Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Das Ende von New Labour, 12.5.2010


Die Niederlage der britischen Labour Party und der angekündigte Rücktritt Gordon Browns beenden eine Ära. Unter dem Markennamen New Labour hatten Tony Blair und Brown vor eineinhalb Jahrzehnten die zerstrittene Partei umgemodelt, geeint und zum Erfolg geführt. Das ist lange her, aber nach der mit dem Namen Margaret Thatchers verbundenen konservativen Hegemonie schien die progressive Wende in Großbritannien zu zeigen, wie sich sozialdemokratische Parteien erfolgreich neuerfinden können. Die Abkehr vom traditionellen Etatismus, die Erweiterung der klassischen Arbeiterbasis um soziale Aufsteiger und eine globalisierungsfreundliche Grundhaltung waren die Eckpunkte des wirtschaftsnahen *Dritten Weges*, mit dem Tony Blair wiederholt an den Urnen siegte.
Was bleibt nach 13 Jahren, in denen New Labour an der Macht war? Großbritannien wurde zweifelsohne modernisiert. Im Gegensatz zur eigenen Ideologie vom schlanken Staat brachten zusätzliche öffentliche Gelder im Gesundheitsdienst und bei der Bildung messbare Verbesserungen. Die Einführung eines Mindestlohns gilt als wichtige Errungenschaft. Aber selbst Anthony Giddens, einer der Erfinder des *Dritten Weges*, muss eingestehen, dass sich an den großen sozialen Unterschieden in Großbritannien nichts geändert hat.
Immerhin sei die Schere zwischen Arm und Reich nicht größer geworden. Die britische Wirtschaft ist in den letzten zehn Jahren trotz der allseits gepriesenen Flexibilität nur um bescheidene 0,3 Prozent rascher gewachsen als das angeblich so unbewegliche Frankreich. Dafür war aber der Fall mit Beginn der Krise umso härter. Während sich das kontinentaleuropäische Sozialstaatsmodell bisher erstaunlich gut gehalten hat, schnellen Arbeitslosigkeit und Armut in Großbritannien seit 2008 in die Höhe.
Der Abstieg von New Labour begann zweifelsohne mit dem Irak-Krieg, in dem sich Blair gegen die europäischen Verbündeten und für die Bush-Führung entschied. Was Blair wirklich dazu bewogen hat, sich gegen den Willen der Bevölkerung für den Angriff zu entscheiden, ist bis heute unklar. Die Hoffnung auf die Dividenden nach dem erwarteten raschen Sieg in einem der wichtigsten Ölstaaten mag eine Rolle gespielt haben.
Die Blair feindselig gegenüberstehende New Left Review rechnet bösartig vor, dass New Labours Kriege in Afghanistan, dem Irak und Jugoslawien viel mehr Tote gefordert haben als Margaret Thatchers Falkland-Feldzug. Immerhin: Der Bürgerkrieg in Nordirland wurde beendet. Die Labourregierung ließ sich auch durch Rückschläge nicht von den einmal begonnenen Verhandlungen mit der IRA abbringen. Das Dogma, wonach man sich mit Terroristen nicht an einen Tisch setzen darf, wurde beiseitegeschoben.
Gordon Brown, der glücklose Kopilot, versuchte in der Krise nach Jahrzehnten der Deregulierung die internationale Kontrolle über die Finanzmärkte ins Zentrum zu stellen. Aber der einstige Schatzkanzler Blairs, der den Kontinentaleuropäern lange die Tugenden der freien Märkte predigte, hatte ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der wirtschaftliche Aufstieg Großbritanniens nach der Ära Thatcher war mit dem hypertrophen Finanzsektor verbunden. Die wichtigste britische Wachstumsbranche wurde die Herstellung und der Verkauf von Schulden, diagnostiziert kühl der Keynes-Biograf Robert Skidelsky. Wenn dieses Geschäftsmodell jetzt kollabiert, dann stürzt auch das von Labour gepriesene Zukunftsmodell des Vorrangs der kreativen Welt der Finanzen in sich zusammen. Vor diesem Hintergrund war der Wunsch nach Machtwechsel verständlich. Trotzdem brachten es die Tories nicht auf die erwartete Mehrheit. Die von den Konservativen erhoffte massive Pendelbewegung nach rechts blieb aus. Untergegangen sind Rechtsaußenparteien, die auf einen Durchbruch wie in Kontinentaleuropa hofften.
Dagegen werden die Grünen mit einer Abgeordneten aus dem studentischen Wahlkreis Brighton erstmals im Unterhaus vertreten sein. Die proeuropäischen Liberalen und Labour kommen zusammen auf 52 Prozent der Stimmen. Zählt man linke Nationalisten aus Schottland, Wales und Nordirland dazu, dann hat Großbritannien nach wie vor eine deutliche linksliberale Mehrheit. Für das schrumpfende Lager der europäischen Sozialdemokraten, die nach Ungarn jetzt höchstwahrscheinlich auch in Großbritannien einen Regierungschef verlieren werden, ist das wohl nur ein schwacher Trost.


 

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