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Chiles
Berlusconi jubelt, 13.10.2010
Bei der spektakulären Rettung der 33 Bergarbeiter in Chile schien
es tagelang, als wäre die Welt tatsächlich zum globalen Dorf
geworden. Die internationalisierte Fernsehwelt machte es möglich,
dass die Emotionsschübe des Dramas in der chilenischen Bergwüste
rund um den Erdball gingen. Für ein paar Tage fieberte die halbe
Menschheit mit den Rettern mit. Eine kollektive Erfahrung, wie sie normalerweise
nur Nationen machen.
Chile wird jetzt in der Welt ein ganz neues Image bekommen, versprach
Präsident Sebastian Pinera. Die Szenen der jubelnden Bergarbeiter
verdrängen das düstere Bild des Putschgenerals Augusto Pinochet,
mit dem Chile so lange assoziiert wurde. Sebastian Pinera selbst ist der
erste Präsident aus dem konservativen Lager seit dem Ende der Militärdiktatur
vor 20 Jahren.
Von der Linken wurde der dynamische und reiche Pinera gerne als chilenischer
Berlusconi dargestellt, weil die wichtigste Fluglinie des Landes, der
größte private Fernsehsender und der populäre Fußballklub
Colo Colo zu seinem Wirtschaftsimperium gehörten. Der bravouröse
Rettungsakt bei der Mine San Jose bietet ihm die Chance, eine neue Massenbasis
für seine modernisierte Rechte zu schaffen. Die Zustimmung für
Pinera in der Bevölkerung ist überwältigend. Dabei geht
unter, dass es fehlende Sicherheitsvorgaben und grässliche Arbeitsbedingungen
sind, die Bergwerke zu Todesfallen machen. Die geretteten Kumpel fordern
strengere staatliche Regeln, die in dem seit der Militärherrschaft
geltenden rein privatwirtschaftlichen Entwicklungsmodell abgeschafft wurden.
Vor bald einem Jahr war die Niederlage der chilenischen Mitte-Links-Koalition
eine Folge der Abnützungserscheinungen des langjährigen Bünd-
nisses von Sozialdemokraten und Christdemokraten gewesen. Im ersten Wahlgang
hatte ein unabhängiger Außenseiter, der junge Marco Enriquez-Ominami,
Sohn des unter Pinochet getöteten Führers der legendären
Guerillaorganisation MIR, dem christdemokratischen Regierungskandidaten
Eduardo Frei so zugesetzt, dass im zweiten Wahlgang der rechte Herausforderer
Pinera triumphierte.
Vor einem ähnlichen Szenario sorgt sich in Brasilien Dilma Rousseff,
die Präsidentschaftskandidatin der regierenden Arbeiterpartei von
Luiz Inacio Lula da Silva. Ihr Versuch, schon im ersten Wahlgang eine
absolute Mehrheit zu erreichen, scheiterte an den sensationellen 19 Prozent
der grünen Umweltschützerin und von Lula einst gefeuerten Ministerin
Marina Silva.
Roussef, die enge Vertraute Lulas, ist Erbin der brasilianischen Kulturrevolution,
die mit dem Namen ihres Mentors verbunden ist. Nie zuvor gab es eine derartige
Aussöhnung der armen Massen mit dem Staat, wie durch die Sozialmaßnahmen
des vom Straßenjungen und Gewerkschaftsführer zum Präsidenten
aufgestiegenen Ignacio Lula da Silva. In der Zeit der Militärdiktatur
hatte Dilma Rousseff Gewehre für die Stadtguerilla geputzt. Jetzt
steht sie vor dem Sprung zur ersten Frau an der Spitze Brasiliens. Ein
weiterer kultureller Durchbruch in einem traditionellen Macholand. Doch
seit kurzem registrieren die Meinungsforscher, dass Rousseffs Vorsprung
vor dem zentristischen Oppositionskandidaten Jose Serra schrumpft.
Zur Unzufriedenheit eines Teils der linken Basis, denen der Abbau der
sozialen Ungleichheiten viel zu langsam geht, wie der Landarbeiterbewegung
MST, ist unvermutet eine Abtreibungsdiskussion hinzugekommen. Im katholischen
Brasilien ist die Abtreibung nur bei Vergewaltigung und akuter Gefahr
für das Leben der Mutter erlaubt. Rousseff will die in ganz Lateinamerika
sensible Frage unter dem Aspekt der Volksgesundheit diskutieren. Was konservative
Bischöfe zu Brandreden gegen eine mögliche Lockerung des Abtreibungsverbots
unter einer Präsidentin Rousseff veranlasste.
Mit einer Zustimmungsrate von 80 Prozent ist Lula wahrscheinlich der populärste
Präsident der demokratischen Welt. In Lateinamerika hat die Linke
das Siegen nicht verlernt. Dilma Rousseff bleibt Favoritin für die
Stichwahl am 31.Oktober. Aber die Zeiten werden rauer für eine Generation
sozialdemokratischer und linksnationalistischer Führer, die als Reaktion
auf den kruden Neoliberalismus früherer Jahrzehnte an die Macht gekommen
waren. Konkurrenten sind jetzt nicht mehr proamerikanische Radikalprivatisierer,
sondern freundliche Konservative, wie der Bergarbeiterretter Sebastian
Pinera in Chile und der Zentrist Jose Serra in Brasilien.
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