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Bush's
neuer Kurs, 6.11.2001
Der schnelle Sieg war eine Illusion. Fünf Wochen nach den ersten
Bombenangriffen auf Afghanistan ist die erhoffte Absetzbewegung von den
Taliban ausgeblieben, den USA fehlen nach wie vor glaubwürdige Bündnispartner
vor Ort. Dafür hagelt es bittere Rückschläge für die
USA: keine einzige Kommandoaktion der vielgepriesenen Special Forces gegen
Osama Bin Ladens "Al Qua'ida" brachte bisher den erwarteten
Erfolg. Durch Verrat und Mord konnten die Taliban wichtige Verbündete
des Westens ausschalten. Was ursprünglich als gezielte Militäroperation
gegen das Netzwerk Osama Bin Ladens angekündigt war, wird immer mehr
zu einem Krieg gegen Afghanistan.
Dementsprechend wächst die Kritik an den USA im europäischen
Blätterwald. Den linksliberalen britischen "Guardian" erinnert
die amerikanische Kriegsführung an die ignorante Inkompetenz der
USA während des Vietnamkrieges und fordert: "Wenn es die USA
nicht besser machen können als im Moment, dann sollten sie besser
stoppen und noch einmal nachdenken." Die zivilen Opfer scheinen jene
zu bestätigen, die schon von Anfang an jeden Militäreinsatz
gegen Osama Bin Laden abgelehnt haben.
Was allerdings selbst die scharfsinnigsten Kritiker schuldig bleiben,
das ist die Antwort auf die Frage, welche Alternativen es denn geben sollte
im Kampf gegen eine aus mehreren tausend Kämpfern bestehende Organisation
wie "Al Qua'ida", die als Kristallisationspunkt für den
radikalsten Flügel des islamischen Fundamentalismus Aktionen des
Massenterrors gegen den Westen propagiert und organisiert? Klar: Die Zeit
arbeitet gegen Amerika, jede neue Angriffswelle mit zivilen Opfern destabilisiert
die islamische Welt. Die Schlußfolgerung, das deshalb kein Sieg
Amerikas mehr wünschenswert ist, wird allerdings zur Zeit nicht einmal
im USA-kritische Iran gezogen. Was sich dagegen Regierungen und liberale
Intellektuelle in der Region unisono wünschen, das ist, daß
dieser so schnell wie möglich erfolgt. Die jetzt von den USA allseitig
geforderte Feuerpause im islamischen Fastenmonat Ramadan, die übrigens
weder im irakisch-iranischen Krieg noch in anderen kriegerischen Auseinandersetzungen
von islamischen Staaten selbst eingehalten wurde, würde eine Entscheidung
dagegen höchstwahrscheinlich nur weiter hinauszögern.
Und kann man es der gepeinigten afghanischen Bevölkerung tatsächlichen
wünschen, daß Taliban und "Al Qua'ida" Zeit bekommen
ihre Kräfte zu sammeln und neue Verteidigungslinien aufzubauen? Richtig:
die Zahl der zivilen Opfer unter der afghanischen Bevölkerung ist
bedrückend. Aber noch bedrückender ist, was wir über den
Horror des Lebens unter den Taliban während der letzten fünf
Jahre wissen: die grausamen Massaker an nationalen Minderheiten und politischen
Gegnern, die im totalitären religiösen Wahn erfolgte Zerstörung
von Schulen und Gesundheitsreinrichtungen, die Versklavung der Frauen
und die Gehirnwäsche der männlichen Jugend.
Helfer internationaler Organisationen berichten vom doppelten Schock der
afghanischen Flüchtlingskinder, die es dieser Tage nach Peshawar
schaffen: zur Erinnerung an die Schrecken der Bombenangriffe der letzten
Wochen kommt die Erkenntnis, wie weit sie gegenüber Gleichaltrigen
zurückgeblieben sind, die im Flüchtlingslager und nicht in Afghanistan
selbst aufgewachsen sind. 13jährige Mädchen, die des Lesen und
Schreibens nicht mehr mächtig sind, weil sie von den Taliban aus
den Schulen vertrieben wurden. Burschen, denen außer dem korrekten
Auswendiglernen des Koran und dem Bedienen einer Kalaschnikow nie etwas
vermittelt wurde.
Klar: Afghanistan ist ein bitterarmes und kleines Land, die Vergleiche
des Talibanregimes mit Hitlerdeutschland, die von afghanischen Exil-Afghanen
immer wieder vorgenommen werden, stimmen in der Dimension nicht. Selbst
die aggressivsten Pläne "Al Qua'idas" sind von anderer
Natur als Hitlers Kriege. Aber in einem Punkt läßt sich doch
eine Parallele ziehen: aus eigener Kraft konnte sich damals die deutsche
Gesellschaft ebensowenig vom Alptraum des Hitlerfaschismus befreien wie
heute Afghanistan vom Terror der Taliban. Es gibt Situationen, in denen
die Befreiung einer Gesellschaft nur über die militärische Niederlage
möglich wird. Trotz schmerzlicher ziviler Opfer.
Wobei auch hier die Dimensionen gewahrt werden müssen. Zwischen 50
und 70 Angriffe pro Tag fliegen amerikanische Flugzeuge gegen Ziele in
Afghanistan. Im Kosovokrieg 1999 waren es 500 und 1991 im Golfkrieg 1500.
Die Militäraktion in Zentralasien ist immer noch gezielt und beschränkt.
Was nicht heißt, daß die westliche Öffentlichkeit von
der amerikanischen Militärführung nicht beinharte Rechenschaft
verlangen soll. Im Gegenteil: daß selbst in einem notwendigen Krieg
manche Mittel nicht erlaubt sind, ist ein in einer Demokratie gegen die
ausschließliche Logik der Generäle wieder und wieder zu erkämpfender
Grundsatz.
Mehr als sonst in kriegerischen Auseinandersetzungen ist die Öffentlichkeit
im Afghanistankrieg von unabhängigen Informationen ausgeschlossen.
Mit Recht fordern daher die amerikanische Menschenrechtsorganisationen
Human Rights Watch und Handicap international Aufklärung über
den angeblichen Einsatz von neuartigen Streubomben des Typs GBU-87 und
GBU-89, die von B-52 und B-1 Bombern abgeworfen werden. Der Einsatz solcher
Splitterbomben ist laut dem 1997 in Ottawa verabschiedeten Antiminenvertrag
verboten, sogar die Unterstützung von kriegsführenden Staaten,
die solche Waffen verwenden wäre vertragswidrig. Ebenfalls zu fragen
ist, ob angesichts des zweimaligen Angriffs auf ein Lager des Roten Kreuzes
in Kabul wirklich genug unternommen wird, um Fehltreffer zu vermeiden.
Daß die Öffentlichkeit über die Kriegsführung nicht
ausschließlich die militärische Logik entscheiden lassen will,
ist eine demokratische Errungenschaft. Schließlich beruht die Skepsis
gegenüber einer sich verselbständigenden militärischen
Führung, die in jeder Kritik gerne Hochverrat sieht, auf zahlreichen
leidvollen Erfahrungen der amerikanischen ebenso wie der europäischen
Geschichte.
Daß die USA ihre Militäraktion abbrechen oder zurückschrauben,
bevor die Ziele der Zerschlagung von "Al Qua'ida" und der Entmachtung
der Taliban erreicht sind, das kann dagegen weder im Interesse der afghanischen
Bevölkerung noch im Interesse der internationalen Staatengemeinschaft
sein. Es wäre ein verhängnisvolles Zeichen der Schwäche
und würde eine komplizierte internationale Situation auf die Dauer
noch gefährlicher machen. Im Gegenteil: je schneller Amerikas Waffen
den Widerstand des afghanischen Regimes brechen, desto größer
sind die Chancen für einen politischen Neuanfang, sowohl in Afghanistan
selbst als auch in den Beziehungen des Westens zur aufgewühlten islamischen
Welt.
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