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Deja
Vu Fernost, 18.4.2001
Der Touristenshop führt Stacheldraht im Sonderangebot: um 8000 Won,
umgerechnet 100 Schilling, ist das sorgfältig verpackte Souvenir
zu erwerben. Ein stolzer Preis, wenn bedenkt, daß Zweifach-, Dreifachverhaue
über viele Kilometer die Autobahn säumen. Angeblich erschwert
das Saboteuren und Spionen das Leben. Die Touristen kommen in Bussen aus
dem ganzen Land, aus Japan und China: der Blick über den graubraunen
Fluss mit seinen Wachtürmen ins Feindesland bringt das erwartete
Schauern. Durch den Nebel dringen dunkel Töne aus dem Norden, eine
ähnliche Phonstärke bei den gigantischen Lautsprecher wenige
hundert Meter vom Aussichtsturm entfernt. Bei genauerem Hinhören
stellt sich allerdings heraus, dass der Krieg der Lautsprecher inzwischen
nicht mehr mittels politischer Haßtiraden geführt führt,
sondern über Volksmusik und Hitparaden. Koreanischer Pop im Kampf
der politischen Systeme.
Was wie eine touristisch aufgemotzte Zeitreise zum Eisernen Vorhang von
einst klingt, ist todernste Realität an einer der letzten unveränderten
Demarkationslinie des Kalten Krieges zwischen Südkorea und Nordkorea.
Seit 50 Jahren sind die in jedem Erdhügel eingegrabenen Bunkeranlagen
im Betrieb. Es gibt weder Personenverkehr über den 38.Breitengrad
noch briefliche Kontakte zwischen durch den Krieg getrennten Familienmitgliedern.
Dabei waren die letzten Jahre eine Zeit der dramatischen Umwälzungen
in den Beziehungen zwischen den verfeindeten Nachbarn, eingeleitet von
Kim Dae Jung, dem visionären ehemaligen politischen Gefangenen und
nunmehr erstem sozialdemokratischen Präsidenten Südkoreas. Wie
einst Willy Brandt versuchte Erich Honecker mit seiner Ostpolitik weich
zu machen, bemüht sich Kim Dae Jung um Verständigung mit dem
Nachfolger und Sohn Kim Il Sungs, dem geheimnisumwitterten Kim Jong Il:
beim Gipfeltreffen der beiden Kims im vergangenen Jahr hatte sich letzterer
zur allgemeinen Überraschung sogar als charmant und witzig herausgestellt.
Willy Brands Ostpolitik hatte sich trotz der anfänglichen Skepsis
der USA durchgesetzt und wurde letztlich auch von Helmut Kohl und Franz
Josef Strauss übernommen. Kim Dae Jungs "Sonnenscheinpolitik",
wie der Verständigungskurs gegenüber dem Norden heißt,
steht dagegen zur Zeit unter massivem amerikanischen Beschuss. Offiziell
will George Bush nur die diplomatischen Initiativen seines Vorgängers
überdenken, darunter auch den offensiven Dialog der Clinton-Administration
mit Nordkorea. Beim Staatsbesuch in Washington vor wenigen Wochen hat
Bush den südkoreanischen Kim allerdings derart brüskiert, daß
man in Seoul um das Fundament des bisherigen Kurses gegenüber dem
Norden fürchtet. Die "Sonnenscheinpolitik" könnte
Opfer der Bush'schen Suche nach Feinden in der Welt werden.
Noch vor knapp einem Jahr hatte Bill Clinton einen bahnbrechenden Staatsbesuch
in Pjöngjang erwogen. Nicht aus Begeisterung für "Dschutsche",
die skurrile Lehre Kim Il Sungs, von der sich merkwürdigerweise so
viele westlichen Besucher vom ehemaligen Vordenker Rudolph Bahro bis zur
Schriftstellerin Luise Rinser hatten betören lassen, sondern aus
hartem Kalkül. Für einen Verzicht auf das nordkoreanische Raketenprogramm
inklusive der nuklearen Komponente, versprach Washington Hilfe bei der
friedlichen Nutzung der Kernenergie. Bezahlt haben Japan und Südkorea,
der politische Garant waren die Vereinigten Staaten.
Die dahinter stehende Logik war ganz ähnlich wie einst jene der Abrüstungspolitik
gegenüber der Sowjetunion. Durch Entspannung hoffte man auf der koreanischen
Halbinsel Stabilität und einen anhaltenden friedlichen kapitalistischen
Boom zu erreichen. Die Logik der Kalten Krieger in Washington um Dick
Cheney und Donald Rumsfeld gleicht dagegen jener von Ronald Reagan. Ein
Wettrüsten in High Tech, so glaubt man, wird letztlich zum Zusammenbruch
des Gegners führen. Wenn man im Pentagon Nordkorea sagt, dann meint
man China, sagen Leute, die es wissen müssen. Dementsprechend nahe
liegt die Vermutung, daß in Korea in Wirklichkeit das große
Spiel des 21.Jahrhunderts zwischen der regierenden Supermacht Amerika
und dem aufstrebenden chinesischem Underdog gespielt wird, dessen letzten
Züge man rund um das verunglückte amerikanische Spionageflugzeug
im südchinesischen Meer verfolgen konnte.
Aber in einer Auseinandersetzung derartigen Ausmaßes können
Nebenschauplätze rasch ins Zentrum rücken . Kim Jong Il, der
anfangs offenbar unterschätzte Herrscher des Nordens, ist nach Überzeugung
der südkoreanischen Regierung an Entspannung interessiert, stehe
aber unter dem Druck seines konservativen Apparats. Sein Vorbild seien
die chinesischen und vietnamesischen Kommunisten, die ihre Herrschaft
ungeachtet des boomenden Kapitalismus in ihrem Land verteidigen konnten,
argumentiert man in Seoul. Der Sohn des stalinistischen Alleinherrschers
in Nordkorea, dessen Genie als "Leitstern auf dem Wegs ins 21.Jahrhundert"
seinen Untertanen unablässig eingeimpft wird, als verhinderter Reformer?
Man ist an die westliche Diskussion der Achtzigerjahre um Boykott oder
Hilfe für das Polen Wojciech Jaruzelskis erinnert. Damals ging die
Rechung der Hardliner auf: die herrschende Kaste Osteuropas sah sich in
ihrem totgerüsteten kommunistischen Imperium zum Abtritt gezwungen.
Der große Unterschied, den die Herren Cheney, Rumsfeld &Co.allerdings
übersehen ist, daß es im Polen der Achtzigerjahre die mächtige
"Solidarnosc"-Gewerkschaft gab, die als Volksbewegung von Innen
den Druck von außen aufgriff. Damit sich eine solche Massenopposition
überhaupt festigen konnte, war der vorangegangene Entspannungsprozeß
die Voraussetzung. Nur ohne ein akutes Gefühl der Gefährdung
von außen haben die stalinistischen Regimes Osteuropas jenen Freiraum
zugelassen, der die Ansätze eine zivile Gesellschaft entstehen ließ.
Selbst in der Sowjetunion war die Menschenrechtsbewegung eine unverzichtbare
Vorstufe der Gorbatschowschen Reformen.
Nordkorea steht dagegen noch meilenweit vor dieser allerersten Phase der
Liberalisierung. Und an ein "Totrüsten" Chinas wird hoffentlich
niemand ernsthaft denken. Anders als das sowjetische Politbüro früherer
Zeiten kann die Führung in Peking auf eine dynamische Wirtschaft
und eine nationalistische Bevölkerung zählen. Ein aufgeschaukelte
Polarisierung zwischen Peking und Washington inklusive Wettrüsten
würde nicht nur die koreanische Halbinsel sondern halb Asien destabilisieren.
Welchen Kurs die Mannschaft um George Bush schließlich einschlagen
wird, ist noch offen. Die diplomatischen Anstrengungen, um im Zusammenhang
mit dem Spionageflugzeug für chinesische Ohren richtig "very
sorry" zu sagen, lassen zumindest die Hoffnung zu, daß in Washington
trotz allen ideologischen Getöses auch eine pragmatische Chinapolitik
möglich ist. Das wäre auch die Überlebenschance für
die gefährdete koreanische "Sonnenscheinpolitik".
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