Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Bolivien: Macht der Strasse, 27.10.2003

Bolivien, die Macht der Strasse, 29.10.2003
Gonzalo Sanchez de Lozada sah Bolivien in den letzten Tagen vor seinem Rücktritt von "Terroristen" bedroht, deren Ziel die Errichtung einer "Rauschgift-Diktatur" in dem verarmten Andenstaat sei. Die sprachliche Anleihe beim nordamerikanischen Krieg gegen den Terrorismus half dem konservativen Multimillionär wenig: ebenso wie vor zwei Jahren sein Kollege Fernando de la Rua in Argentinien, Jamil Mahuad in Ekuador und der inzwischen steckbrieflich gesuchte Alberto Fujimori in Peru, musste der bolivianische Präsident der Volkswut Mitte Oktober weichen. Zuletzt hatte "Goni" nur mehr die oberste Militärführung und das amerikanische State Department auf seiner Seite, selbst die Koalitionspartner sahen im Präsidentenwechsel die einzige Chance zur Beruhigung der Lage.
Carlos Mesa, der Filmemacher und Intellektuelle, der nun im umkämpften Präsidentenpalast von La Paz residiert, will einen politischen Neuanfang versuchen und die harten politischen Frontstelllungen aufweichen. In Argentinien ist Nestor Kirchner nach dem wirtschaftlichen Supergau ein ähnlicher Versuch gelungen: Kirchner hat zahlreiche hohe Offiziere und Verantwortliche der Polizei in den Ruhestand geschickt. Dem Internationalen Währungsfonds bot er so lange die Stirn, bis ein Kompromiss zustande kam, den auch die argentinische Öffentlichkeit akzeptieren konnte.
Ob Bolivien jetzt eine ähnliche Chance bekommt? Auslöser der Revolte gegen den nun gestürzten Präsidenten war der sogenannte "Krieg ums Gas" gewesen: linke Gewerkschafter, die Coca pflanzenden "Cocoleros" und selbstbewußte Indioorganisationen hatten in einer nationalistischen Aufwallung Front gegen eine über Chile führende Gaspipeline gemacht, über die bolivianisches Erdgas in die USA verkauft werden sollte. Aber in Wirklichkeit geht die Krise viel tiefer. Mit dem Sturz von Sanchez de Lozada geht für das ärmste Land Südamerikas eine ganze Epoche zu Ende, in der man glaubte durch radikale Privatisierungen eine Modernisierung der stagnierende und ineffiziente Wirtschaft erreichen zu können. Ebenso wie in Argentinien ist ein von der lateinamerikanischen Linken als "neoliberal" kritisiertes Modell gescheitert.
Revolutionswirren sind nichts ungewöhnliches für Bolivien. 1952 zertrümmerte eine Bauernrevolte den feudalen Großgrundbesitz, noch lange bevor linke Guerilleros internationale Schlagzeilen machten. In den Sechzigerjahren wählte Ernesto Che Guevara Bolivien zum Operationsgebiet für die nächste Etappe der kontinentalen Revolution. Er scheiterte und es folgte die düstere Zeit der Militärdiktaturen mit Folter und Repression. Die Chance der demokratischen Öffnung seit den Achtzigerjahren war überschattet von der Ignoranz der Privatisierungspolitik gegenüber der brennenden sozialen Frage. Eine neue Opposition entstand, diesmal nicht konzentriert um die trotzkistischen Bergarbeiter, die in früheren Jahren den Ton angegeben hatten, sondern um die vom Erwachen des indianischen Selbstbewusstsein geprägten Bewegung der "Cocoleros" in den Coca-Anbaugebieten.
Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Juni 2002 war Evo Morales, der Führer der Coca-Produzenten aus dem Chapare auf sensationelle 20 Prozent der Stimmen gekommen. 41 Indiovertreter zogen als Abgeordnete in dem sonst der weißen Herrscherschicht vorbehaltenen Kongress in La Paz ein. Seither sind dort neben der spanischen Staatssprache auch die Indiosprachen Aymara, Quechua und Guarani zugelassen. Gemeinsam mit Felipe Quispe, dem aus einer Guerillabewegung hervorgegangene Führer der zweiten Indio-Bewegung, ist Evo Morales und seine "Bewegung für Sozialismus MAS" seither der große Gegenspieler der herrschenden Kaste in La Paz, eine Rolle, die in früheren Jahrzehnten der legendäre Gewerkschaftsführer Juan Lechin innehatte. In Washington wird Evo Morales als der große Bösewicht des gescheiterten bolivianischen Experiments angesehen.
Der "Krieg ums Gas", der zum Sturz des Präsidenten geführt hatte, war nur der letzte Akt in einer seit Monaten aufbauenden Radikalisierung. Zuvor gab es den "Krieg ums Wasser", wie ein wochenlanger Konflikt um die Privatisierung der Wasserversorgung durch eine Tochter der US-amerikanischen Firma Bechtel im subtropischen Cochabamba martialisch genannt wurde, der von Evo Morales und den seinen auch gewonnen wurde. Anfang des Jahres erzwangen tagelange Strassenblockaden und Streiks, denen sich schließlich sogar die Polizei in La Paz anschloss, die Rücknahme einer drastischen Lohnsteuererhöhung. Schon damals ließ die Generalität Panzer auffahren, darunter auch die bewährten "Steyr"-Geräte aus dem fernen Austria. Es gab mehr als 30 Tote.
Am blutigsten jedoch erweist sich seit Jahren der Kampf um die vollständige Ausmerzung des Coca-Anbaus, die gemeinsam mit der US-Drogenbehörde von der Regierung des nunmehr gestürzten Präsidenten verfolgt wurde. Viele arbeitslos gewordene Bergarbeiter haben sich in die Coca-Anbauregionen des Chapare eine neue Existenz geschaffen und sehen ihre Lebensgrundlage durch die von den USA erzwungene Antidrogenkampagne der Regierung bedroht: wenn die Armee einmarschiert, um Ernten zu zerstören und Anbaugebiete zu verwüsten, dann blockieren Aktivisten die Strassen und es gibt Tote und Verletzte. Die sozialen Auseinandersetzungen wurden immer gewaltsamer, die Armee immer schiesswütiger, sodaß am Ende der jüngsten Protestbewegung mehr als 80 getötete Demonstranten zu beklagen waren. Auch nach dem Machtwechsel ist die Dynamik in Richtung Bürgerkrieg und Militärdiktatur noch lange nicht gebannt.
Es gibt wenig Grund den ineffizienten alten Staatsmonopolen Lateinamerikas nachzutrauern. Die Wahnsinnsinflation von 15 000 Prozent bei schrumpfender Wirtschaftsleistung hatte in Bolivien in den Achtzigerjahren vor allem die Ärmsten getroffen. Ein erstickendes Gefühl der ausweglosen Stagnation hielt die gesamte Gesellschaft im Würgegriff. Aber vom erwarteten Modernisierungsschub der folgenden Privatisierungswelle bekam die verarmte Bevölkerungsmehrheit nichts mit.
Die alten Eliten haben nun abgewirtschaftet in Bolivien, vielleicht noch gründlicher als in Staaten wie Argentinien oder Brasilien, wo jetzt eine neue pragmatische Linke am Ruder ist. In Bolivien fehlt der Indio-Oppositinon jedoch Regierungserfahrung. Die gefährliche Streitfall des Coca-Anbaus droht einen sehr raschen Zusammenstoss mit den übermächtigen Vereinigten Staaten herbeizuführen. Bleibt die Hoffnung, dass man sich in Washington nicht noch einen zusätzlichen internationalen Konfliktherd einhandeln will und die Bush-Administration Lateinamerika weiter links liegen lässt. Dann hätten die bolivianischen Indioparteien vielleicht die Chance zu jenem Pragmatismus zu finden, mit dem linke Parteien in anderen Ländern des Kontinents erfolreich sind.

 

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