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Das Blutbad
von Islamabad und die Rückkehr von Al-Kaida, 24.9.2008
Al-Kaida ist wieder da. Das
Blutbad im Marriott in Islamabad vergangene Woche und ein Angriff auf
die US-Botschaft in Jemen wenige Tage zuvor erinnern an eine Anschlagserie
vor zehn Jahren. 1998 wurden fast gleichzeitig die US-Vertretungen in
Nairobi und Daressalam zerstört. Die Spuren der Attentate ließen
sich bis zum engsten Kreis um Osama bin Laden zurückverfolgen. Auch
jetzt sieht alles nach einer koordinierten Aktion aus. Der Anschlag in
Jemen demonstriert den langen Arm Osama bin Ladens. In Pakistan entscheidet
sich der Kampf um Afghanistan.
Das Marriott in Islamabad war das Symbol für Pakistans Verbindung
zum Westen, eine zentrale Drehscheibe für Politiker, Reisende und
Geschäftsleute. Jeder ausländische Reporter pflegte dort seine
Kontakte. Die politische Botschaft einer derartigen Sprengung ist klar.
Nach dem Machtwechsel vom Militärdiktator Pervez Muscharraf zu Asif
Ali Zardari, dem Witwer der im Wahlkampf ermordeten Benazir Bhutto, wagt
der fundamentalistische Untergrund den Frontalangriff gegen die Regierung.
Muscharraf hat im vergangenen Sommer die lebenswichtige Unterstützung
der USA verloren, als er sich amerikanischen Übergriffen gegen angebliche
Stellungen der afghanischen Taliban auf pakistanischem Hoheitsgebiet widersetzte.
Neokonservative Hardliner in Washington ebneten daraufhin Zardari den
Aufstieg, urteilt Tariq Ali, der britisch-pakistanische Linke und frühere
Berater von Benazir Bhutto. Präsident Zardari ist der zweitreichste
Mann des Landes, sein Vermögen die Frucht vieler Jahre der Korruption
im großen Stil. Gibt er den USA grünes Licht zur Ausweitung
des Afghanistankrieges in die Stammesgebiete im Westen Pakistans, dann
wird ihn das eigene Militär rasch beseitigen, so Ali.
Das ist für den mit Al-Kaida-Anhängern durchsetzten islamistischen
Untergrund in Pakistan eine Umbruchsituation, die zur Offensive geradezu
herausfordert. Bei den Parlamentswahlen zu Jahresbeginn hatten die islamistischen
Parteien schlecht abgeschnitten. Die pakistanische Gesellschaft will in
ihrer überwiegenden Mehrheit Demokratie und keinen Gottesstaat. Aber
in den verlorenen Grenzregionen zu Afghanistan haben bewaffnete Paschtunenstämme
das Sagen. Rivalisierende Geheimdienstfraktionen, die Armee, die afghanischen
Taliban und Al-Kaida buhlen um die Gunst der Klans. Dazu kommen noch die
Special Forces des US Central Command, die nach dem inneren Kreis um Bin
Laden suchen, aber allzu oft unschuldige Dorfbewohner töten. Es ist
ein kompliziertes Machtspiel. Von den Stammesgebieten aus haben die Taliban
ihr Comeback gegen die proamerikanische Regierung in Kabul gestartet.
Die USA reagierten mit dem Einsatz unbemannter Drohnen aus der Luft, dann
mit direkten Kommandoaktionen quer über die Grenze. Nachhaltige Erfolge
lassen sich nicht feststellen. Aber die Zeit ist vorbei, in der Al-Kaida
sich in relativer Ruhe darauf konzentrieren konnte, die eigene Logistik
wiederaufzubauen. Der Gegenschlag war unvermeidlich.
Mit dem Doppelanschlag auf das Marriott in der pakistanischen Hauptstadt
und die US-Botschaft im Jemen verändert sich wieder einmal das Bild
des islamisch-fundamentalistischen Terrorismus. In den vergangenen Jahren
sind weltweit vor allem Organisationen im Vordergrund gestanden, die das
Produkt regionaler Krisen waren. Al-Kaida im Irak, die größte
Gruppe dieser Art, ist durch den Frontwechsel der sunnitischen Milizen
auf die Seite der Amerikaner schwer angeschlagen. Hamas, die fundamentalistische
Palästinenserorganisation, wollte mit Osama bin Laden sowieso nie
etwas zu tun haben. Die Salafisten in Algerien sind durch die Amnestieangebote
der Regierung für islamistische Kämpfer isoliert.
Hinter den Anschlägen in Pakistan und Jemen stehen nicht mehr lokale
Konflikte. Die Rolle der USA als Führungsmacht des Westens soll samt
ihren Verbündeten getroffen werden. Vor den Anschlägen des 11.
September 2001 war Afghanistan das wichtigste Aufmarschgebiet von Al-Kaida.
Nach dem raschen Sturz der Taliban konzentrierten die USA all ihre Kräfte
auf den Irak. Sieben Jahre und zwei Kriege später steht nicht nur
Afghanistan neuerlich an der Kippe, das Schlachtfeld hat sich endgültig
auf die Atommacht Pakistan ausgeweitet. Ein bitteres Zeichen dafür,
wie erfolglos der Antiterrorkrieg der Regierung Bush trotz der Enttarnung,
Inhaftierung, Folter und gezielten Tötung, sprich Ermordung, so vieler
führender Al-Kaida-Terroristen letztlich geblieben ist.
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