Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Castro ist sterblich, 31.3.2005

Woche für Woche wiederholen sich die gleichen Szenen: eine kleine Gruppe weiß gekleideter Frauen bewegt sich nach der Sonntagsmesse langsam Havannas Hauptstrasse entlang. Berta Soler Fernandez, die bekannteste der sogenannten "Frauen in Weis", berichtet von aufmunternden Signalen aus den vorbeifahrenden Autos. Manchmal tragen die Frauen Bänder mit der Aufschrift "Amnestie" und einmal haben sie es trotz der ständigen Einschüchterungsversuche der Staatssicherheit sogar gewagt, Flugzettel zu verteilen. Aber bis jetzt haben sie durchgehalten. Die 61 nach wie vor inhaftierten kubanischen Dissidenten, Söhne, Brüder und Ehemänner der mutigen Demonstrantinnen, sind nicht vergessen. Vor zwei Jahren waren sie unter dem Vorwurf des Landesverrats zu Gefängnisstrafen von 6 bis zu 28 Jahren verurteilt worden. Derart bekannte Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Raul Rivero und die Ökonomin Marta Beatriz Roque waren darunter, dass die EU eine diplomatische Eiszeit ausrief. Nach der Freilassung von 14 schwerkranken Gefangenen Anfang des Jahres haben sich die Beziehungen wieder normalisiert. Aber Fidel Castro ist trotz einer massiven Repressionswelle vor zwei Jahren mit einer kleinen aber hartnäckigen Menschenrechtsbewegung konfrontiert.
Politischen Dissens hat Castro stets auf einfache Weise aus dem Weg geräumt: Kritiker wurden ins feindliche US-amerikanische Ausland abgeschoben. Eine Bürgerrechtsbewegung, wie sie in anderen Staaten des sogenannten "real existierenden Sozialismus" entstand, konnte so in Kuba nie Fuß fassen. Den Umgang mit Opposition im eigenen Land hat sich das Regime damit erspart, aber der Preis war hoch: die von rechten Fundis dominierten kubanischen Exilorganisationen in Miami, auf deren Lobbying das erdrückende Wirtschaftsembargo der USA gegen Kuba zurückzuführen ist, erhielten ständig neue Blutzufuhr. Oswaldo Paya leitet in Havanna eine Dissidentenströmung, die versucht diesen Teufelskreis zu durchbrechen. In den Neunzigerjahren sammelte er im Rahmen des sogenannten "Varela Projekts" 25000 Unterschriften, um auf der Grundlage der kubanischen Verfassung eine Volksabstimmung über Meinungsfreiheit und freies Unternehmertum zu erreichen. Der unerwartete Erfolg war der Auslöser jener Repressionswelle, für deren Opfer die "Frauen in Weis" wöchentlich auf die Strasse gehen. Jetzt propagiert Paya einen "Nationalen Dialog" für einen friedlichen Übergang zur Demokratie. 110 Kubaner im In-und Ausland haben seinen Aufruf unterschrieben. Mit radikaleren, proamerikanischen Oppositionsgruppen um die erst im vergangenen Sommer freigelassene Ökonomin Martha Beatriz Roque, die für Ende Mai ein großes Dissidententreffen in Havanna planen, wollen die Befürworter des "Nationalen Dialogs" nichts zu tun haben. Oswaldo Payas Initiative hilft in Miami jene Exilkubaner zu sammeln, die nach einer Alternative zu den mit den Republikanern eng verbündeten lautstarken Rechtsaußen suchen.
Diese neue Welle oppositioneller Aktivitäten kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das kubanische Regime die schlimme Krise nach dem Ende der Sowjetunion überwunden hat. Der europäische Tourismus floriert und Kuba freut sich über umfangreiche chinesische Investitionen in seine expandierende Nickelindustrie. Am wichtigsten ist jedoch das Bündnis Castros mit Venezuelas Hugo Chavez: Kuba versorgt den antiamerikanischen Caudillo mit zehntausenden Ärzten, Lehrern und Sicherheitsexperten und erhält dafür kostbares venezuelanisches Erdöl fast zum Nulltarif. Die kubanische Regierung hat die Landeswährung kürzlich aufgewertet und Castro denkt laut über die Erhöhung der erbärmlichen staatlichen Löhne nach.
Ihr neues Selbstbewusstsein hat die kubanischen Führung gleichzeitig zu einem Roll Back zahlreicher marktwirtschaftlicher Veränderungen aus den Neunzigerjahren veranlasst. Wie der Phönix aus der Asche habe sich der Staat wieder zurückgemeldet, jubelte Castro kürzlich. Den US-Dollar mit seiner die sozialen Ungleichheiten fördernden Wirkung hat die Regierung wieder aus dem Wirtschaftsleben verbannt. An die Spitze der expandierenden Tourismusindustrie, deren Angebote auch zahlreiche Österreicher zum Flug in die Karibik reizt, wurde ein ehemaliger Militär gestellt. In Kuba regiert mehr denn je die staatliche Kommandowirtschaft.
Aber Fidel Castro ist 78 und hat eben eine unangenehme Bruchverletzung überstanden. 46 Jahre lang regiert er die Insel mit eiserner Hand, das gesamte politische und gesellschaftliche System ist auf seine Person ausgerichtet. Die anachronistisch wirkende Rezentralisierung verstärkt zusätzlich die Abhängigkeit des kubanischen Modells von der historischen Führungspersönlichkeit, die alle Fäden in der Hand hält.
Trotzdem: auch der Revolutionsführer, der so viele amerikanische Mordanschläge überlebt hat, ist sterblich. Ein Wechsel an der Spitze des kubanischen Staates erscheint nur eine Frage der Zeit. Je weniger zivile Gesellschaft im Land selbst zu diesem Zeitpunkt vorhanden ist, desto heftiger werden die Wirren der Übergangszeit sein und damit auch die Interventionsmöglichkeiten der Regierung in Washington. Denn keine Frage: gerade die gegenwärtige Administration täte nichts lieber, als im "Regimewechsels" dort erfolgreich zu sein, wo seit Eisenhower alle amerikanischen Präsidenten gescheitert sind, nämlich vor der eigenen Haustüre. Chaos in einem Post-Castro-Kuba wäre für die Hardliner in Washington geradezu der ideale Ausgangspunkt, um dem anhaltenden Vormarsch der Linken in ganz Lateinamerika entgegenzutreten.
Je stärker die USA in den letzten Jahren nach rechts gedriftet sind, desto eindeutiger ging nämlich der südliche Teil des Kontinents nach links. Neben Brasiliens Ignacio "Lula" da Silva und Venezuelas Hugo Chavez sind auch die Präsidenten Argentiniens, Chiles, Ekuadors und jetzt auch Paraguays linke Sozialdemokraten. Sie alle kämpfen gegen das ungerechte Embargo der USA an, bewundern die kubanischen Errungenschaften im Bereich von Gesundheit und Erziehung und respektieren im Langzeitdiktator Castro eine Ikone der lateinamerikanischen Emanzipationsbestrebungen. Wie stark das Schicksal Lateinamerikas aber von der Dynamik der Nach-Castro-Zeit abhängen wird, scheinen Schriftsteller und Intellektuelle, denen auch das Schicksal der innerkubanischen Opposition ein Anliegen ist, klarer zu verstehen, als die Politik: angeführt vom Mexikaner Carlos Fuentes haben Dutzende Publizisten Anfang März in einem Brief an Fidel Castro die Freilassung der während der Razzien im Dissidentenmilieu vor zwei Jahren inhaftierten unabhängigen Journalisten verlangt. Auch die die EU will nach der Wiederaufnahme normaler diplomatischer Beziehungen den Dialog mit der kubanischen Dissidentenszene weiterpflegen.
Die "Frauen in Weis", die in Havanna hartnäckig für ihre inhaftierten Angehörigen auf die Strasse gehen, könnten zu einer Chance für Kuba werden, wenn es ihnen gelingt zu zeigen, dass es auch Initiativen außerhalb der Kontrolle von Staat und Partei geben kann.


 

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