Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Blairs Niedergang, 13.9.2006


Tony Blairs Niedergang begann im Sommer 2002. Nach einem ausgedehnten Besuch in Washington, DC berichtete der Chef des Auslandsgeheimdienstes MI6, Richard Dearlove, von der Entschlossenheit der Regierung Bush zum Krieg gegen den Irak. "Bush will Saddam Hussein durch eine Militäraktion stürzen", so die Schlussfolgerung des obersten Spions Ihrer Majestät am 22. Juli 2002 vor dem versammelten Kriegskabinett in Downing Street 10. Das war acht Monate, ehe der erste Schuss fiel. Das für die Öffentlichkeit bestimmte Getöse rund um irakische Massenvernichtungswaffen entlockte dem kühlen Briten mit den besten Kontakten zur obersten Etage von CIA und NSA nur ein trockenes: "The intelligence and facts were being fixed around the policy", "Geheimdiensterkenntnisse und Fakten wurden der Politik angepasst." Nachzulesen in den berühmten "Downing Street Memos", der nie dementierten Mitschrift aus dem innersten Kreis des Premiers.
Irgendwann rund um diese Sitzung traf Blair die fatale Entscheidung für den Krieg an der Seite George Bushs, deren Folge das prägende Erbe seiner gesamten Regierungszeit bleiben wird. Die Modernisierung der altväterischen britischen Sozialdemokratie unter dem Vorzeichen von "New Labour"? Großbritanniens ernsthafter Einstieg in das Projekt EU? Das Comeback Londons als Metropole von Weltrang? Das Debakel, das Blair im Irak mit verursacht hat, lässt drei triumphale Labour-Wahlsiege und den beachtlichen Entwicklungsschub Großbritanniens weitgehend verblassen. Der eskalierende Kleinkrieg des Langzeitrivalen Gordon Brown mag der letzte Anstoß gewesen sein, dass der erfolgreichste Labour-Premier aller Zeiten zur "Lame Duck" wurde. Dahinter steht jedoch der um vieles tiefer gehende Vertrauensverlust in der Bevölkerung, der eine Langzeitfolge der Allianz mit der gegenwärtigen amerikanischen Administration ist. Lange Zeit konnte Tony Blair die Fiktion aufrechterhalten, seine Nähe zu George Bush mache es möglich, korrigierend in den Entscheidungsprozess in Washington einzugreifen. Doch der angebliche Masterplan, durch britischen Einfluss das Weiße Haus näher an Europa heranzuführen, erwies sich als hohle Propaganda. Als klar wurde, welch jämmerliche Figur Tony Blair während des Libanonkrieges als George Bushs Sekundant bei der Ablehnung des vom Rest der Welt verlangten Waffenstillstands gemacht hat, verloren schließlich auch die eigenen Kabinettsmitglieder die letzten Illusionen.
Warum sich Tony Blair 2003 im Gegensatz zu den wichtigsten europäischen Verbündeten so vollständig dem weltpolitischen Kurs George W. Bushs verschrieben hat, gibt nach wie vor Rätsel auf. Klar, es gibt die berühmte "spezielle Beziehung" Großbritanniens zu den USA, die im sicherheitspolitischen Bereich nach wie vor alle Verbindungen in Richtung Kontinentaleuropa aussticht. Aber Tony Blair, der bekennende Europäer, hätte die historische Chance gehabt, diese aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Tradition zugunsten einer neuen europäischen Perspektive zu relativieren. Die Zustimmung der sonst so EU-skeptischen Bevölkerung wäre ihm sicher gewesen: Briten halten von George Bushs Außenpolitik genauso wenig wie Deutsche oder Franzosen. Gewagt hat Blair den Schritt nach Europa wohl vor allem deshalb nicht, weil er, ebenso wie Berlusconi in Rom und Aznar in Madrid, an den Früchten des erwarteten raschen Sieges der USA teilhaben wollte. Zu den Siegermächten zu zählen in einem von Bagdad aus neu geordneten Nahen Osten mit all seinen in die weite Zukunft reichenden Ölreserven, das versprach Dividenden sowohl materieller als auch geopolitischer Natur. Als daraus nichts wurde, war Tony Blair ein Gefangener seiner eigenen Logik. Von nun an blieb ihm nur mehr der Job des wortgewaltigsten Verteidigers einer Sicht der Welt, die von den neokonservativen Vorstellungen des allumfassenden "Kriegs gegen den Terrorismus" geprägt war.
Ein Nein Tony Blairs zu den amerikanischen Irakplänen 2003 hätte die Invasion möglicherweise sogar verhindern können, da kein US-Präsident völlig ohne Verbündete in den Krieg ziehen will. Großbritannien wäre durch den Clinch schlagartig zur sicherheitspolitischen Führungskraft der EU geworden. Jetzt muss sich Großbritannien mit der Rolle des amerikanischen Vasallen begnügen. Wenn es zurzeit die Hoffnung auf eine Veränderung im Nahen Osten gibt, dann weil Franzosen, Italiener, Deutsche in einer koordinierten EU-Aktion Soldaten in den Libanon schicken und nicht wegen diplomatischer Verrenkungen des britischen Premiers im Weißen Haus.

Es gehört zu den Stärken einer pluralistischen Demokratie, dass auch der beliebteste Politiker, der solche Chancen verspielt, schließlich einen Preis dafür zu zahlen hat. Tony Blair war der begabteste europäische Politiker einer ganzen Generation. Mit einem persönlichen Charisma, das sich durchaus mit jenem Bill Clintons messen lässt, und einer weit über die Grenzen seines Landes hinausgehenden Kommunikationsfähigkeit hätte er das Zeug zu einer Führungspersönlichkeit europäischer Dimension gehabt. In Spanien und Polen, Skandinavien und Deutschland wäre er in gleicher Weise ernst genommen worden. Als der beneidete Erfinder von "New Labour" jedoch beschloss "Bushs Pudel" zu werden, war es auch damit vorbei.
Der Führungswechsel in Großbritannien spätestens im Frühjahr wird Teil eines Gardewechsels unter den Regierungschefs der wichtigsten europäischen Staaten sein. Zur gleichen Zeit wählt Frankreich den Nachfolger Jacques Chiracs. Was danach kommt, ist eine echte Chance für die EU, sich mit neuem Führungspersonal in den wichtigsten Hauptstädten aus der Sackgasse zu befreien, in die sich Europa mit der Ablehnung der EU-Verfassung hineinmanövriert hat. Gordon Brown, dem Tony Blair 1994 bei einem legendären Abendessen die Nachfolge versprochen hat, gilt als ausgesprochen EU-skeptisch. Angeblich war er es, der Blair vor einem Referendum über die Einführung des Euro abgehalten hat. Aber ob der ein bisschen wie ein Politfreak wirkende Brown den Machtkampf um die Labour-Führung gewinnen wird, ist keineswegs ausgemacht. Und was der Schotte außenpolitisch tatsächlich vorhat, kann sowieso niemand sagen. Bei der nächsten Auseinandersetzung auf internationaler Ebene wird es um die Politik gegenüber dem Iran gehen. Großbritannien spielt bisher innerhalb der sogenannten EU 3 mit Frankreich und Deutschland eine wichtige Rolle in einem von den USA selbstständigen Konzert der Europäer. Die Möglichkeit, dass daraus eine echte EU-Außenpolitik wird, kann nur wachsen, wenn Tony Blair Downing Street 10 räumt und als Elder Statesman durch US-Unis zieht.


 

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