Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Bier und Wein, 16.1.2008



Bei den jüngsten politischen Bildern aus Amerika reibt man sich die Augen. Ganze Familien aus nahezu völlig weißen Bundesstaaten harren stundenlang in eisiger Kälte aus, um einem schwarzen Präsidentschaftskandidaten zuzuhören. Die Frauen des konservativen New Hampshire verhelfen mit ihrer Stimme der ersten Feministin des Landes zum Comeback. "Change" ist sogar bei den regierenden Republikanern das Zauberwort. Machte sich doch deren Neofavorit John McCain durch den Kampf gegen die Folter und für Klimaschutz im Senat einen Namen.
Die USA befinden sich nach Guantánamo, Abu Ghraib und George W. Bush in einer Phase, in welcher der Wunsch nach Erneuerung quer durch alle Parteien geht. Dabei wird der Wahlkampf zum wichtigsten Vehikel der Kurskorrektur.
Ein einzigartiger amerikanischer Vorgang, haben dank der Vorwahlen doch nicht wie in Europa die Parteiapparate das letzte Wort über Kandidaten und Programme, sondern der interessierte Teil des Wahlvolks. Viele erinnert das amerikanische Wahljahr 2008 an 1968. Damals begeisterte der Kriegsgegner Eugene McCarthy die Jugend und Bobby Kennedy forderte das Establishment der Demokratischen Partei heraus. Der britische Publizist Godfrey Hodgson vergleicht die glänzenden Augen bei den überfüllten Wahlkampfveranstaltungen Barack Obamas mit den wie zu einer "Pyramide der politischen Sehnsucht" erhobenen Armen der Fans rund um den Truck, auf dem
1968 in Kalifornien Robert Kennedy, der Bruder des ermordeten Präsidenten, sprach. Die Intensität solcher Gefühle hängt mit der Hoffnung auf eine politische Zeitenwende zusammen. "Wer versteht, welche Sehnsucht diese in Richtung Robert Kennedys gerichteten Arme ausdrücken, der wird es vielleicht auch schaffen, die Malaise Amerikas zu heilen", schrieb der britische Beobachter vor vierzig Jahren.
Die Auseinandersetzungen um Vietnam damals waren um vieles dramatischer als die Scharmützel um den Irakkrieg, die sich Barack Obama und Hillary Clinton heute liefern. Die historische Bedeutung des rasanten Aufstiegs Barack Obamas vom kecken Jungsenator aus Illinois zum chancenreichen Präsidentschaftskandidaten hängt daher auch weniger mit seiner Ablehnung des Irakkriegs zusammen als mit seiner Hautfarbe. Obama symbolisiert die ungeheuren Fortschritte Amerikas auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft. Als seine weiße Mutter aus Kansas seinen Vater, den schwarzen Austauschstudenten aus Kenia heiratete, waren gemischtrassige Ehen in der Hälfte der Bundesstaaten verboten. In Bahnhöfen und Restaurants, in Schulen und Universitäten tobte der Kampf um die Rassentrennung. Mit dem Erbe von Sklaverei und Segregation hat Obamas persönliche Familiengeschichte zwar nichts zu tun. Zu seinen Erfolgsrezepten gehört es, dass er nicht als Repräsentant der Bürgerrechtsorganisationen wirkt, sondern wie ein Politiker agiert, der eben zufällig schwarz ist. Aber ein afroamerikanischer Präsident im Weißen Haus wäre trotz allem das denkbar größte Aufbruchszeichen. Selbst eine erste Frau im Weißen Haus, die Hillary Clinton sein will, würde nicht an die kulturrevolutionäre Dimension eines solchen Befreiungsschlags heranreichen.
Die Supermacht geführt von einem Politiker, den Rassisten aller Länder als "Nigger" oder "Neger" verächtlich machen, das wäre ein Quantensprung bei der Überwindung der ältesten Diskriminierung.
Der Optimismus von 1968 fand in den USA mit den tödlichen Schüssen auf Robert Kennedy und Martin Luther King ein abruptes Ende. Der Wahlsieg des Republikaners Richard Nixon stand am Beginn eines konservativen Rollbacks, das zur rechten Revolution Ronald Reagans führte und schließlich im radikalen Konservativismus George W. Bushs mündete. Ob diese Ära 2008 zu Ende geht?
Das wird unter anderem vom weiteren Verlauf der Primaries abhängen. Als magisches Datum gilt der Supertuesday am 5. Februar, wenn 22 Bundesstaaten, darunter New York und Kalifornien, an die Urnen gehen. Leicht möglich, dass es auch dann noch keine Entscheidung gibt. Ein langer Zweikampf zwischen Barack Obama und Hillary Clinton bei den Demokraten sowie ein Mehrfrontenkrieg ohne eindeutigen Sieger bei den Republikanern ist zurzeit die wahrscheinlichste Variante. Je länger die Auseinandersetzung dauert, desto größeres Gewicht wird die Frage bekommen, wer denn für die tatsächliche Präsidentschaftswahl am 4. November die besten Voraussetzungen mitbringt. Für Obama könnte dann zum Handicap werden, was ihn bisher zum Superstar gemacht hat: dass er ein Afroamerikaner ist. Die Umfragen sind
eindeutig: Die Vorurteile gegen einen schwarzen Politiker sind zwar dramatisch geringer als früher, aber bleiben bestehen und sie sind auch deutlich größer als die Vorbehalte gegen eine Frau. Im Finish eines Präsidentschaftswahlkampfs geht es um die Wechselwähler in einigen wenigen heißumkämpften Bundesstaaten. Diese letztlich entscheidende Gruppe könnte durch die Perspektive eines schwarzen Präsidenten überfordert sein.
Dagegen sind Frauen in führenden Positionen inzwischen ein gewohntes Bild. Als erste weibliche Politikerin mit echten Chancen auf das Präsidentenamt ist auch Hillary Clinton das Produkt der Emanzipationsbewegungen der Sechziger- und Siebzigerjahre. Aber Feminismus ist längst zum Mainstream geworden. Das nimmt einer weiblichen Präsidentschaftskandidatur revolutionäre Sprengkraft, macht sie aber vielleicht leichter mehrheitsfähig. Eine weiße Frau im Weißen Haus wäre ein politisches Nachziehverfahren gegenüber einem längst verarbeiteten gesellschaftlichen Prozess. Hillary Clinton kann daher hoffen, dass der Reflex der Frauensolidarität ihr auch in Zukunft mehr Stimmen bringen wird, als das Frausein in der großen Politik kostet. Überwinden muss sie die nach wie vor bestehenden starken Vorbehalte gegen ihre Person. Hillary Clintons Vorteil, der wichtiger wird, je länger die Primaries unentschieden bleiben:
Hinter ihr stehen die größten Teile des Parteiestablishments der Demokraten.
Karl Rove, der langjährige innenpolitische Chefberater George W. Bushs meint, Obama spreche mit seiner etwas wolkigen Botschaft der Hoffnung vor allem die "weintrinkenden" oberen Mittelschichten und die Jugend an.Clinton setzt dagegen mit ihrem Sozialprogramm auf die Arbeiterschaft, die "Biertrinker", um die beide Parteien am heftigsten werben. Wie viel Leben nach den verheerenden acht Jahren des George W. Bush im amerikanischen Konservativismus noch steckt, wird sich erst sagen lassen, wenn der echte Wahlkampf begonnen hat. Wer auch immer dann auf beiden Seiten in die Schlacht zieht.


 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann