Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Das Ende der Tamil Tigers, 20.5.2009

So wenig Aufhebens wurde um ein Massaker schon lange nicht gemacht. Satellitenbilder bewiesen seit Wochen: Mit schweren Geschützen ging die Armee Sri Lankas gegen den winzigen Streifen aus Strand und Dschungel vor, auf dem sich die tamilischen Rebellen mit zehntausenden Zivilisten verschanzt haben. Am Ende eines 25 Jahre langen, blutigen Bürgerkriegs gab es keine Gnade. Spitäler, Schulen, Flüchtlingscamps wurden beschossen, als wären es militärische Ziele. Die kämpfenden Befreiungstiger von Eelam benützten die Zivilisten als menschliche Schutzschilder, begründete die Armee ihr Vorgehen. Immerhin hat die Regierung Obama einen 2-Milliarden-Dollar-Kredit blockiert, um die Regierung in Colombo dazu zu bewegen, Hilfe für die Bevölkerung durchzulassen.
Die besiegten tamilischen Kämpfer haben wenige Freunde. Noch vor wenigen Jahren war die LTTE die mächtigste Untergrundarmee der Welt. Von der Halbinsel Jaffna aus schickte Guerillaführer Vellupilai Prabhakaran weibliche Selbstmordattentäter in die Regierungsviertel von Colombo und New Delhi. Die Heroisierung junger Frauen, die sich als Kamikaze opferten, wurde zum Markenzeichen der Tamilen-Krieger. Lange bevor Islamisten im Irak oder Palästina mit dem Märtyrermythos erfolgreich waren.
Für so unbesiegbar hielten sich die Führer der LTTE, dass sie einen durch Vermittlung Norwegens 2002 ausgehandelten Waffenstillstand, der Jaffna weitgehende Autonomie gab, aufs Spiel setzten. Aber der Tsunami des Jahres 2004, der Sri Lanka so verheerend traf, hat auch die militärische Infrastruktur der Aufständischen schwer beschädigt. Anders als die Armee Sri Lankas konnten die inzwischen weltweit als Terroristen geächteten Befreiungstiger die Lücken nicht mehr füllen. Ein wichtiger lokaler Kommandant im Osten Jaffnas brach mit dem autokratischen Prabhakaran und die Gegenoffensive der Armee nahm ihren Lauf. Ein Vierteljahrhundert bewaffneten Kampfs der Tamilen endet nun mit einer Niederlage.
Die Regierung in Colombo, gestützt auf den schäumenden Chauvinismus in weiten Teilen der singhalesischen Mehrheitsbevölkerung, setzte monatelang auf eine rein militärische Lösung. Daher stellte sich Präsident Mahinda Rajapaksa gegen alle Friedensaufrufe des Uno-Sicherheitsrats oder der EU. Die hunderttausenden tamilischen Zivilisten, die bei rasch wechselnden Frontlinien im Regierungslager Zuflucht nahmen, werden in Siedlungen festgehalten, die Gefangenenlagern ähnlich sind. Die hinduistischen Tamilen machen ein Viertel der Bevölkerung Sri Lankas aus. Hunderttausende tamilische Arbeiter in den Teeplantagen sind rechtlos, weil ihnen als Nachkommen ehemaliger Einwanderer aus Indien die Staatsbürgerschaft verweigert wird. Der Norden und Nordosten des Landes ist mehrheitlich tamilisch. Das Unabhängigkeitsstreben der Minderheit stößt seit der Selbstständigkeit Ceylons immer wieder mit dem buddhistischen Nationalismus der singhalesischen Mehrheit zusammen. Wenn die siegreiche Regierung in Colombo weiter nicht bereit ist, der Minderheit die Hand zu reichen, dann ist nur eines sicher: dass die Verbitterung und Erniedrigung der Besiegten zum Nährboden neuer Gewalt wird.
Die zehntausenden Tamilen in der Diaspora, die in den letzten Wochen in verschiedenen Städten Europas für die LTTE auf die Straße gegangen sind, erinnern an die Kurden der PKK. Prabhakaran ist der tamilische Öcalan, nur vor der Verhaftung des Kurdenführers. Militaristische Organisationen mit totalitärer Ideologie, aber echter Massenbasis, wie die kurdische PKK und die Tamil Tigers, wachsen auf der Grundlage nationaler und gesellschaftlicher Unterdrückung. Aber nach der militärischen Niederlage der PKK begann in der Türkei die Phase der Demokratisierung und der Annäherung an Europa. Die neuen Rechte für die Kurden nahmen den Untergrundkämpfern ihre Legitimität, auch wenn sie nach wie vor populär sein mögen.
In Sri Lanka droht der umgekehrte Prozess. In dem Land, in dem es nach der Unabhängigkeit lange keine Armee gab, sind die Streitkräfte heute der wichtigste Faktor. Bereits fürchten manche eine "Pakistanisierung" des Inselstaats, mit einem Übergewicht der Generalität gegenüber den traditionellen Institutionen der Demokratie.
Der singhalesischer Siegfriede, der nun herscht, droht ein fruchtbarer Boden für Racheaktionen zukünftiger Generationen von Tamil Tigers zu werden.


 

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