Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Das Comeback, 15.5.2001


Als Simeon Borisow Sachsen-Coburg 1946 von den sowjetischen Befreiern und Besatzern vom bulgarischen Thron vertrieben wurde, da war er neun Jahre alt. Das Versprechen, alle Probleme des leidgeprüften Balkanstaates innerhalb von 800 Tagen zu lösen, geben der Partei des seither in Spanien lebenden Ex-Königs 2001die besten Chancen die im Juni bevorstehenden Parlamentswahlen in Bulgarien zu gewinnen. Mit ihrem schmerzhaften Reformprogramm scheint die pragmatische Regierung in Sofia auf verlorenem Posten zu stehen.
Zumindest wenn der EU-Beitrittskandidat Bulgarien den Weg des EU-Mitbegründers Italien geht. Denn der politische Zyklus, der am vergangenen Wochenende in unserem südlichen Nachbarland zu Ende gegangen ist, kann als Musterbeispiel für demokratische Anormalität gelten. Am Anfang stand der Zusammenbruch des im Kalten Krieg gewachsenen Parteiensystems im Korruptionssumpf von Tangentopoli. Die Existenzkrise der Sozialistischen Partei Bettino Craxis katapultierte den von Craxi geförderten Medienunternehmer Silvio Berlusconi selbst in den Ring der politischen Auseinandersetzung. Mit seiner via Fernsehen aus dem Boden gestampften Partei füllt er den von den skandalumwitterten Christdemokraten verlassenen politischen Raum.
Sieben Jahre hartnäckiger Oppositionspolitik nach dem gescheiterten Regierungsanlauf machten den Medienzaren endgültig zum politischen Schwergewicht. Selbst die in der Europäischen Volkspartei vereinten Christdemokraten nahmen den noch 1994 mit Ausgrenzung Bestraften gnädig als einen der ihren auf.
2001 war ein Bilderbuch wahlentscheidend: 12 Millionen Hagiografie des Kandidaten unter dem Titel "Eine italienische Geschichte", als Werbesendung verschickt an die Haushalte, gewann ihm 3 Prozent der Unentschiedenen. Eine Investition von umgerechnet 200 Millionen Schilling, keine fünf Prozent der Gesamtsumme, die Silvio Berlusconi in diesem Wahlkampf ausgegeben hat aber satte 50 Prozent des gesamten Wahlkampfbudgets Francesco Rutellis.
Francesca D. ist 48, sie stammt aus dem süditalienischen Apulien und führt eine gutgehende Pension in der Emiglia Romana. Seit ihrem 18. Lebensjahr war sie Anhängerin der KPI, kein "Unita"-Fest, das sie versäumt hätte, sagt sie. Diesmal hat sie Berlusconi gewählt, denn von der Linken fühlt sie sich verraten. Was hätten sie nicht alles versprochen, eine saubere Verwaltung, weniger Steuern und materielle Sicherheit. Aber jetzt profitieren nur diese Ausländer, die die Städte zerstören mit ihrer Bettelei und den langen Fingern, für alles, was nicht niet und nagelfest ist. Ihr Haßobjekt ist Massimo d'Alema, der politische Kopf der aus der eurokommunistischen KP hervorgegangenen Linksdemokraten: Länderein habe der Genosse in der Toskana und gearbeitet hat er auch nie. Berlusconi mag seine Fehler haben, aber zumindest gearbeitet habe er, und zwar sein ganzes Leben.
Es ist ein Diskurs der Empörung, den man vor wenigen Jahren ganz ähnlich auch im Österreich der Großen Koalition hören konnte. Auch sonst klingt so manches sehr bekannt in Italien. Daß die Berlusconi-Kritik der europäischen Presse Resultat eines linken Komplotts sei kam genauso an wie ähnliche Konstruktionen ein Jahr zuvor in Österreich. Ganz offensichtlich hat man es in beiden Fällen mit der Legitimitätskrise eines ganzen politischen Systems zu tun. Sachliche Argumente haben dabei kaum eine Chance.
Italien hängt das Scheitern Romano Prodis 1994 vor fünf Jahren nach: der heutige EU-Kommissionspräsident wollte damals das lose "Ulivo"-Bündnis seiner Mitte-links-Regierung zu einer großen linken Volkspartei nach dem Vorbild der amerikanischen Demokraten umbauen. Es wäre der ersehnte Neuanfang der italienischen Politik nach dem Desaster von Tangentopoli gewesen, meinen unisono linke und rechte Beobachter. Mit vereinten Kräften trugen Massimo D'Alema, Francisco Cossiga und Fausto Bertinotti, die um ihren Einfluß besorgten Parteispitzen, dieses Projekt zu Grabe.
Italiens politische Klasse zahlt dafür jetzt den Preis durch den Aufstieg einer neuen telekratischen Macht, die sich über die traditionellen Parteistrukturen hinwegsetzt und sich direkt via Fernsehen an das Wahlvolk wendet. Alexandre Adler, der scharfsinnige Analytiker europäischer Politik, erinnert in "Courrier International" an die innovatorische Rolle Italiens in den guten und den schlechten Phasen des 20.Jahrhundert: Faschismus, Christdemokratie und Eurokommunismus hatten hier ihren Ursprung. Bringt der Triumph Berlusconis ein neues Element der Telekratie in die europäische Politik?
Auch die angesehene linke Tageszeitung "Il Manifesto" erinnern die Ankündigungen des "Cavaliere" an den Duce. Die "Revolution", die er Italien verspricht, bedeute, daß fortan er allein das Kommando beansprucht. Die versprochenen "öffentlichen Arbeiten" entsprechen laut "Manifesto" dem Repertoire der verhängnisvollen Zwanzigerjahre, ebenso wie der von Berlusconi wiederholt ausgesprochene Wunsch, seine politischen Gegner zum Arbeiten zu schicken. Der Wechsel der politischen Führung sei das erklärte Ziel: alle bisherigen Politiker sind alt und korrupt, die neuen Leute müssen der großen Sache ergeben sein, selbst jener, die noch vor Gericht anhängig ist, höhnt "Manifesto"-Kommentator Valentino Parlato.
Den beruhigenderen Aspekt der Realität betont der "Corriere della Serra", der in diesem Wahlkampf streng neutral geblieben ist. Starkommentator Ferrucio de Bortoli weist auf die Stabilität der italienischen Demokratie und die Legitimät dieser Wahlen hin: es sei kein kein schwarzer Tag für die Demokratie gewesen, widerspricht der "Corriere" dem Londoner "Economist".
Ob sich Europa an das Comeback der abgesetzten Könige im Osten und der vermeintlich gestürzten Medienzaren im Westen gewöhnen muß?

 

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