Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Blairs Optionen, 27.6.2007


Für einen unpopulären Regierungschef, dessen Abgang von großen Teilen der eigenen Partei schon seit dem Debakel im Irak ersehnt wurde, hat Tony Blair erstaunlich viele Optionen. Bemerkenswert sind weniger die Angebote amerikanischer Universitäten oder internationaler Konzerne. Über die können sich auch andere Exregierungschefs freuen, die 2003 im großen europäisch-amerikanischen Streit an vorderster Front gestanden sind. Eine der Spekulationen für Tony Blair behauptet einen Sprung des ehemaligen Labourchefs in die Vorstandsetage des konservativen Medienmoguls Rupert Murdoch. Das würde sich von Gerhard Schröders lukrativem Engagement für Gazprom nur unwesentlich unterscheiden. Die unflätige Nachrede von wegen "politischer Prostitution" klänge wahrscheinlich ganz ähnlich. José Maria Aznar, neben dem britischen Premier größter europäischer Cheerleader für George Bush, unterrichtet seit seinem Abgang fern der Öffentlichkeit internationale Politik an der Georgetown University in Washington, D.C. Tony Blair dagegen soll weiter im politischen Geschäft bleiben. Das wünscht sich George Bush, dazu drängt ihn auch Nicolas Sarkozy.
Der letzte Vertreter jener Politikergeneration, die sich vor vier Jahren über die amerikanische Irakinvasion so tief zerstritten hat, könnte neuerlich gezwungen sein, zwischen Europa und Amerika zu wählen. Nicolas Sarkozy, der wie ein Sturmwind durch die europäischen Staatskanzleien fegt, hat Tony Blair ab 2009 den Job des neuen EU-Präsidenten angeboten. George Bush sähe den Briten dagegen gerne als Sonderbeauftragten des Nahostquartetts, bestehend aus den USA, der EU, Russland und den Vereinten Nationen. Eine Art Pendelmission zwischen Ramallah und Jerusalem, Brüssel und New York, immer mit einem großen Bogen um Gaza, hätte die Aufgabe, amerikanisch-israelische Nahostpolitik als Ergebnis eines internationalen Konsenses darzustellen. Logisch, dass ein Nichtamerikaner wie Blair aus Sicht des Weißen Hauses für diesen Job ideal geeignet wäre.
Der Unterschied zu den entscheidenden Monaten des Jahres 2002, als das Kriegskabinett in Downing Street das amerikanische Drängen zu einer Invasion im Irak diskutierte, liegt im Zeitpunkt. Vor dem Marsch nach Bagdad hatte niemand glauben wollen, dass der erwartete militärische Triumph so rasch in einer Katastrophe münden würde. Im israelisch-palästinensischen Konflikt sind die verheerenden Resultate der letzten sechs Jahre dagegen für die ganze Welt schon seit langem sichtbar. Nachdem man Jassir Arafat, den einzigen Palästinenser, der für alle Fraktionen sprechen konnte, verteufelt, erniedrigt und beschossen hatte, kam das große Erstaunen über den völlig voraussehbaren Aufstieg von Hamas nach dem Tod des "Rajis". Gaza, der Lebensraum für 1,4 Millionen Menschen, soll nach der letzten Phase des innerpalästinensischen Bürgerkriegs wahrscheinlich so ähnlich eingekesselt werden wie vor Jahren Arafats Amtssitz. Damit in der Westbank angeblich alles ganz anders werden kann. Wenn er sich dafür hergibt, wäre der britische Expremier nicht nur Bushs Pudel, wie viele Briten bösartig spotten. Er würde zum Exekutor einer Totgeburt in Form der merkwürdigen Dreistaatentheorie, die zwischen Washington und Jerusalem im Augenblick debattiert wird.
Nicht ein palästinensischer Staat soll unmittelbar neben Israel entstehen, wie das inzwischen alle Friedenspläne vorsehen, sondern zwei von der internationalen Gemeinschaft völlig unterschiedlich behandelte Gebilde. Das eingeschlossene Gaza, als Hamas-Terrornest geächtet und von Bandenkriegen zerrissen, müsste sich glücklich fühlen, wenn es genug Wasser und Lebensmittel, Benzin und Elektrizität zum Überleben erhält. Für die Westbank unter Mahmoud Abbas würden sich dagegen die Schleusen der westlichen Hilfe öffnen. Im Gegenzug für die Ausschaltung jeder Opposition würde die israelische Besatzung gelockert, und vielleicht könnte man sogar wieder Friedensverhandlungen beginnen. Fatah, die ehemalige nationale Befreiungsbewegung der Palästinenser, müsste nur zu einem bezahlten und bewaffneten Instrument Israels und der USA werden. Auf friedlichem Wege wird das kaum zu erreichen sein. Hamas hat bei den vergangenen Wahlen auch in der Westbank die Mehrheit errungen. Die Nahostpolitik der Regierung Bush, die Demokratie und freie Wahlen ins Zentrum gestellt hat, würde damit enden, der arabischen Welt ein zusätzliches autoritäres Militärregime mehr zu bescheren. Die Palästinenser stünden einmal mehr vor der Alternative, zwischen "Märtyrer und Verräter" wählen zu müssen, wie der Londoner Economist warnt.
Die Europäer haben das traurige Spiel des erpresserischen Boykotts der unangenehm fundamentalistischen, aber trotzdem eindeutig demokratisch gewählten Hamas bisher mitgemacht. Unter anderem deshalb, weil der EU, durch interne Querelen blockiert, die Kraft fehlte, einen eigenen Kurs zu entwickeln. Die Hoffnungen, dass dies anders werden könnte, sind nach dem Kompromiss von Brüssel schlagartig gestiegen. Auch bei 27 Mitgliedern erwies sich Europa als entscheidungsfähig. Trotz größter politischer Spannungen ist die Richtung klar: Nicht die Nationalstaaten werden gestärkt, sondern mit dem neuen Ratspräsidenten und dem EU-Außenbeauftragten die Führung der Union. Jetzt muss Europa auch wieder beginnen, sich mit der Außenwelt zu beschäftigen. Soldaten aus EU-Mitgliedsstaaten stehen im Libanon, auf den Golanhöhen und in schrumpfender Zahl auch im Irak. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana ist der Verhandlungsführer des Westens mit dem Iran. Aber eine gemeinsame Grundrichtung fehlt. Die war bisher auch nicht nötig, denn das zusammenhängende Konzept wurde aus Washington, D.C., geliefert. In einer Phase, in der alles scheitert, was George Bush im Mittleren Osten anfasst, ist solche Richtungslosigkeit ein gefährlicher Zustand.
Die Formulierung einer eigenständigen europäischen Linie für die großen Fragen des Nahen Ostens ist heute die dringendste Aufgabe. Kein einzelner Nationalstaat wird dazu fähig sein, das wissen die Regierungschefs seit geraumer Zeit, auch wenn viele das nicht zugeben wollen. Tony Blairs Überzeugungskraft, investiert in ein verstärktes Auftreten der Europäischen Union in der Welt, würde den Völkern des Nahen Ostens wohl mehr Hoffnung geben als Hilfsdienste beim Pendeln für die fragwürdige Mission einer angeschlagenen amerikanischen Administration.
Ob das nicht reichlich fantastisch klingt? Mag sein. Aber ein proamerikanischer Brite, der auf Wunsch Frankreichs europäischer Präsident werden soll, wer hätte so etwas noch vor wenigen Wochen für denkbar gehalten?


 

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