Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ches Erben, 25.1.2006


Nach dem Vorbild Fidel Castros und Che Guevaras wollte einmal eine ganze Generation lateinamerikanischer Linker die Vorherrschaft der Oligarchien im bewaffneten Kampf brechen. Jetzt kommen die politischen Erben der Guerilleros auf höchst friedlichem Weg über Wahlerfolge an die Macht. Der Amtsantritt des ersten Indiopräsidenten in der Geschichte Boliviens ist dafür ein besonders spektakuläres Beispiel.
Evo Morales, der den Sprung vom Anführer der Coca-Bauern an die Staatsspitze geschafft hat, musste als Kind im Andenhochland Lamas hüten. Vier seiner fünf Geschwister haben ihr erstes Lebensjahr nicht überlebt. In den Straßen des benachbarten Argentinien musste Morales später selbstgemachte Süßigkeiten verkaufen. Es ist eine Lebensgeschichte, die an den Aufstieg des brasilianischen Präsidenten Inacio "Lula" da Silva vom Straßenkind zum Staatschef erinnert. "Lula" ist ein Produkt der brasilianischen Gewerkschaftsbewegung. Evo Morales hingegen hat seine Wurzeln im Politisierungsprozess der Aymara und Quechua, der größten Indiovölker Boliviens. Er preist Fidel Castro als den "großen Weisen" des Kontinents, und die erste Reise nach der Wahl führte Boliviens neuen Präsidenten denn auch nach Havanna.
Ein kleines Flashback: Vor bald vierzig Jahren rieben bolivianische Militärs mit US-amerikanischen Beratern ein stark dezimiertes Grüppchen von aus Kuba eingeschleusten Guerillakämpfern auf, die monatelang vergeblich versucht hatten, die indianischen Campesinos zum Aufstand zu bewegen. Die stolze Soldateska präsentierte der Weltöffentlichkeit den Leichnam des ermordeten Che Guevara, zur Abschreckung für potenzielle Nachahmer.
2006 kommt Vizepräsident Alvaro Garcia Linera aus der Indio-Guerillaorganisation Tupac Katari; nach Bombenanschlägen und Banküberfällen verbrachte er einen Großteil der Neunzigerjahre in Gefängnissen. Der Mythos des im Untergrundkampf geformten Soziologieprofessors und Intellektuellen trug das Seine zum legalen Erfolg von Morales an den Urnen bei.
Erstmals in der wechselvollen Geschichte Boliviens regiert mit der "MAS-Bewegung zum Sozialismus" eine Indiopartei das Land. Der neue Präsident ließ sich vor der offiziellen Amtseinführung bei den Ruinen des aus der Vor-Inka-Zeit stammenden Tiawanaku-Tempels am Titicacasee nach alten indianischen Riten zum Führer seines Volkes weihen.
Zu den erklärten Feinden der neuen Regierung gehören die USA: Der von Washington aus gelenkte Antidrogenfeldzug hatte immer wieder zu blutigen Zusammenstößen mit militanten Coca-Anbauern geführt. Evo Morales möchte die Einschränkungen beim Anbau von Coca-Blättern lockern, seine Wahlkundgebungen schloss er gerne Mit "Yankee no!"-Parolen. Dazu kommen geopolitische Überlegungen: Mit gutem Grund fürchtet Washington eine Achse Bolivien-Venezuela-Kuba, die zu einem antiamerikanischen Gegenpol für ganz Lateinamerika werden könnte. Evo Morales verfügt zwar weder über die Finanzmittel des ölreichen Freundes Hugo Chavez noch über die revolutionäre Infrastruktur Fidel Castros. Aber das notorisch instabile Bolivien liegt im Herzen Lateinamerikas. Nicht zufällig wollte Che Guevara von hier aus seine kontinentale Revolution starten. Für die Linke schafft die durch das kraftraubende Irak-Abenteuer ausgelöste Lähmung der US-Lateinamerikapolitik denkbar günstige Rahmenbedingungen, von denen auch Boliviens neue Führung jetzt profitiert.
Die Probleme, vor denen Evo Morales steht, sind trotzdem gigantisch: Weder seine MAS, die eher einer Sammlung von Indio-Basisgruppen als einer Partei gleicht, noch seine engsten Mitarbeiter verfügen über die geringste Regierungserfahrung. Dass die vage MAS-Ideologie, die sich auf die kollektivistischen Traditionen der Indiogemeinschaften stützt, bei der Bewältigung der aktuellen Probleme sehr hilfreich sein wird, darf bezweifelt werden. Seit seiner Wahl hat der neue Präsident Pragmatismus versprochen und erklärt, auch ausländische Unternehmen seien in Bolivien weiterhin willkommen. Aber die Nationalisierung der von europäischen und brasilianischen Firmen kontrollierten Erdgasförderung war die zentrale Forderung jahrelanger Massenmobilisierungen. Dieses Versprechen umzusetzen, ohne ausländische Investoren vor den Kopf zu stoßen, wird ein schwieriges Unterfangen. Die Regierung Morales hat nicht nur mit einem skeptisch zurückhaltenden Bürgertum an seiner Rechten zu tun, sie muss auch mit Vorstößen des linksradikalen Flügels im eigenen Indiolager um den langjährigen Rivalen Felipe Quispe rechnen. Wie lange die scharfen sozialen Gegensätze durch die augenblickliche Morales-Begeisterung zugedeckt bleiben, kann niemand sagen. Aber Evo Morales stellt für die Millionen ignorierter Indios Lateinamerikas unzweifelhaft die größte Hoffnung seit Jahrzehnten dar.
Umso unverständlicher ist die kühle Aufnahme des ersten Indiopräsidenten in Europa. Die Medien nahmen gerade einmal den färbigen Alpaca-Pullover war, in dem Evo Morales Präsidenten und gekrönten Häuptern seine Aufwartung machte. Von Jacques Chirac bis Javier Solana bekam der Bolivianer dann lange Lektionen über die Unantastbarkeit des Privateigentums, insbesonders natürlich des Besitzes europäischer Investoren, zu hören. Ein beschämendes Spektakel, wenn man bedenkt, dass hier erstmals eine Regierung versuchen will, die gerade auch in Europa so gerne kritisierte neoliberale Wirtschaftspolitik rückgängig zu machen.
In den Straßen von La Paz erinnern sich manche Ältere noch an die Schützenpanzer "Made in Austria", die das Militär in den Siebzigern gerne gegen Demonstranten zum Einsatz brachte. Der österreichischen EU-Präsidentschaft war die Amtseinführung des Indiopräsidenten im ärmsten Land Lateinamerikas nicht die Entsendung eines Regierungsmitgliedes wert. Die Bolivianer behalfen sich, indem sie zu ihrem Staatsakt eher ungewöhnliche Gäste einluden: Indio-Aktivisten der mexikanischen Zapatistenbewegung, Streikführer aus Argentinien, die "Piqueteros", und Vertreter der brasilianischen Landlosenbewegung. Sein Präsidentengehalt von umgerechnet 2890 Euro im Monat will Morales übrigens halbieren, um mit der Differenz zehn Lehrer anzustellen.


 

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