Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Das Irakdilemma, 7.12.2005


Endlich diskutieren in den USA nicht nur friedensbewegte Demonstranten, sondern auch Spitzenpolitiker, Starkolumnisten und Fernsehmoderatoren, die letztlich entscheidende Frage: soll sich die Supermacht tatsächlich aus dem Irak zurückziehen? Und zwar nicht in ferner Zukunft, wenn aus dem blutigen Chaos von heute vielleicht doch eine stabile prowestliche Demokratie geworden ist, sondern in den nächsten Monaten. Ausgelöst wurde die Debatte durch die spektakuläre Kertwende eines demokratischen Hardliners im Repräsentantenhaus, der in Washington lange Zeit als Sprachrohr des Militärapparats gegolten hat. John Murtha, ein bulliger Vietnamveteran aus Pennsylvania, hält den Krieg im Irak im wesentlichen für verloren. Den rosigen Bildern der Regierung stellt er seine düstere Bilanz entgegen: Die irakische Ölförderung liegt unter dem Vorkriegsniveau, nicht einmal die Versorgung mit elektrischem Strom und Trinkwasser sei gesichert, trotz der vielen Milliarden Steuergeldern aus den USA. Aus anfangs 150 Angriffen durch Aufständische pro Woche seien im vergangenen Jahr 700 geworden. Er, John Murtha, sei zum Schluss gekommen, dass die Präsenz amerikanischer Truppen zur wichtigsten Triebkraft der Aufstandsbewegung geworden ist. Innerhalb von sechs Monaten sollen die Soldaten nach dem Plan des prominenten Abgeordneten aus Pennsylvania heimkommen, nur eine schnelle Eingreiftruppe will er als Krisenfeuerwehr in der Region belassen. Die meisten prominenten Demokraten in Washington lehnen eine solche Linie ab, aber überraschenderweise hat sich letzte Woche die demokratische Fraktionsführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, ihrem Kollegen angeschlossen. Das angesehene linke Wochenblatt "The Nation" träumt schon von einem Schulterschluss zwischen Friedensaktivisten auf der Straße und wichtigen demokratischen Spitzenpolitikern nach dem Beispiel der "Out Now"-Bewegung während des Vietnamkrieges. Viele Meinungsforscher sind überzeugt, dass die Regierung den Kampf um die amerikanische Öffentlichkeit nicht mehr gewinnen kann: so kontinuierlich steigt seit Monaten die Zahl jener Amerikaner, die den Irakkrieg für einen Fehler halten - im November waren es 54 % - , dass der Druck in Richtung Truppenrückzug demnächst unwiderstehlich sein werde. Die Tragödie ist allerdings, dass ein rascher amerikanischer Abzug leicht verheerende Folgen haben könnte. Wenn im zunehmend brutalen irakischen Bürgerkrieg eine Seite ihre Truppenstärke schlagartig reduziert, dann ist die Gefahr eines Zusammenbruchs des Bagdader Regimes trotz aller Versprechen von der Schlagkraft zukünftiger Regierungseinheiten riesig. Die Vorstellung, dass eine fundmentalistische Rebellenbewegung im Bündnis mit faschistoiden Terrorgruppen weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringt, ist ein Schreckensszenario nicht nur für den Westen, sondern auch für die große Mehrheit der irakischen Bürger. Unter dem Schutzschild der amerikanischen Besatzung hat sich seit dem Sturz des Saddam Hussein-Regimes ein großer Teil jener politischen Kräfte versammelt hat, die einen Neuaufbau des Landes angehen könnten. Nach den Parlamentswahlen vom 15.Dezember wird der Irak wahrscheinlich eine der repräsentativsten Regierungen der arabischen Welt haben. Die Bemühungen des US-Botschafters in Bagdad, Zalmay Khalilzad, zur Einbindung sunnitischer Politiker oder der von den USA durchgesetzte Frauenanteil von 25 Prozent im Parlament zielen auf eine politische Breite ab, die in vielen Nachbarstaaten fehlt. Mit Ausnahme der Kurden wünschen die meisten Parteien in Bagdad einen amerikanischen Rückzug, sobald das neue System auf eigenen Füßen steht, sie fürchten aber gleichzeitig auch ein militärisches Debakel gegenüber den Rebellen. Wahrscheinlich unterscheiden sie sich darin nicht sehr von den meisten Irakis. Trotz der wachsenden Ablehnung des Krieges in der US-Bevölkerung wollen sich die führenden Demokraten in Washington daher nach wie vor nicht dem Vorwurf aussetzen, sie wären bereit, die irakischen Verbündeten den fundamentalistischen Feinden auszuliefern. Joseph Biden, der Außenpolitikexperte der Demokraten, plädiert für eine Öffnung der US-Irakpolitik in Richtung internationale Gemeinschaft und für engere Zusammenarbeit mit den Nachbarn des Irak bei gleichzeitig verstärkter Aufrüstung irakischer Einheiten. Die Unterschiede zu George Bush sind graduell. Der Gegensatz zwischen Joseph Biden und seinem abzugswilligen Kollegen John Murtha spiegelt den Grundwiderspruch der amerikanischen Position wider: von der Innenpolitik her wächst unwiderstehlich der Druck in Richtung Abzug. Amerika mag weltweit als imperiale Macht agieren, die Bevölkerung hat vor allem die eigenen Probleme vor Augen und wird zunehmend skeptischer, wenn bei teuren und opferreichen Einsätzen im fernen Ausland der versprochene rasche Erfolg ausbleibt. Für die Kongresswahlen in einem Jahr wird das nicht ohne Folgen bleiben. Andererseits bleiben die geopolitischen Gründe, die ursprünglich zur Irak-Invasion geführt haben, unverändert bestehen. Über Jahrzehnte wird die Rangordnung der Weltmächte davon abhängen, wer über die größten Einflussmöglichkeiten auf den Mittleren Osten mit seinen für den gesamten Planeten lebenswichtigen Erdölreserven verfügt. Die internationale Vormachtstellung der USA ist damit an den Ausgang des Irakabenteuers gebunden. Das Risiko eines von antiamerikanischen Kräften dominierten und destabilisierten Nahen Ostens können sie weniger denn je eingehen. Durchaus möglich, dass die Regierung Bush rechtzeitig vor den Kongresswahlen im kommenden Herbst medienwirksam die Heimkehr einiger tausend Soldaten veranlassen wird, sozusagen als Konzession an die Stimmung in der Bevölkerung. Aber die USA sitzen im Irak auf Dauer fest, von der Eroberung der ersten Amtszeit Bush kommen sie nicht so rasch los. Diese Rahmenbedingungen spüren auch die Kriegsgegner: während des Vietnamkrieges konnte eine Niederlage gegen eine revolutionäre Befreiungsbewegung wie den Vietkong noch als gerechte Strafe für die eigene Hybris erscheinen. Über einen Sieg der Feinde Amerikas im Nahen Osten, der heute geopolitische um vieles wichtiger ist als Indochina vor 30 Jahren, könnte sich dagegen niemand wirklich freuen.

 

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