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Campus
Watch, Falter, 16.10.2002
Während
der Kongreß der Vereinigten Staaten dem Präsidenten mit überwältigender
Mehrheit die Vollmacht zum Einsatz bewaffneter Gewalt gab, tobte in der
amerikanischen akademischen Welt der Streit um "Campus Watch",
eine neue Pressure Group, die angeblichen unpatriotischen und antiisraelischen
Aktivitäten auf Colleges und Universitäten entgegentreten will.
Die Initiative geht auf den in ein Forschungsprojekt des Pentagon eingebundenen
Historiker Daniel Pipes zurück, der über seine Internet-Site
"www.campus-watch.org" den Widerstand gegen das Establishment
der amerikanischen Nahoststudien organisiert. Nachsichtigkeit gegenüber
dem militanten Islam wird von "Camp Watch" ebenso denunziert
wie die unter Lehrenden und Studierenden fehlende Begeisterung für
die Irakkrieg-Pläne des Präsidenten. Ein Professor der Washingtoner
Georgetown University kommt an den Pranger, weil er George Bushs Beschreibung
der Terroristen des 11.September als Inkarnation des "Bösen"
ablehnt. Ein Institutsvorstand im kalifornischen Stanford muss Federn
lassen, weil er im Einsatz amerikanischer Waffen gegen die Palästinenser
durch die israelische Armee einen Grund für die antiamerikanischen
Aggressionen der arabischen Welt vermutet.
Tatsächlich stellen die Sozialwissenschaften an vielen amerikanischen
Hochschulen linksgerichtete Inseln im Meer des konservativen Mainstreams
dar. Edward Said, der amerikanisch-palästinensische Denker, hat mit
seiner radikalen Orientalismuskritik das Klima an vielen Universitäten
geprägt. Vor dem Hintergrund der Eskalation des Nahostkonflikts rückt
neben dem drohenden Irakkrieg immer mehr Israel ins Zentrum der Auseinandersetzung.
"Campus Watch" ruft die Studenten auf, unpatriotische Veranstaltungen
und Israel-feindliche Äußerungen von Professoren zu melden.
An die hundert Wissenschaftler revanchieren sich damit, dass sie es sich
als "Ehre" anrechnen lassen wollen, auf diesen schwarzen Listen
zu stehen. Sie vergleichen die Tätigkeit der patriotischen und proisraelischen
Eiferer von "Campus Watch" mit der antikommunistischen Hexenjagd
des McCarthysmus und sehen es als ihre Pflicht, ein differenzierteres
Bild des Islam zu liefern, als dies gegenwärtig in den US-Medien
möglich sei. In den großen Blätter des Landes wiederum
wird angesichts der zahlreichen erregten Debatten pro und kontra Israel
die Frage gestellt, ob es in Amerika vielleicht so etwas wie einen "universitären
Antisemitismus" gibt?
So müssen sich auch die USA über den Umweg des universitären
Meinungsstreits der nicht immer einfachen Frage des Verhältnisses
von Israelkritik und Antisemitismus stellen. Vor allem in der Eliteuniversität
Harvard geht es hoch her, ist Universitätspräsident Lawrence
Summers, der letzte Finanzminister der Regierung Clinton, doch einer der
wortgewaltigsten Sprecher der amerikanischen Pro-Israel-Lobby. Und ausgerechnet
in Harvard haben 130 Professoren einen Aufruf unterschrieben, die materiellen
Interessen amerikanischer Universitäten von Investitionen in Israel
zu entflechten. Angeblich geht es allein für Harvard um beträchtliche
614 Millionen Dollar. Lawrence Summers spricht von Aktionen, die, "wenn
nicht von den Intentionen dann zumindest vom Resultat her antisemitisch"
seien. Anhänger des Israel-Invenstitionsstops weisen dagegen darauf
hin, dass ausdrücklich nur Investitionen im Bereich des israelischen
Militärs betroffen sein sollen. Und einer Besatzungsarmee die Finanzen
zu kürzen, das habe mit Antisemitismus doch wohl nichts zu tun.
Auch in Europa ergeben Meinungsumfragen einen dramatischen Popularitätsverfall
Israels vor allem bei Akademikern und Gebildeten. Die britische Jüdische
Gemeinde hat jetzt Stanley Greenberg, den auch für Alfred Gusenbauer
tätigen amerikanischen Medienguru, engagiert, um das schlechter werdende
Image Israels zu verbessern. Greenbergs Hauptproblem: seine aufwendigen
Untersuchungen mit Focus-Gruppen haben ergeben, dass es vor allem die
Berichte der im Prinzip für ihre Objektivität bekannten BBC
sind, die diese Entwicklung ausgelöst haben. An britischen und französischen
Universitäten kursieren Aufrufe, die Zusammenarbeit mit israelischen
wissenschaftlichen Institutionen auszusetzen. Manche Gruppen plädieren
gar für Boykottmassnahmen vergleichbar den Sanktionen, die einst
geholfen haben, das südafrikanische Apartheidregime zu Fall zu bringen.
Diese Frontstellung wird von einer verhängnisvollen Dynamik begleitet:
während in Europa bei allem Entsetzen über die palästinensischen
Selbstmordanschläge die breite Öffentlichkeit immer weniger
Verständnis für israelische Panzer in Ramalla und israelische
Bomben auf Wohnviertel in Gaza aufbringt, teilen viele Juden das Gefühl
der existentiellen Bedrohung Israels. Sie fühlen sich unverstanden
und zum Teil auch selbst angegriffen. Verstärkt wird diese Solidarisierung
durch die politische Instrumentalisierung des Konflikts durch populistische
Politiker einerseits, antijüdischer Übergriffe arabischstämmiger
Jugendlicher, die sich mit den Palästinensern identifizieren, in
Frankreich und Belgien andererseits. Die linksliberalen Strömungen
der jüdischen Gemeinden sind zumeist ebenso gelähmt wie die
Friedensbewegung in Israel.
Der israelischen Regierung ist es unter diesen Umständen ein Leichtes,
die Diaspora in das Bemühen einzubinden, der wachsenden Kritik am
Vorgehen ihrer Soldaten in der Westbank und in Gaza entgegenzutreten.
Dies passiert auch unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen den behaupteten
weltweit anwachsenden Antisemitismus. Tatsächlich handelt es sich
dabei aber oft um nichts anderes als die ideologische Weiterführung
des Nahostkonflikts auf der Arena der Weltöffentlichkeit. Auch der
pauschale Antisemitismusverdacht gegen Kritik an der israelischen Palästinenserpolitik
kann zur Waffe werden, warnen die israelischen Friedensaktivisten des
"Independant Media Center" in Jerusalem. Der Hinweis ist sowohl
auf die amerikanische universitäre Debatte als auch auf vergleichbare
Auseinandersetzungen auf dem alten Kontinent gemünzt, die im Zusammenhang
mit einer verunglückten Nahost-Diskussionsveranstaltung der "Grünen"
jetzt auch in Österreich debattiert werden.
Hinter einer solchen Argumentation steckt nicht die Illusion die antijüdischen
Ressentiments des christlichen Westens wären aus dem öffentlichen
Diskurs verschwunden (in Deutschland und Österreich kommt noch die
Befangenheit des historisch belasteten schlechten Gewissens dazu). In
der Auseinandersetzung mit der israelischen Politik spielen sie jedoch
eine untergeordnete Rolle.
Norbert Zerwanitzer, ein aus Wien stammender israelischer TV-Produzent,
unterscheidet in einem Thesenpapier an Freunde gerechtfertigte und ungerechte
Kritik an Israel, wobei auch letztere nicht gleich antisemitisch sein
müsse: "Sie ist oft nur dumm und reflektiert Ignoranz und Denkfaulheit
der Politiker und Journalisten." In diese Kategorie fallen wohl manche
der Boykottaufrufe auf akademischem Boden, die zumeist ausgerechnet das
liberale Uni-Milieu treffen. Antisemitische Kritik sei dagegen "
relativ leicht zu erkennen," so Zerwanitzer , an ihrer " Bösartigkeit,
den fantastischen Verleumdungen, den Anspielungen auf vermeintliche jüdische'
Eigenschaften und den üblichen Klischees der antisemitischen Diktion."
Wenn europäische Politiker sich in Wahlkampfzeiten jüdische
Funktionäre wegen deren angeblicher "Arroganz" als Angriffsziel
aussuchen, dann darf man wohl letzteres annehmen.
Dass aber gerade in Quasi-Kriegszeiten, wie während des "Kampfes
gegen den Terrorismus", die Tabuisierung einer Auseinandersetzung
um den Stellenwert von Völkerrecht und Menschenrechten des "eigenen
Lagers" für offene Gesellschaften die größere Gefahr
darstellt, das hat sich auf beiden Seiten des Atlantiks immer wieder gezeigt.
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