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Castro
in Pension, 27.2.2008
Fidel
Castro ist einer der ganz großen Revolutionäre des vergangenen
Jahrhunderts. Vergleichbar mit Wladimir Iljitsch Lenin oder Mao Tse-tung
und um vieles prägender als einst Josip Broz Tito oder Ho Chi Minh.
Kein anderer revolutionärer Staatsgründer der jüngeren
Vergangenheit hatte es geschafft, fast ein halbes Jahrhundert unbeugsam
seine Revolution zu verteidigen, die Todfeindschaft einer benachbarten
Supermacht zu überleben und sich die Bewunderung eines Großteils
der Linken in den umliegenden Staaten zu erhalten. Selbst Gegner gestehen
ihm Eleganz beim Rücktritt zu.
Mit seinem Abtritt hinterlässt er einen verarmten Polizeistaat, in
dem die Menschen nur die Wahl haben, nach oben zu buckeln oder sich abzusetzen
zum Außenfeind nach Miami. Nirgendwo sonst in Lateinamerika war
die Bevölkerung so lange einer totalen Gehirnwäsche ausgesetzt
wie im Kuba Castros. In keinem anderen Land Lateinamerikas ist die Macht
des Staates und der Geheimpolizei über den Alltag des Einzelnen so
absolut wie auf der revolutionären Insel.
Aber die Demokratisierungswelle, die fast überall auf dem Kontinent
Meinungsfreiheit und politischen Pluralismus gebracht hat, hat dem Prestige
Kubas paradoxerweise keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Fidels Nachfolger
können auf zahlreiche Verbündete unter den Regierungen Lateinamerikas
zählen. Brasiliens Luis Inácio "Lula" da Silva oder
Chiles Michelle Bachelet gehen zwar einen sozialdemokratischen Weg, anders
als die bärtigen Revolutionäre auf der Zuckerinsel. Die nostalgischen
Verbindungen der Linken zu Havanna bleiben aber bestehen. Öl aus
dem reichen Venezuela und das Bündnis mit Hugo Chavez haben Kuba
geholfen, die elenden Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu
überwinden.
Das diktatorische Modell, mit Einparteiensystem und Staatswirtschaft,
das Havanna in den Siebzigerjahren von der Sowjetunion übernommen
hat, wird inzwischen höchstens noch in Nordkorea oder Vietnam praktiziert.
Trotzdem ist Castro anders. Sogar der lange erwartete Abgang löst
Respekt aus: Üblicherweise sterben Diktatoren im Amt. In Washington
hatten rachsüchtige Konservative dem Revolutionsführer schon
von dem Augenblick an, als die Subventionen aus Moskau zu fließen
aufhörten, das Schicksal eines Nicolai Ceaus¸escu prophezeit.
Sie haben übersehen, dass die Revolution in Kuba nicht von außen
importiert, sondern das Resultat einer echten Volksbewegung war. Von dieser
Legitimität profitiert das kubanische Regime bis heute.
Dazu kommt die kontraproduktive Blockade durch die USA. Hätten die
neun amerikanischen Präsidenten, die Castro überlebt hat, den
unbequemen Nachbarn umarmt und umworben, statt durch ihre irrationale
Frontstellung dem kubanischen Nationalbewusstsein stets neue Nahrung zu
geben, das revolutionäre Regime hätte sich viel schwerer getan.
Die starre Haltung Washingtons hat nur zum Teil mit dem Einfluss der exilkubanischen
Lobby zu tun. Castro hat die USA 1962 durch die Aufstellung sowjetischer
Atomraketen in ihrer Existenz bedroht. Nie zuvor hatte es eine solche
Situation gegeben. Die Welt stand knapp vor einem Atomkrieg. Schon zuvor
waren die Revolutionäre als unerträgliches Ärgernis im
eigenen Hinterhof empfunden worden. Daher die skurrilen Mordanschläge
des CIA gegen Castro, mit vergifteten Zigarren oder mittels gesuchter
Mafiosi. Aber erst die Kubakrise hat die Beseitigung des revolutionären
Regimes zu einem unverrückbaren Ziel der amerikanischen Außenpolitik
gemacht, als ob ein Castro, egal ob Fidel oder Raul, auch 45 Jahre nach
den sowjetischen Atomsprengköpfen noch immer zur Bedrohung für
die eigene nationale Sicherheit werden könnte.
Castro blieb bis zuletzt ein unkonventioneller Politiker, und er wollte
immer hoch hinaus. Das machte einen großen Teil seiner Anziehungskraft
aus. Gesprächspartner aus allen ideologischen Himmelsrichtungen hat
er mit Wissen und Charisma beeindruckt. Die stundenlangen Reden, über
die sich inzwischen die ganze Welt lustig macht, waren nie langweilig
oder uninteressant. Die kubanischen Zuhörer waren zwar zu einem großen
Teil auf Geheiß ihres lokalen Revolutionskomitees zugegen, aber
gleichzeitig war ein Castro-Auftritt auch ein Volksfest. Vergleichbar
vielleicht mit dem Ersten Mai auf dem Wiener Rathausplatz. Bis weit in
die Siebzigerjahre war der "Castrismus" eine eigene politische
Strömung in der lateinamerikanischen Linken, unabhängig von
den orthodoxen kommunistischen Parteien. Castros Kampfgefährte Che
Guevara knüpfte Kontakte zu Ben Bella in Algerien und anderen Befreiungsbewegungen
in Asien und Afrika, zum Entsetzen Moskaus. Auch noch in den Siebzigerjahren
behielt sich Castro außenpolitischen Spielraum: Eine kubanische
Luftbrücke mit Soldaten und schwerem Militärgerät rettete
die linke Befreiungsbewegung Angolas gleich zweimal vor einer südafrikanischen
Invasion. Der Kreml erfuhr erst im Nachhinein von dem kühnen Sprung
über den Ozean und durfte zahlen.
Selbst die Artikel, die Castro in den letzten eineinhalb Jahren vom Krankenbett
aus schrieb, hatten in ihrer messerscharfen Kritik an den Ungerechtigkeiten
des herrschenden internationalen Systems etwas Erfrischendes. Dass der
westliche Drang zu Biotreibstoffen aus Mais und Getreide die Lebensmittelpreise
in die Höhe treibt, was die Ärmsten in der Dritten Welt am stärksten
trifft, hatte Castro schon Monate vor den ersten Warnungen ökologischer
Think Tanks erkannt.
Aber auch ein intellektuell agiler und charismatischer Diktator bleibt
Diktator. Als die ersten Verhaftungen von Dichtern mit der Padilla-Affaire
1971 einsetzten, begann sich Europas Linke abzuwenden. Die beschämende
Unterstützung Castros für den Einmarsch des Warschauer Paktes
in der ÇSSR 1968 hat man ihm in Osteuropa nie verziehen, daher
die Boykottforderungen von Vaclav Havel. Wie sich die lange übermächtige
Präsenz eines als allwissend geltenden Big Brothers auf die kubanische
Psyche ausgewirkt hat, darüber kann man nur spekulieren. Ein halbes
Jahrhundert unter einem allmächtigen Comandante leben zu müssen,
ohne Chance auf Wechsel, das ist kollektive Folter. Ohne Meinungsfreiheit
und Pluralismus erstickt jede Gesellschaft.
Kuba ist auf sein Gesundheitssystem, seine Schulen und Universitäten
und auf die sozialen Einrichtungen stolz. Wie viel davon Propaganda ist,
sei dahingestellt. Tatsächlich ordinieren kubanische Ärzte in
den Slums Venezuelas. Gewaltträchtige Favelas wie in Brasilien gibt
es keine. Aber in Havanna sehen viele normale Stadtteile wie Slums aus.
Die Menschen in Kuba sind bitterarm und ohne Perspektive. Und sie sind
sich dessen bewusst. Kubaner vergleichen ihr Leben nicht mit Haiti oder
Nicaragua, sondern mit Florida. Gerade weil sie gut ausgebildet sind,
ist das Gefühl der Isolation so stark. Einen Vorgeschmack darauf,
was die Nachfolger Castros erwartet, erlebte Parlamentspräsident
Ricardo Alarcón Mitte Jänner an der Universität von Havanna:
Unerschrocken löcherten Studenten ihn wegen Zensur im Internet, Beschränkungen
für YouTube oder MySpace, fehlender Reisefreiheit, Ausländerhotels
und der Sinnlosigkeit von Wahlen bei Einheitslisten. Das 56 Minuten lange
Video zirkuliert seither im ganzen Land. Kuba stehen turbulente Zeiten
bevor.
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