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Der
Drang zur Mitte, 14.7.1999
Zumindest die Republikaner könnten sich den 7.März 2000
gut und gerne sparen. An diesem Tag sollte sich eigentlich in den Primaries
der bevölkerungsreichen US-Bundesstaaten New York, New Jersey und
Kalifornien das Schicksal der Präsidentschaftskandidaten beider großen
Parteien entscheiden. Bei George W.Bush, dem Sohn des glücklosen
Ex-Präsidenten, haben die Geldgeber allerdings längst gewählt:
bei sagenhaften 35 Millionen Dollar, die der erfolgreiche Gouverneur von
Texas in den ersten sechs Monaten seines Vorwahlkampfes aus dem Boden
gestampft hat, hat kein innerparteilicher Gegner auch nur den Schimmer
einer Chance. Und nach wie vor sind die Fund- raising-events mit Bush
zum Preis von 5 000 oder 10 000 Dollar pro Person hoffnungslos ausgebucht.
Die finanzkräftige republikanische Elite ist sichtlich überzeugt,
in "W." den richtigen Mann gefunden zu haben, um die schrecklichen
Jahre der demokratischen Regentschaft im Weißen Haus zu beenden.
Al Gore, der treue Vizepräsident Bill Clintons, tut sich da schon
viel schwerer: nicht nur, daß er in den Umfragen bis zu 20 Prozent
hinter dem führenden Republikaner liegt. Viel schlimmer ist, daß
seine Wahlkampfmanager bisher nur
knapp die Hälfte der Kriegskasse von George W.Bush zusammengetrommelt
haben. Angesichts der zahllosen Finanzskandale der Ära Clinton läßt
Gore jede Überweisung drei Mal auf ihre Sauberkeit untersuchen, und
das turnt die Geldgeber ab. Mit "nur" 18 Millionen Dollar auf
der hohen Kante kommt Gore in gefährliche Nähe seines innerparteilichen
Herausforderers Bill Bradley, der mit immerhin 11 Millionen Dollar ein
ernst zu nehmender Gegner geworden ist. Sollte der dynamische ehemalige
Senator aus New Jersey den bemühten Vizepräsidenten bei den
Vorwahlen in echte Schwierigkeiten bringen, werden bei den Demokraten
die Alarmglocken läuten.
Denn mit George W.Bush haben die Republikaner endgültig den noch
aus den Zeiten der "konservativen Revolution" stammenden Makel
des Extremismus abgestreift. "Compassionate conservativism","mitfühlender
Konservativismus" ist das Schlagwort, mit dem Bush Junior im eigenen
Lager versucht, was Clinton und Gore vor acht Jahren mit dem Konzept der
"New Democrats" bei den Demokraten geschafft haben: die Neutralisierung
der als radikal geltenden Flügelleute und einen konsequenten Kurs
der Mitte, um vor allem die gemäßigt konservativen Wählerschichten
anzusprechen.
Am deutlichsten wird der Ruck zur Mitte bei den amerikanischen Konservativen
in der Ausländerpolitik. Noch vor wenigen Jahren gehörte die
Forderung nach einem radikalen Kurswechsel in der Einwanderungspolitik
zum Standardrepertoire jedes konservativen Politikers. Wie stets gab jener
Bundesstaat, der Amerika den Microchip und Ronald Reagan beschert hat,
die Themen vor: in Kalifornien sollte die vom Wahlvolk mit klarer Mehrheit
befürwortete sogenannte "Proposition 187" illegale Ausländer
aus Schulen, Spitälern und anderen Einrichtungen des öffentlichen
Lebens ausschließen. Es war die Zeit, als ein Jörg Haider von
seinen amerikanischen Erkundungsreisen stets neue Argumente gegen Überfremdung
und multikulturelle Experimente heimbrachte.
Inzwischen hat sich das Blatt total gewendet: keine einzige der relevanten
Bestimmungen der "Proposition 187" konnte umgesetzt werden.
Nach wie vor streiten Gegner und Befürworter vor den Gerichten. Der
neue kalifornische Gouverneur Gray Davis warnt vor einem wachsenden Gewaltpotential
in der Jugend, wenn den Kindern illegaler Ausländer der Schulbesuch
verweigert wird. Fremdenpolizeiliche Kontrollen in Spitälern sind
inzwischen verpönt, hat man doch erkannt, wie gefährlich es
für die Volkswirtschaft wäre, wenn sich ein relevanter Teil
der Bevölkerung aus Angst vor den Behörden der medizinischen
Behandlungen von Infektionen und anderen ansteckenden Krankheiten entzieht.
Dank wirtschaftlichen Aufschwungs und sinkender Arbeitslosigkeit hat die
Zuwanderung auch wieder eine bessere Presse: man registriert, daß
rund ein Viertel der High-tech-Unternehmen in Silicon Valley von chinesischen
oder indischen Ingenieuren geleitet werden und warnt vor den negativen
Folgen einer restriktiven Einwanderungspolitik vor allem für die
innovativsten Teile der amerikanischen Wirtschaft. Eine Studie der Universität
Berkley errechnet, daß selbst die ungeliebten illegalen Einwanderer
dem Land ökonomisch deutlich mehr bringen, als sie kosten.
Der Kongreß des Staates Kalifornien behandelt zur Zeit sogar ein
Gesetz, daß es illegalen Ausländern möglich machen soll
kalifornische Führerscheine zu erwerben. Anders als bisher, soll
nach den Vorstellungen des Abgeordneten Gilbert A.Cedillo aus Los Angeles
bei der Fahrprüfung nicht mehr nach der Aufenthaltsgenehmigung gefragt
werden. Nachdem der Führerschein mangels Existenz von Personalausweisen
in den USA das wichtigste Ausweispapier ist, wäre das ein großer
Schritt in Richtung de facto-Legalisierung der auf 2 Millionen geschätzten
illegalen Einwanderer in Kalifornien. Zu den großen Befürwortern
der Neuerung zählt die "Los Angeles Police Protective League",
eine der stärksten Polizeivereinigungen des Staates: sie erhofft
sich von einer Entkriminalisierung von Millionen von Verkehrsteilnehmern
einen Rückgang im Handel mit gefälschten Führerscheinen
und Nummerntafeln.
Vor dem Hintergrund der rosigen Wirtschaftsaussichten in den USA ist die
eigentliche treibende Kraft hinter der Trendwende in der
Einwanderungspolitik der wachsende Block der Latinos und anderer Neueinwanderer
bei Wahlen. Auf Bundesebene hat das zu einem Phänomen geführt,
das auf europäisch übersetzt so anmutet, als ob die Herren Schröder
und Schäuble, Klima und Schüssel im Wahlkampf plötzlich
mit ihren Türkisch- oder Serbokroatischkenntnissen aufwarten würden.
Im Kampf um Einwandererstimmen wetteifern nämlich George W.Bush und
Al Gore seit Neuestem auch mit ihren Spanischkenntnissen. Der konservative
Kandidat tut sich dabei deutlich hörbar leichter als der Vizepräsident.
Nachdem viele Einwanderer aus Mexico oder Salvador familienorientiert
und religiös sind, hoffen die Republikaner diesmal auch auf ihre
Stimmen.
Der Kampf um die Mitte macht's möglich.
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