Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Brüchiger Fortschritt, 19.12.2007

Die Spirale abwärts in das Debakel eines neuen Krieges schien Anfang
2007 nicht mehr aufzuhalten. "Bomb bomb, bomb bomb bomb Iran" trällerte der sonst als besonnen geltende republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain nach der "Barbara Ann"- Melodie der Beach Boys. George W. Bush beschwor die Gefahr eines Dritten Weltkrieges. Die neokonservativen Ideologen hatten es geschafft, die amerikanische Öffentlichkeit in eine jener Psychosen zu führen, an deren Ende der unvermeidliche Militärschlag steht. Nicht mehr Saddam Hussein war der Hitler unserer Zeit, der zerstört werden muss, bevor er die westliche Welt und Israel vernichtet, wie noch vor fünf Jahren, sondern Iran's Mahmoud Ahmedinejad. Nicht mehr ob die Hardliner um Vizepräsident Dick Cheney die USA in ein neues Abenteuer
stürzen, war die große Frage, sondern wann das passieren würde und
welche Rolle dabei Israel zugedacht war.
Bis am 3.Dezember 2007 die gesammelte Macht der amerikanischen Geheimdienste unter der Führung des CIA dem Spuk ein Ende bereitete. Der Iran habe sein militärisches Atomprogramm 2003 abgebrochen, befanden die 16 obersten Schlapphüte des Landes. Selbst bei einer gegenwärtig nicht feststellbaren Wiederaufnahme werde das Land nicht vor 2010-2015 über ausreichend angereichertes Uran verfügen. Die Aussage wurde mit "hoher Sicherheit" getroffen. Damit war der Meinungsstreit innerhalb der amerikanischen Führung entschieden. Die Fraktion um Außenministerin Condoleezza Rice und Verteidigungsminister Robert Gates, die eine weitere Destabilisierung im Nahen Osten durch einen Irankrieg für Wahnsinn hält, hat sich durchgesetzt. Langfristig können die Spannungen mit Teheran wieder akut werden. Aber für die nächsten Monate ist die Gefahr gebannt. Einen Staat, der gar nicht mehr an der Bombe baut, kann man schwerlich wegen seiner Massenvernichtungswaffen angreifen.
Der Vorstoß des CIA hat mehr bewiesen, als eine spektakuläre Niederlage der Neokonservativen. Auch nach sieben Jahren George W.Bush sind die Selbstkorrekturmechanismen des amerikanischen Systems noch intakt.
Die Fähigkeit politische Fehlentwicklungen zu begrenzen und schließlich zu korrigieren, war historisch stets eine der großen Stärken der USA. Dass dabei ausgerechnet die Geheimdienste eine zentrale Rolle spielen, ist neu.
Der CIA befindet sich dabei in guter Gesellschaft: der hartnäckigste Widerstand gegen Guantanamo, das beschämende Symbol der rechtlosen Seiten des Antiterrorkrieges, kommt aus der Justiz. Trotz neuer Gesetze und langatmiger Gutachten aus den Rechtsabteilungen von Pentagon und Weißem Haus, hat der Oberste Gerichtshof auch gegen Ende des Jahres wieder die Klage eines Guantanamo-Insassen angenommen. Am Ende eines ziemlich
verheerenden politischen amerikanischen Zyklus gehen in den USA endlich
die Barrieren hoch, um eine weitere Drehung abwärts zu stoppen.
Mechanismen zur Selbstkorrektur haben 2007 auch in Europa gegriffen. Vor einem Jahr noch schien der europäische Integrationsprozess hoffnungslos blockiert. In Polen, das mit der Solidaritätsgewerkschaft der demokratischen Revolution von 1989 den Weg bereitet hatte, demonstrierten die Kaczynski- Brüder wie ein Europa von miteinander hadernden Chauvinisten aussehen würde. Brüssel ist dabei nur pro forma das wichtigste Feindbild. In Wirklichkeit richten sich die destruktiven Energien rechter Populisten sehr rasch gegen die historischen Nachbarn, wie der Krieg der Worte der Kaczynskis gegen Berlin bewies. Gegen Tschechien gehen Österreichs rechte Populisten im Zusammenhang mit Temelin und den Benes-Dekreten seit langem genau den gleichen Weg. Die Europäische Union, das vernünftigste Projekt, das die europäischen Eliten je zusammen gebracht
haben, drohte sich in der nationalistischen Eigenbrötlerei der
Mitgliedsstaaten zu verlieren.
Die Korrektur passierte im Oktober 2007 an den Urnen in Polen. Die antieuropäischen Regierungsparteien wurden zur Freude ganz Europas in die Opposition befördert. Die polnische Bevölkerung wollte sich trotz aller ultrakonservativen Demagogie nicht vom Rest des Kontinents abnabeln.
Wahlsieger Donald Tusk versprach ein konstruktives Verhältnis zu Europa und konnte damit punkten. Rechten Populismus wird es im politischen Spektrum weiter geben. Aber Anti-EU-Parteien in Regierungsämtern bleiben auch in den neuen Demokratien Osteuropas ein vorübergehendes Phänomen, so wie schon zuvor in Italien oder Österreich.
Sogar den Institutionenstreit, den Warschau ursprünglich noch mit dem Hinweis auf die polnischen Kriegstoten angeheizt hat, haben die Regierungen nach dem Amtsantritt von Nicolas Sarkozy mit Verabschiedung des
Reformvertrages rasch beigelegt. Das Europäische Parlament, lange Zeit
die schwächste der Brüsseler Institutionen, wird der größte Gewinner der Veränderungen sein. Die EU wird parlamentarischer. Dass sich rechte und linke EU-Gegner, die den Reformvertrag unter dem Schlachtruf der Volksabstimmung zu Fall bringen wollen, Mitte Dezember ausgerechnet den Plenarsaal des Parlaments in Strassburg als Ort einer Demonstration ausgesucht haben, bestätigt diesen Trend. Bisher waren ausschließlich nationale Parlamente die Bühne für derartige Proteste. Ob hier, unabhängig von der Absicht der Akteure, doch so etwas wie eine gesamteuropäische politische Öffentlichkeit entsteht?
Außer Kontrolle scheint zur Jahreswende jener Bereich, der sich laut vorherrschender Ideologie eigentlich völlig selbst regulieren sollte. Der Schuldenberg, der sich in der internationalen Finanzwelt seit Jahren aufbaut, droht die Weltwirtschaft zu ersticken. Dutzende Milliarden Dollar oder Euro sind in den USA und in Europa in Hedge Fonds mit klingenden Namen verloren gegangen. Hunderte Milliarden Euro und Dollar haben die Zentralbanken in den vergangenen Monaten an kurzfristigen Krediten vergeben, um das Finanzsystem am Leben zu erhalten. Kommt in Europa einmal auch eine Großbank mit grenzüberschreitenden Aktivitäten unter die Räder, dann wären Nationalstaaten und EU ziemlich hilflos, fürchten Finanzexperten in Brüssel. Gesamteuropäischen Kontrollmechanismen hatten sich die Finanzminister bisher erfolgreich widersetzt. Von internationalen Regeln ganz zu schweigen. Für 2008 steht die Gefahr einer Stagflation an die Wand, in der steigende Preise und stagnierendes Wirtschaftswachstum zusammenkommen. Die ideologisch vom Dogma des weniger Staat geprägten Regierenden sind auf eine solche Herausforderung beängstigend wenig gerüstet.
2008 könnte ein Jahr werden, in dem Russland im Kaukasus gegenüber Georgien oder auf dem Balkan rund um den Kosovo politische Krisen auslöst.
Die USA dürften im Wahljahr außenpolitisch traditionell zurückhaltend bleiben, der Iran-Spruch der Geheimdienste wird diese Haltung bestätigen.
Einen Erdrutschsieg bei den Wahlen im November können die Demokraten nur selbst verspielen. Die Europäer wiederum rüsten nach dem verhältnismäßig friedlichen Jahresausklang 2007 für ein wildes EU-internes Hauen und Stechen zwischen den Mitgliedstaaten um die Verwirklichung der Klimaziele.
Von einer weltweiten Finanzkrise würden sie alle heimgeholt.

 

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