Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Das letzte Mittel, 3.10.2007


Bernhard Kouchner ist ein impulsiver Mensch. Bei seinen Pressekonferenzen lässt er sich mit den Journalisten auf heftige Wortgefechte ein. Selbst an den unbedeutendsten Nebenfronten läuft der Polit-Showman mit den Wurzeln bei "Medecins sans frontieres" innerhalb von Sekunden zur Höchstform auf. Sein rhetorisches Know How muss der von Nicolas Sarkozy angeworbene ehemalige Star der Linken vor allem zur Selbstverteidigung einsetzen, seit er seine Landsleute aufforderte, sich auf einen Krieg gegen den Iran einzustellen. ("Wir müssen uns auf das schlimmste vorbereiten.") Sogar der allgegenwärtige Chef im Elysee betonte süffisant, anders als sein Außenminister nehme er, Sarkozy, das Wort "Krieg" nicht in den Mund.
Grund zur Entwarnung ist das nicht. Denn innerhalb der amerikanischen Administration rüsten die Hardliner um Dick Cheney unterstützt vom lautstarken Chor der neokonservativen Bellizisten, zum letzten Gefecht. Wenn George Bush schon das irakische Desaster seinem Nachfolger überlassen muss, dann soll zumindest niemand sagen können, die republikanische Administration habe tatenlos zugesehen, wie der Iran zur Atommacht aufsteigt. Noch vor dem 21.Jänner 2009, an dem Bush das Weiße Haus verlässt, müsse es daher eine Entscheidung geben: den Verzicht Teherans auf die umstrittene Urananreicherung oder den immer wieder angedrohten Militärschlag. Die Zeit wird dafür langsam knapp: ab Juli 2008 werden die USA völlig im Banne des Präsidentenwahlkampfes stehen. Bis dann müsste ein neuer Waffengang beendet sein.
Das Vorbild der Planer im Pentagon war bisher der NATO-Luftkrieg um den Kosovo im Jahr 1999. Mehrere Wochen Luftangriffe gegen iranische Nukleareinrichtungen, Stellungen der Revolutionsgarden und Kommandozentralen wären für die USA rein militärisch kein Problem. Im irakischen Sumpf steckt die Army und nicht die Air Force. Seit dem Luftkrieg über Bagdad hat die US-Luftwaffe hat ihre Vorräte an Cruise Missiles und Smart Bombs längst wieder aufgestockt. Unkalkulierbar sind lediglich die politischen Konsequenzen, international ebenso wie im Irak. In Washington wird daher die Variante eines diskret von US-Radarflugzeugen Awacs unterstützten israelischen Vorstoßes immer ernsthafter diskutiert. Erstmals sollen die USA Israel bunkerbrechende Bomben zur Verfügung gestellt haben, die auch tief unter der Erde liegende Anlagen zerstören können.
Der geheimnisumwitterte israelische Luftangriff auf unbekannte Ziele in Syrien vom 6.September hat diesen Vermutungen zusätzliche Nahrung gegeben. Aus Geheimdienstquellen heißt es abwechselnd, die Regierung Olmert habe einen nordkoreanischen Atomtransport oder gefährlichen Nachschub für die libanesische Hisbollah zerstören lassen. Aber die stumme Warnung in Richtung Teheran ist unmissverständlich: die israelische Luftwaffe kann in der Region jederzeit zuschlagen, wann und wo sie will. Zumindest in der ersten Phase eines mit Hilfe der Informationen aus den zahlreichen amerikanischen Spionage-Satelliten ermöglichten israelischen Luftschlages gegen den Iran würde sich die USA diskret im Hintergrund halten, so lautet das Kalkül. Gemeinsam könnten Israelis und US-Hardliner falls nötig dann auch den Präsidenten zum Eingreifen bewegen.
Condoleezza Rice konnte derartige Pläne bisher mit der Warnung vor den verheerenden Folgen eines neuerlichen Alleingangs in Schach halten. Die Signale aus Europa waren: wirtschaftliche Sanktionen ja, wenn nötig auch ohne Russland und unabhängig von einer Entscheidung des Sicherheitsrates. Aber ein unmissverständliches "Nein" zu militärischen Mitteln.
Seit Nicolas Sarkozy bei George W.Bush in Kennebunkport Hot Dog essen war, ist das anders. Die Alternative zur "iranischen Bombe" sei die "Bombardierung des Iran", ließ Frankreichs neuer Präsident die Welt wissen. Fast wortgleich mit den amerikanischen Erklärungen, beteuert man seither in Paris, wie unannehmbar ein atomar gerüsteter Iran sein. Offiziell war das immer die europäische Linie. Aber noch Jacques Chirac glaubte in Wirklichkeit nicht mehr daran, dass der Sprung Teherans zur Atommacht verhindert werden kann. In einem unbedachten Augenblick erzählte er das auch amerikanischen Journalisten. Jetzt ist dagegen in Pariser Zeitungen von Vorbereitungen des französischen Militärs für den Ernstfall die Rede.
Nicolas Sarkozy strebt ganz offensichtlich die durch den Abgang Tony Blairs frei gewordenen Position des amerikanischen Darlings in Old Europe an. Nur mit Amerika im Rücken, so lautet die Überlegung im Elysee, kann Frankreich auch in Europa wieder zur treibenden Kraft werden. Tony Blairs Vorhaben ging bekanntlich gründlich daneben. Und auch Nicolas Sarkozy scheint sich in Europas Staatskanzleien im gleichen Tempo Gegner zu machen, in dem ihn die amerikanischen Neokonservativen in den Himmel heben. Angela Merkel steht als bekennende Atlantikerin George W.Bush zwar um vieles Näher als einst Gerhard Schröder. Sarkozys Schwenk in Richtung bellzistischer Iranpolitik macht sie jedoch nicht mit. Für Gordon Brown dreht sich alles um vorgezogene Neuwahlen, die dem neuen Labour Chef ein eigenes Mandat geben sollen. An der vorsichtigen Distanz, die London seit dem Wechsel an der Regierungsspitze zum amerikanischen Präsidenten signalisiert, wird sich in dieser Situation ebenfalls nichts ändern.
Aber mit Frankreich als Verbündetem stehen die USA mit ihrem riskanten Konfrontationskurs gegen den Iran nicht mehr alleine da. Sarkozy hat mit seinen Schwenk die bisherige Einheit der Europäer durchbrochen. Wie wenig man bei seinem Außenminister von einem Ausrutscher sprechen kann, zeigt ein Artikel Kouchners vom November 2006, an den "Le Monde" erinnert. Schon damals befürwortete der heutige Außenminister unter Hinweis auf den Balkan einen Aufmarsch gegen den Iran befürwortet. "Es waren jahrelang die Bilder aus Sarajewo erforderlich (…), damit die öffentliche Meinung Frankreichs das Prinzip von Truppen auf dem Balkan akzeptiert. Wie soll man Verhandlungen glaubwürdig führen, wenn wir nicht fähig sind, eines Tages gemeinsam mit unseren Verbündeten in Teheran zu intervenieren?".
Die Gefahr, dass es tatsächlich zu einem solchen Abenteuer kommt, ist dank Sarkozy und Kouchner nun größer geworden.
Zur schrumpfenden Zahl jener Experten in Washington, die doch noch an einen größeren zeitlichen Spielraum glauben, gehört der linke Universitätsprofessor Norman Birnbaum. Birnbaum vermutet, dass Bush das Spiel mit dem "letzten Mittel" gegen den Iran vor allem einsetzt, um einen für ihn erniedrigenden Abzug aus dem Irak zu verhindern. Die Administration werde die politischen und militärischen Vorbereitungen für einen Angriff abschließen, die Durchführung aber dem Nachfolger überlassen, so wie Dwight Eisenhower 1961 die von ihm geplante Invasion in der Schweinebucht in Kuba an John.F.Kennedy weitergegeben hat, prophezeit Birnbaum.
Auch nicht gerade ein beruhigendes Szenario.

 

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