Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Das Schicksal von Bibi Aisha, 11.8.2010

Wird das Bild einer jungen paschtunischen Frau, der von ihrem Mann, einem Kämpfer der Taliban, Nase und Ohren abgeschnitten wurden, weil sie aus seinem Stall geflüchtet war, in den USA zu einem Meinungsumschwung zugunsten des Krieges gegen die Taliban führen?
"Was passieren wird, wenn wir Afghanistan verlassen", untertitelt das Time Magazine das verstörende Foto. Die 18-jährige Bibi Aisha hat ein großes Loch im Gesicht. Helfer brachten sie in ein Frauenhaus in Kabul, jetzt ist sie auf dem Weg in die USA zur Operation. Ihr Vater hatte dem Ehemann zwei seiner Töchter überlassen, um einen Blutrachestreit zu beenden.
Kritiker denunzieren die spektakuläre Veröffentlichung als "Kriegsporno". Die Wahrheit ist: Die barbarischsten afghanischen Stammestraditionen sind massiv auf dem Vormarsch. Zieht sich der Westen aus den nach 9/11 besetzten Ländern Irak und Afghanistan zurück, dann droht ein verheerender kultureller Backlash.
George W. Bush am 1. Mai 2003 vor der Aufschrift "Mission Accomplished" auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln": Das war noch weithin sichtbar der Ausdruck des neokonservativen Glaubens, mit der Macht der Waffen ließe sich die Welt ändern. Es folgten das Debakel der inkompetenten Besatzung und der Aufstieg der fundamentalistischen Revolte gegen die Fremdherrschaft.
Sieben Jahre später hat Barack Obama den Irakkrieg ein zweites Mal beendet. Der Großteil der ursprünglich 150.000 amerikanischen Soldaten ist abgezogen. Ende 2011 kehren auch die restlichen 50.000 heim. Geopolitisch bleiben die USA präsent. Aber wie sie ihr Leben gestalten, wird Sache der Iraker sein. Ein Sieg sieht anders aus. Sogar über den aktuellen Stand terroristischer Attentate herrscht Unklarheit. Die Regierung in Bagdad spricht von 535 Toten im Juli, während das Pentagon 222 Anschlagsopfer zählt.
So ganz scheint auch die amerikanische Öffentlichkeit Obamas froher Botschaft nicht zu trauen, dass die irakische Tragödie ein Ende haben soll. Überschattet wird der Abzug von den Katastrophenmeldungen aus Afghanistan.
Während die kurzfristige militärische Eskalation im Irak erfolgreich war, gibt es keine Anzeichen für eine ähnliche Wende zum Besseren in Afghanistan. 130.000 westliche Soldaten sind gegen die auf 35.000 Kämpfer geschätzten Taliban offensichtlich nicht genug.
Von der westlichen Öffentlichkeit wird der Krieg am Hindukusch immer entschiedener abgelehnt. Die Niederlande haben ganz offiziell ihren Rückzug begonnen. Polen und Kanada, ebenfalls treue Partner der USA, könnten in den nächsten Monaten folgen.
Noch viel weniger als im Irak geht es für den Westen in Afghanistan um Sieg. Der Einsatz soll "mit Anstand" zu Ende gebracht werden, das ist das höchste der Gefühle. Darunter lässt sich alles verstehen, was nicht unmittelbar ein triumphaler Einzug der Taliban in Kabul wäre. Ähnlich dachte auch das sowjetische Politbüro, als die Sowjetarmee zum Rückzug blasen musste. Der letzte prosowjetische Herrscher Nadschibullah hielt dem Ansturm der Mudschaheddin zwei Jahre stand. Aber schließlich besetzten die siegreichen Gotteskrieger Kabul. Der blutbefleckte Leichnam Nadschibullahs wurde später auf einem Laternenpfahl zur Schau gestellt.
Das große Ziel der Kriege nach 9/11 war es, die Verhältnisse in der ganzen Region neu zu ordnen. Eine an Öl reiche prowestliche Demokratie im Irak sollte den islamischen Fundamentalismus zurückdrängen. Afghanistan, befreit von den Taliban, war in diesem Konzept nur eine Fußnote.
Keine der großen Hoffnungen hat sich erfüllt. Die arabischen Diktatoren sitzen fest im Sattel. Demokratieexport nach dem Vorbild des Irak wurde zum abschreckenden Horrortrip.
Die Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus ist unverändert die wichtigste Zukunftsfrage der islamischen Welt. Terrorgruppen bleiben aktiv wie eh und je. Die einzigen Gewinner sind die Kurden, die im Bündnis mit Amerika im Norden des Irak erstmals ein selbstverwaltetes Gebiet kontrollieren. Aber auch der Iran könnte seinen Einfluss beträchtlich steigern.
Selten haben mit so viel Aufwand geführte Kriege zu derart bescheidenen Resultaten geführt.
Auch daran erinnert das verstörende Schicksal der Bibi Aisha, der die Nase abgeschnitten wurde und deren zehnjährige Schwester in der afghanischen Provinz Oruzgan nach wie vor als Sklavin der angeheirateten Familie mit den Tieren im Stall lebt.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann