Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Demo-Zeiten, 20.9.2000

Als ob Vaclav Havel nicht schon genug am Hals hätte: jetzt riskiert der Ex-Häftling des stalinistischen CSSR-Regimes an der Spitze des demokratischen Tschechiens einen exemplarischen Streit um die Anti-Globalisierungs-Demonstrationen während des bevorstehenden Währungsfonds-Gipfels in Prag. Zehntausende haben unter dem Motto "Prag muss Seattle werden" ihr Kommen in der Stadt an der Moldau angekündigt. Die tolerante Stadtverwaltung hat den Protestierern das Fußballstadion als Massenquartier angeboten, während der Demonstrations-ungewohnte Polizeichef Radislav Charvat gegen "Extremisten und Randalierer" aus aller Welt rüstet.
Wenn man sich über "verschiedene Gefahren Gedanken macht, die über unserer Zivilisation schweben", dann sei das "sehr gut und legitim", hatte der tschechische Präsident die angekündigten Proteste verteidigt." Eine Bereicherung und Belebung der Stadt" könnten die Demonstrationen bringen, hält der ehemalige Dissident den Law and Order-Fanatikern entgegen. Havel will die Protestierer in die Prager Burg einladen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Anliegen den Chefs von Weltbank und Internationalem Währungsfonds direkt vorzutragen. Die haben zuerst tief geschluckt, das Angebot aber schließlich angenommen. Der konservative Parlamentspräsident und Ex-Premier Vaclav Klaus fährt dagegen mit schweren Geschützen gegen Havels weiche Linie auf: einer gefährlichen Verharmlosung des Extremismus habe sich der Präsident schuldig gemacht, donnert Klaus.
Ob Havels Dialog-Angebot erfolgreich sein wird bleibt offen. Tatsache ist jedoch, daß damit erstmals auch die Spitzen der internationalen Finanzinstitutionen gezwungen sind, eine Protestbewegung ernst zu nehmen, die längst weit über ein Netzwerk linker und alternativer Organisatoren hinausgeht. Seit den inzwischen schon legendären Dezembertagen des vergangenen Jahres, als Ökologen und Gewerkschafter, Tierschützer und Dritte-Welt-Gruppen die Tagung der Welthandelsorganisation in Seattle gesprengt haben, ist kein Globalisierungsmeeting ohne lautstarke Gegenaktionen über die Bühne gegangen. Ob bei der Frühjahrstagung des Währungsfonds in Washington, im winterlichen Davos oder zuletzt bei der Konferenz des Weltwirtschaftsforums im australischen Melbourne: Banker und Ökonomen beschuldigt man lautstark der Hauptschuld für die großen Übeln des Globus.
Die Antiglobalisierungsproteste finden zusätzlich in einem Klima statt, indem weltweit außerparlamentarische Proteste jeder Art zunehmen. Mitte August zogen 20 000 Frauen landloser Bauern im sogenannten "Marsch der Margeriten" durch die brasilianische Hauptstadt Brasilia um für eine beschleunigte Landreform und ein Ende des Hungers zu demonstrieren. Die "Bewegung der Landlosen" MST, die inzwischen auch die persönliche Ranch des sozialdemokratischen Präsidenten Fernando Cardoso blockiert, macht den Internationalen Währungsfonds für die Wirtschaftspolitik der Regierung verantwortlich. Schon Wochen zuvor hatten zehntausende Gewerkschaftsaktivisten in Buenos Aires eine angeblich mit dem mörderischen Militärregime der Achtzigerjahre vergleichbare "IWF-Diktatur" in dem mit 122 Milliarden Dollar verschuldeten Argentinien angeprangert.
Es ist ein Trend, in dem sich die widersprüchlichsten Elemente mischen: der klassische Protektionismus globalisierungsfeindlicher Gewerkschaftler, die von höheren Tarifen und Zöllen vor allem für Produkte aus der Dritten Welt (China!) mehr Sicherheit für die Arbeitnehmer der Industriestaaten erwarten, sowie der utopische Internationalismus der alternativen Basisbewegung; das Mißtrauen gegen die unüberwindbar scheinende Allmacht weltumspannender internationaler Konzerne und der konservative Widerstand gegen den durch die Globalisierung ausgelösten Druck zur Veränderung; ideologisch geprägter Antikapitalismus und Antiamerikanismus und konkrete Kritik an gravierenden Fehlentscheidungen bei Weltbank oder Währungsfonds.
Übersehen wird dabei oft, daß insbesonders die für Entwicklungskredite zuständige Weltbank in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Wandel vollzogen hat. Weltbankpräsident James Wolfensohn ist ein linksliberaler Visionär, der nicht müde wird Ökologie und Armutsbekämpfung in den Vordergrund zu stellen. "Es wird ein bischen absurd sein in Prag", vermutet Österreichs PSK-Generaldirektor Max Kothbauer, "Während man draußen auf den Straßen demonstriert, wird James Wolfensohn seinen Bankerkollegen die Bedeutung des Kampfes gegen die Armut auseinandersetzen." Karitative Wohltätigkeitsvereine sind die internationalen Banken deshalb natürlich nicht geworden: ihre vordringlichste Aufgabe ist nach wie vor die Absicherung des internationalen Finanzsystems inklusive der sich darin reproduzierenden Machtverhältnisse. Daß es aber vor zwei Jahren gelungen ist die Asienkrise in den Griff zu bekommen, ist für Kothbauer der Beweis für das Funktionieren des Systems: "Die Asienkrise hätte zu einem Meltdown der gesamten Weltwirtschaft mit unabsehbaren sozialen und politischen Folgen führen können. Ohne Regulierungsmechanismus wäre die kapitalistische Weltwirtschaft für Katastrophen um vieles anfälliger."
Daß die internationalen Proteste das Funktionieren derselben tatsächlich lahmlegen, kann daher wohl niemand wirklich hoffen. Profitieren würden davon im internationalen Spiel der Mächte nur jene, die stark genug sind ihre Interessen auch ohne Rücksicht auf jede Art von Interessensausgleich durchsetzen können. Trotzdem hat Vaclav Havel mit seinem weisen Respekt vor dem Protest der Straße recht. Allzulange haben die internationalen Superbanker derart abgehoben von jeder öffentlichen oder politischen Kontrolle agiert, daß gravierende Fehlentwicklungen nahezu vorprogrammiert waren. Eine Durchlüftung mit Demokratie hat einst die Studentenbewegung des Mai 68 den bestehenden politischen Institutionen Nachkriegseuropas gebracht, auch wenn ihre Akteure sich selbst irrtümlicherweise für die Träger einer neuen Gesellschaft gehalten haben. Vielleicht gelingt den Demonstranten von Seattle, Washington, Melbourne und jetzt Prag ein ähnliches Kunststück in Bezug auf die Institutionen der Globalisierung.

 

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann