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Das
L-Word, 29.7.2004
Die jungen
demokratischen Aktivisten, die mit Werbematerial vor den Kinos stehen,
in denen "Fahrenheit 9/11" läuft, sind regelmäßig
von der Freigiebigkeit der Besucher überrascht. Zwanzigdollarscheine,
oft sogar Fünfzig- oder Hundertdollarscheine für den Wahlkampf
John Kerrys sind nach den 112 Minuten Anti-Bush-Trommelfeuer Michael Moores
keine Seltenheit. Der Dollarsegen, der seit Beginn des Jahres über
die Demokraten niedergeht, hat den Bush-Gegnern die Angst vor den prall
gefüllten Kassen der Republikaner genommen. In den ersten sechs Monaten
des Jahres hat John Kerry fünfmal mehr als irgendein anderer Herausforderer
gesammelt.
Das demokratische Establishment verdankt diesen unerwarteten Höhenflug
den Anti-Bush-Gefühlen eines großen Teils der Basis, die bislang
vor allem von Außenseitern kanalisiert wurden. In den Vorwahlen
zu Jahresbeginn begeisterte der Anti-Kriegs-Kandidat Howard Dean die Jugend,
und seit Wochen befriedigt Filmemacher Michael Moore die Revanchegelüste
all jener, die das Debakel bei der Stimmauszählung in Florida noch
nicht vergessen haben. Der starke Anti-Bush-Reflex hat John Kerry eine
ungewohnt geeinte Partei beschert, auch die üblichen linken Kritiker
aus der Bürgerrechtsbewegung halten sich zurück. Selbst beim
Versuch Kerrys, die Fronten in der Abtreibungsdiskussion aufzuweichen,
indem er meinte, ungeachtet der Pro-Choice-Haltung seiner Partei lehne
er persönlich als Katholik Schwangerschaftsabbrüche ab, blieb
der Protestschrei der Frauenbewegung aus.
Der ungewohnte Friede zwischen den sonst so heftig miteinander ringenden
demokratischen Fraktionen hat jedoch einen Preis: Nach den heftigen Kontroversen
der Vorwahlen legen die Demokraten nun einen derart konventionellen Wahlkampf
hin, dass in den Medien das große Gähnen ausgebrochen ist.
Das Bemühen, nur ja keine Wählergruppe zu verprellen, bedroht
auch den Wahlparteitag in Boston: Einer langweiligen Show sieht niemand
zu. Der republikanischen Wahlwerbung ist es bisher erstaunlich gut gelungen,
die Glaubwürdigkeit des demokratischen Herausforderers anzukratzen.
Gekonnt verbreiten immer neue TV-Spots das Bild eines klaffenden Widerspruchs
zwischen der linksliberalen Tradition des Kandidaten und seinem gegenwärtigen
Flirt mit dem konservativen Zeitgeist. Was die Strategen des demokratischen
Mainstreams als pragmatische Errungenschaft feiern, wird im Sperrfeuer
der republikanischen Anti-Kerry-Werbung zur orientierungslosen Beliebigkeit
umgedeutet. Der Vorwurf sitzt. Meinungsumfragen belegen, dass "flip
flopping", also das übertriebene Bemühen, es allen recht
zu machen, eine der Eigenschaften ist, die man Kerry am ehesten zuschreibt.
Die Demokraten hätten diese Woche die Chance, dem vom politischen
Gegner gezeichneten Image der glatten Beliebigkeit das Bild eines Kandidaten
mit Ecken und Kanten entgegenzustellen.
Dafür eignet sich die tatsächliche politische Entwicklung John
Kerrys deutlich besser als die vorsichtige Wahlkampfregie des Parteiestablishments.
Denn der Senator aus Massachusetts ist in seiner ganzen Karriere für
den linksliberalen Flügel der demokratischen Partei gestanden. Als
telegener Sprecher der "Veteranen gegen den Krieg" beeindruckte
er den Außenpolitischen Ausschuss des Senats im April 1971 mit der
Frage: "Wie will man vom letzten Mann in Vietnam verlangen, dass
er in den Tod geht? Wie will man vom letzten Mann verlangen, dass er für
einen Fehler stirbt?" Wenige Tage später sprach der hochdekorierte
Vietnamveteran von den Stufen des Kapitols vor 250.000 Menschen bei einer
der größten Massenkundgebungen gegen den "barbarischen"
Krieg in Indochina. Kerry hat mit John Lennon demonstriert und bei Richard
Nixon im Weißen Haus Schimpforgien ausgelöst. Als Kerry 1985
als karrierebewusster junger Senator in Washington einzog, machte er sich
als heftiger Kritiker der Außenpolitik Ronald Reagans einen Namen.
Während im Souterrain des Weißen Hauses Oliver North auf illegale
Weise die antisandinistischen Contras finanzierte, flog Kerry nach Managua,
um mit Daniel Ortega und der sandinistischen Führung zu verhandeln.
Gegen die Aufrüstungspolitik Ronald Reagans unterstützte er
die so genannte Freeze-Bewegung für globale Abrüstung. Die grundsätzliche
Skepsis gegenüber Militäreinsätzen im Ausland war auch
der Grund dafür, dass der Vietnamveteran den ersten Golfkrieg 1991
ablehnte, ebenso wie übrigens die Mehrheit der damaligen Demokraten
im Kongress. Erst in den Neunzigerjahren, als Bill Clinton mit seinen
New Democrats den Republikanern erfolgreich ihre traditionellen Themen
streitig machte, begann auch John Kerry mit konservativen Ideen zu experimentieren.
Das plötzliche Abrücken des Paradeliberalen von der als Affirmative
Action bekannten Minderheitenförderung löste jedoch in der eigenen
Basis in Massachusetts einen heilsamen Proteststurm aus. Konservative
Lobbyisten zählen John Kerry und Ted Kennedy nach wie vor zu den
liberalsten Mitgliedern des amerikanischer Senats.
Wobei das amerikanische "liberal" nach europäischer Diktion
sowohl linksliberale als auch sozialdemokratische Positionen beinhaltet.
Jahrzehntelang waren solche liberale Ideen fixer Bestandteil der amerikanischen
Politik. Erst der Rechtsruck der letzten zwanzig Jahre hat das L-Word
fast zu einem Schimpfwort gemacht. Heute weist Kandidat Kerry diese Zuordnung
empört von sich. In den Anfängen seiner politischen Karriere
war das klarerweise anders. Als John Kerry 1972 mit Unterstützung
von Leonard Bernstein und Otto Preminger als junger Anti-Kriegs-Kandidat
seinen ersten Wahlkampf schlug, plädierte er in der Außenpolitik
für eine UNO-Eingreiftruppe als internationale Krisenfeuerwehr, in
der Innenpolitik forderte er eine garantierte Krankenversicherung für
alle.
Zu idealistisch und zu realitätsfern, urteilten die Wähler.
Aber niemand hielt damals die Weltverbesserungspläne des Kandidaten
mit der bewegten Biografie für schwammig. Heute erscheinen sie so.
Ideologisch motiviert agiert heute nicht die liberale Linke, sondern das
konservative Lager mit seinen starken neokonservativen und religiös
fundamentalistischen Strömungen. Die Demokraten glauben, siegen zu
können, wenn sie sich darauf beschränken, eine Rückkehr
zum Status quo des gemäßigten Pragmatismus der Zeit vor George
W. Bush zu versprechen. Offen bleibt, ob die amerikanische Öffentlichkeit
nicht auch heute einige Ideen durchaus vertragen könnte, die von
den Medien so gerne mit dem Bann des L-Words belegt werden.
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