Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Besser als ein Kreuzzug, 6.7.2005


Gegen die weltpolitischen Visionen der Regierung Bush kann man mit gutem Recht so manches vorbringen. Aber wie Condoleezza Rice vergangenen Monat den wichtigsten Verbündeten der USA in der arabischen Welt die Leviten gelesen hat, verdient Respekt. Unbekümmert um die Sensibilitäten des saudischen Königshauses legte die amerikanische Außenministerin in Riad hörbaren Protest gegen die langjährigen Gefängnisstrafen für drei Dissidenten ein, die es gewagt hatten, eine konstitutionelle Monarchie zu fordern. Der perplexe saudische Kollege hat so viel direkte Widerrede offensichtlich noch nie erlebt wie bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem amerikanischen Gast. Nicht viel besser ging es dem ägyptischen Außenminister, der ein Streitgespräch vor laufenden Kameras riskierte, als Rice ein Ende des seit der Ermordung Anwar al-Sadats geltenden Ausnahmezustandes forderte.
Vor Studenten der American University betrieb die Außenministerin Vergangenheitsbewältigung: Sechzig Jahre lang hatten die USA im Mittleren Osten Stabilität auf Kosten der Demokratie angestrebt, erreicht habe man keines von beidem. "Wir verfolgen jetzt einen anderen Kurs", so Rice, "wir unterstützen die demokratischen Bestrebungen der Völker." Ganz so wie westliche Politiker im Osteuropa des Kalten Krieges gerne Dissidenten einluden, traf die Außenministerin zum Missvergnügen der ägyptischen Regierung mit Regimekritikern um Ayman Nour zusammen. Der liberale Oppositionspolitiker, erst dieses Frühjahr auf amerikanischen Druck aus dem Gefängnis entlassen, streitet inzwischen vor Gericht um seine Chance, im September bei den Präsidentschaftswahlen gegen Hosni Mubarak antreten zu können.
Keine Frage: Es ist Bewegung in die erstarrte Welt der diktatorischen arabischen Regimes gekommen. Die Freiheitsparolen, die von der Schutzmacht USA zu hören sind, waren dafür der Anstoß. George Bush geht mit seiner demokratischen Rhetorik jedoch das Risiko ein, mit den herrschenden Cliquen die einzigen relevanten amerikafreundlichen Kräfte der arabischen Region zu destabilisieren. Konsequent zu Ende geführt, würde das die Demontage aller proamerikanischen Staatsführungen von Rabat bis Kairo, von Amman bis Kuwait bedeuten. Schließlich profitieren in der Realität vor allem islamische Parteien, mit denen die USA nichts anfangen können, von den demokratischen Öffnungen. So sind sich alle Kenner der politischen Landschaft Ägyptens einig: Ernsthaft von Demokratisierung wird man erst sprechen können, wenn die ägyptische Moslembruderschaft legalisiert ist, die als die größte politische Kraft des Landes gilt.
Was würde passieren, gäbe es einen islamistischen Wahlsieg an den Urnen, etwa in Ägypten oder Jordanien? Wie eine solche Entwicklung zur Katastrophe führen kann, zeigt das algerische Beispiel. Um einen Wahlsieg der Fundamentalisten nach dem Ende des aus dem antifranzösischen Befreiungskampf hervorgegangenen autoritären FNL-Regimes zu verhindern, putschte 1992 das Militär. Ein Jahrzehnt des Bürgerkrieges mit mehr als 100.000 Toten war die Folge. Das Gegenbeispiel ist die Türkei, wo sich selbst die lange Zeit von den Militärs drangsalierte islamische Erdogan-Partei der magnetischen Anziehungskraft der EU nicht entziehen konnte. Ein Erfolg europäischer Soft Power von geopolitischer Bedeutung, von dem man nur inständig hoffen kann, dass er nicht im giftigen Gestrüpp von Ressentiments und Ängsten eines kleinlich gewordenen Europas verkommt.
Dementsprechend ist die amerikanische Freiheitsrhetorik unter George Bush ein vorsichtiger Hochseilakt. So hat sich das State Department nach langem Zögern schließlich doch dazu bewegen lassen, das tyrannische Regime Islam Karimows in Usbekistan zu kritisieren, nachdem die Berichte über das von Sicherheitskräften angerichtete Massaker im Fergana-Tal nicht verschwinden wollten. Amerikanische Medien spekulieren, die Offiziere der beteiligten Einheiten seien möglicherweise durch amerikanische Trainingscamps gegangen. Die vom Pentagon benützten ehemaligen sowjetischen Militärbasen in Usbekistan sind für die Militäreinsätze in Afghanistan unersetzbar.
In Ägypten musste Condoleezza Rice auch hautnah erleben, wie nachhaltig die Glaubwürdigkeit der USA zerstört ist: Während sie sich im Badeort Scharm el Scheik vor Hosni Mubarak mit undiplomatischer Offenheit für die Rechte der Opposition einsetzte, sammelten sich die Oppositionellen in den Straßen von Kairo zu einer Protestdemonstration sowohl gegen Mubarak als auch gegen den "amerikanischen Neokolonialismus". Dahinter steckt mehr als Imageprobleme in der Folge von Guantánamo und Abu Ghraib. Während die amerikanische Außenministerin die Willkür der Polizei anprangerte und die Vorteile einer unabhängigen Justiz pries, erklärte der Chef der ägyptischen Diplomatie die Wut der Menschen mit der Koranmissachtung in Guantánamo und der US-Unterstützung für die Israelis in der Westbank.
Für den Rest der Welt ist eine imperiale Macht, die bemüht ist, demokratische Benchmarks zu setzen, einer Kreuzzugsmentalität gegen einen terroristischen Außenfeind zweifelsohne vorzuziehen. Auch persönliche Konstellationen spielen eine Rolle: Condoleezza Rice kann es sich aufgrund ihres persönlichen Drahtes zum Präsidenten leisten, manch diplomatische Konvention zu brechen. Dass sie als Afroamerikanerin und Frau den auf ihre Machorollen so bedachten Potentaten des Nahen Ostens den Spiegel vorhält, gibt der Konstellation zusätzlich einen eigenen Reiz.
Allzu große Erwartungen darf man in diesen Trend aber wohl nicht setzen. Der heiße Konflikt Nummer eins des Nahen Ostens, jener im Irak, wird immer mehr zum Vietnam George Bushs. Und eine gerechte Lösung des Palästinenserproblems bleibt selbst nach einem israelischen Abzug aus Gaza in weiter Ferne. Solange die beiden großen Konflikte der Region nicht gelöst sind, wird in der arabischen Welt jeder Wandel im Verhältnis zur Demokratie westlichen Musters eine Episode bleiben.

 

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