der Lehre interessiert. Dementsprechend begeistert reagiert in den für das Gewicht der Religion in der Politik bekannten USA die christliche Rechte auf die römische Entscheidung für den katholischen Hardliner. Ein Schulterschluss evangelikaler Gruppen mit einer zunehmend konservativ geführten katholischen Kirche im Streit gegen Abtreibung und Homosexuellenehe scheint im Bereich des Möglichen. Dass sich der nunmehrige Papst nicht scheut, auch in das politische Leben einzugreifen, bewies er im vergangenen US- Präsidentschaftswahlkampf. Als Chef der Römischen Glaubenskongregation empfahl er, katholischen Politikern, die das Recht auf Abtreibung verteidigen, die Kommunion zu verweigern. Direkt betroffen gewesen wäre der demokratische Herausforderer John Kerry. Eine derartige Konfrontation mit der mehrheitlich liberalen Basis wollten die amerikanischen Bischöfe dann doch nicht eingehen.
In Spanien war der Widerstand der durch Mullahs und Rabbiner verstärkten Bischöfe gegen die Lockerung der Scheidungsgesetze und die Gleichberechtigung Homosexueller lauter als die Proteste der rechten Opposition. Ein Papst hat in Italien selbst dann, wenn er ein Deutscher ist, ungleich mehr Gewicht als das Episkopat irgendeines anderen katholischen Landes. Wie sehr es nach dieser Papstwahl den Hardlinern gelingen wird, ihr Programm innerhalb der Kirche auch durchzusetzen, ist daher nicht nur für Katholiken relevant. Religionsgemeinschaften sind Machtfaktoren des gesellschaftlichen Lebens, ob im religiösen Amerika oder im säkularen Europa. Mit dem Niedergang Berlusconis und dem Aufstieg Benedikts XVI. könnte Italien leicht zum Exerzierfeld einer wachsenden Polarisierung werden, in der doktrinärer werdende Religionsgemeinschaften einer liberaler werdenden Gesellschaft gegenüberstehen.


 

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