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Der
Faktor Gott, 11.11.2004
George
W. Bush ist kein Ayatollah, die USA sind kein Gottesstaat. Doch Amerikas
praktizierende Christen radikalisieren sich. Werden sie das liberale,
aufgeklärte Amerika verändern können? Eine Analyse aus
den USA.
In den frühen Abendstunden des Wahltages wehte der Hauch eines Regimewechsels
durch die Newsrooms der TV-Stationen. Den Redaktionen lagen Exit-Polls
mit beträchtlichen Vorsprüngen des demokratischen Herausforderers
John F. Kerry vor. Plötzlich bekam es einen ganz eigenen Reiz, "Fox
News" zuzusehen, dem regierungsnahen US-Nachrichtenkanal Rupert Murdochs.
Stundenlang debattierten dort Experten, wann denn der Niedergang der Bush-Administration
eingesetzt habe. Mit den Enthüllungen über die fehlenden Massenvernichtungswaffen
im Irak? Oder schon mit dem Krieg an sich?
Eine virtuelle Diskussion, wie sich wenig später herausstellte. Die
teuren Meinungsforscher hatten einen überproportionalen Anteil von
Frauen in ihre Stichproben aufgenommen. Und die tendieren mehrheitlich
zu den Demokraten. Der Fehler fiel erst auf, als die Exit-Polls selbst
in tiefrepublikanischen Südstaaten wie Mississippi und Virginia ein
völlig unglaubwürdiges Kopf-an-Kopf-Rennen vorhersagten. Ab
diesem Moment begann die politische Depression des linksliberalen Amerika.
Die Washington Post beschreibt die Stimmung in San Francisco "wie
nach einem Massenbegräbnis" und zitiert Passanten vor den Video-Walls
des New Yorker Times Square, die mit dem siegreichen Hinterland nichts
mehr zu tun haben wollen. Der in totales Schwarz gehüllte britische
Guardian mit der winzigen Schrift "Oh, My God" wird in Greenwich
Village mit verzweifelter Bewunderung von Hand zu Hand gereicht.
Dass die Niederlage so viele Amerikaner wie ein Blitz getroffen hat, hängt
auch damit zusammen, dass der Wahlkampf selbst von den Demokraten als
höchst erfolgreich empfunden wurde. Kerrys Performance in allen drei
TV-Konfrontationen wurde selbst von konservativen Medien gewürdigt.
Gewerkschaften, Bürgerrechtsorganisationen und zahlreiche unabhängige
Anti-Bush-Organisationen arbeiteten eng zusammen.
Nun stellt sich für die Demokraten die Frage nach einer Neuorientierung
mit besonderer Schärfe. Soll die geschwächte Opposition konstruktiv
mit Bush II zusammenarbeiten, oder ist Fundamentalopposition angesagt?
Vor allem eine Frage beschäftigt: Nicht Amtsvorteil und patriotische
Welle im Kampf gegen den Terror haben George Bush angeblich zum Erfolg
verholfen, sondern der in westlichen Breitengraden politisch bisher wenig
relevante Faktor "Gott". Die Zehntausenden christlich-fundamentalistischen
Gemeinden haben, so scheint es, das Rennen mit Gewerkschaften und Bürgerrechtsorganisationen
um die Wählermobilisierung schlicht gewonnen. Der größte
Wahlhelfer für George Bush war nach dieser Lesart nicht Osama Bin
Laden, sondern San Franciscos Bürgermeister Gavin Newsom, der im
vergangenen Frühjahr sein Rathaus zur Eheschließung für
Homosexuelle öffnen ließ. Dementsprechend die Neuzugänge
im republikanischen Politikerpersonal: Tom Coburn, der neu gewählte
republikanische Senator aus Oklahoma, findet, für Abtreibungsärzte
sollte es eigentlich die Todesstrafe geben. Nicht El Kaida oder Saddam
Hussein sei die größte Gefahr, sondern lesbische Liebe. Daher
will er in den Highschools seines Heimatstaates Mädchen nur einzeln
zur Toilette gehen lassen.
Die Vorstellung, dass die USA jetzt zum Gottesstaat werden, in dem keine
rationalen politischen Auseinandersetzungen mehr möglich sind, ist
trotzdem falsch. Ein Rechtsruck an den Urnen, so sehr er auch als Schlag
ins Gesicht von Liberalität und Rationalität empfunden werden
mag, signalisiert noch nicht das Ende der Aufklärung. Schließlich
ist es bei genauerem Hinsehen höchst unklar, wie wahlentscheidend
religiöse Überzeugungen wirklich waren. Die Behauptung von der
überragenden Bedeutung der Moral stützt sich auf eine Wählerbefragung
just jener genialen Organisation, die uns am Wahltag stundenlang eingeredet
hat, dass John Kerry weit vorne liegt. Danach haben ein Fünftel der
Wähler "moralische Werte" als das wichtigste Motiv ihrer
Wahlentscheidung angegeben, gleich viel Befragte nannten die Terrorgefahr
und die Wirtschaftslage. Was genau unter "moralischen Werten"
zu verstehen ist, blieb jedoch offen. Die Vermutung, dahinter stünden
radikale Vorstellungen christlicher Fundis, die vom Verbot der Abtreibung
bis zu Diskriminierung von Homosexualität reichen, ist durch nichts
belegt. Im Gegenteil: Der angesehene Meinungsforscher Andrew Kohut weist
darauf hin, dass nach wie vor nur 16 Prozent der Amerikaner unter allen
Umständen Abtreibungen verbieten wollen, 55 Prozent wollen das Recht
auf Abtreibungen unangetastet lassen.
Auch die in Europa manchmal vorherrschende Vorstellung von George W. Bush
als einer Art amerikanischer Ayatollah ist eine grobe Verzerrung. Europäische
TV-Stationen, die dieser Tage nach Bildern eines betenden Präsidenten
gesucht haben, taten sich schwer. Bush wird zwar als "wiedergeborener
Christ", dem rund um den vierzigsten Geburtstag ein religiöses
Erlebnis auf den rechten Weg half, von evangelikalen Christen als einer
der ihren empfunden (und der Präsident hält dieses Gefühl
durch Äußerungen über sein Gottvertrauen auch bewusst
am Leben). Aber die oft zitierte Aussage über den göttlichen
Auftrag seines Handelns wird konterkariert durch die wiederholte Bestätigung
der traditionellen Trennung von Kirche und Staat auch im Weltbild des
George W. Bush. Natürlich stimmt es, dass der wachsende christlich-fundamentalistische
Einfluss ein neuer Faktor der amerikanischen Politik geworden ist. Aber
selbst die konservativsten Gruppen wagen es nicht, das pluralistische
Selbstverständnis der USA anzugreifen, das einen gläubigen Moslem,
einen gläubigen Juden oder auch einen Atheisten genauso zu einem
guten Amerikaner macht wie die Bürger mit ihren "Jesus"-Stickern
am Auto.
Wie sehr stimmt die Annahme von zunehmender Religiosität wirklich?
Klar, die riesigen Prozentsätze der Menschen, die an den Teufel glauben
(USA: 45%, Westeuropa: 11%), an die Hölle (USA: 49%, Westeuropa:
10%) oder das baldige Ende der Welt, wären in Europa nie zu erreichen.
Aber gleichzeitig zeigt sich auch in den USA ein jahrzehntelanger Trend
zum abnehmenden Kirchgang und zu immer mehr Atheisten. Allerdings: Die
kleiner werdende Gruppe der religiösen Menschen geht in den USA rascher
als in Europa in die fundamentalistische Richtung. Praktizierende Christen
radikalisieren sich, schalten sich immer aktiver in das politische Leben
ein.
Eine Administration, die aus drei Prozentpunkten Vorsprung ein Mandat
für die Demolierung der schrumpfenden Eckpfeiler des unter Franklin
D. Roosevelt geschaffenen sozialen Netzes ableitet oder deren Höchstrichter
gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung mit dem Roll-back des Rechts
auf Abtreibung ernst machen, wird vor allem eines erreichen: eine Vertiefung
der politischen Polarisierung und eine Ausweitung der Anti-Bush-Wählermobilisierung
zur sozialen Protestbewegung. Der Spielraum für klare Oppositionspolitik
ist vorhanden.
Auch in der Weltpolitik könnte die harte Wirklichkeit, die von den
Bush-Wählern so wenig ernst genommen wurde, den Visionen der alten
und neuen Herren in Washington rasch ihre Grenzen setzen. So sehr neokonservative
Thinktanks auch der Schimäre weiterer "demokratischer Befreiungskriege"
anhängen mögen: Den US-Streitkräften gehen schon jetzt
die Soldaten für die immer schwieriger werdenden Einsätze in
Afghanistan und im Irak aus. Der amerikanische Kurs gegenüber Irans
Mullahs ist unverändert Gegenstand eines Machtkampfes zwischen den
aus dem neokonservativen Lager kommenden kriegerischen Hardlinern und
zögernden Pragmatikern in State Department und Generalstab, die warnend
auf das negative Beispiel im Irak hinweisen.
Das heißt nicht, dass von Bush II plötzlich berechenbare Außenpolitik
zu erwarten ist. Die USA sind in ihrer jetzigen Verfassung ein überdehntes
Imperium, mit einer Führung, die über keine realistische Sicherheitsdoktrin
verfügt. Das lässt neue Krisen befürchten, sowohl in den
Beziehungen zur ungeliebten UNO als auch in den gefährlichen Spannungsregionen
zwischen Jerusalem und Teheran, Taiwan und Pjönjang. Aber gleichzeitig
bleibt auch genügend Spielraum für ein Europa, das sich als
Korrektiv und als eigenständige Kraft versteht.
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