Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Haftbefehl, 4.4.2001

Als Carla del Ponte, die furchtlose Chefanklägerin des Internationalen Balkan-Tribunals, vor Wochen Belgrad besuchte, da blieb die Aufnahme frostig und das Treffen mit Präsident Kostunica endet im Schreiduell. Zu weit klafften die Haager Rechtssprechung, die serbischen Tätern einen Großteil der während der Balkankriege begangenen Verbrechen anlastet, und das nach wie vor vorherrschende Opfer-Gefühl der serbischen Öffentlichkeit auseinander. Aber eine ganz spezielle Information, die Del Ponte, den jugoslawischen Gesprächspartnern gab, wirkt unter Belgrader Intellektuellen bis heute nach: es geht um den umstrittenen NATO-Angriff auf das Fernsehzentrum in der jugoslawischen Hauptstadt, bei dem mehrere Techniker und Journalisten ums Leben gekommen sind. Möglicherweise eine Verletzung des Völkerrechts durch die westliche Allianz, wie Menschenrechtsorganisationen immer wieder vermutet haben. Die streitbare Dame legte ihren aufgebrachten Gesprächspartnern jedoch Beweise vor, wonach die NATO Slobodan Milosevic von dem Angriff detailliert im Voraus informiert hat. Den zur Nachtschicht eingeteilten TV-Bediensteten blieb trotzdem unter Androhung strenger Strafen verboten das Gebäude zu verlassen, selbst Tage nachdem die ebenfalls aus Washington vorinformierten Teams von CNN ausgezogen waren. Ein Beispiel mehr für den unglaublichen Zynismus, mit dem der jugoslawische Potentat auch die "eigenen Leute" in den Tod zu schicken pflegte. Die Bereitschaft serbischer Gesprächspartner sich gegen die drängenden Auslieferungsforderungen der USA zur Wehr zu setzen ist seither drastisch reduziert. Stellt sich doch selbst dieser symbolträchtige Zwischenfall aus dem Kosovokrieg als das Resultat von Lügen und Täuschungen heraus.
Ein knappes halbes Jahr nach dem demokratischen Umsturz beginnt sich Serbien damit langsam der eigenen Verantwortung für die Katastrophen der vergangenen Jahre zu stellen. Daß Milosevic vorerst nicht wegen Völkermordes vor Gericht soll, ist nicht das entscheidende: Verhaftung und Verurteilung eines Kriegsherrn enden letztlich stets damit, daß seine Kriegsführung selbst ins Zentrum rückt. Durchaus wahrscheinlich , daß Milosevic im Endeffekt doch auf der Anklagebank von Den Haag endet, wo auch noch Zellen auf Ratko Mladic, den Schlächter von Srebrenica, und den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic warten. Serbien hat mit dem Sturz des Diktators im vergangenen Herbst den berühmten "Weg nach Europa" und zur Zusammenarbeit mit den USA eingeschlagen. Der Kurs hat die wirtschaftliche Krise gemildert und dem Land die bleierne Hoffnungslosigkeit von einst genommen. Wenig wahrscheinlich, daß man jetzt um der Ehre der gestürzten Polit-Mafia von einst willen einen echten Krach mit dem Westen riskiert.
Daß Belgrad langsam ernst macht damit, Vertreter des alten Regimes zur Verantwortung zu ziehen, ist auf jeden Fall eine gute Nachricht: zeigt es doch, daß die westliche Balkanpolitik trotz aller Krisen und Rückschläge relativ erfolgreich ist. Nach der von groben Fehleinschätzungen und politischer Konzeptlosigkeit geprägten Militäraktion im Kosovo scheint dem Westen nun mehr zu gelingen als je zuvor. Wer hätte gedacht, daß es nach den Jahren des nationalistischen Fieberwahns und der haßerfüllten Frontstellung gegen EU und USA in den wichtigsten Hauptstädten des ehemaligen Jugoslawiens kooperationsbereite demokratische Regierungen geben kann? Klar: der Preis ist ein teures internationales Besatzungsregime in Kosovo und etwas abgewandelt in Bosnien. In wichtigen Regionen ist man von stabilen staatlichen Strukturen weit entfernt und viele der neuen Grenzen schaffen genauso viel Probleme, wie sie lösen. Wolfgang Petritsch, der mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete scharfsinnige Bosnien-Verwalter, gibt sich trotzdem optimistisch: Die Zeit der großen Balkankriege sei vorbei, ist er überzeugt. Was wir jetzt erleben, sowohl in Bosnien als auch in Mazedonien, seien die Nachwehen einer niedergehenden nationalistischen Welle.
Diese vorsichtige Zuversicht entbehrt nicht der Logik: das Zusammenwirken von militärischer Stärke und politischem Willen bei den fremden Siegermächten mit Kriegsmüdigkeit und der Sehnsucht nach wirtschaftlicher Integration der betroffenen Völkern hat nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in Europa als auch in Asien funktioniert. Unsicherheitsfaktor Nummer eins für eine Fortsetzung dieses Weges sind zur Zeit allerdings die USA: zwar hat Collin Powell die während des Wahlkampfes laut gewordenen Rückzugsankündigungen zurückgenommen. Aber unter George Bush und Dick Cheney agiert Amerika unberechenbar und ohne viel Rücksichtnahme auf die Verbündeten. Ohne den vollen Einsatz der alleinigen Supermacht USA würden der westlichen Balkanpolitik die unverzichtbaren Machtinstrumente fehlen. Schon spekuliert man in Skopje und Pristina, hinter der Durchlässigkeit der amerikanischen KFOR-Posten an der Grenze zwischen Kosovo und Mazedonien, die den albanischen Freischärlern ihren Vorstoß ermöglicht hat, stünden dunkle Destabilisierungspläne der USA.. Da mögen sich die Militärstrategen der EU noch so wichtig nehmen: schon der Funken eines Zweifels am amerikanischen Engagement am Balkan würde das gesamte Projekt gefährden.
Das umso mehr, als der Balkan nach der Phase der Abkühlung ein politisch-ökonomisches Projekt braucht, dem man auch die Lösung der noch offenen politischen und nationalen Fragen zutraut, darunter die brennende Frage der Stellung der Albaner in Kosovo und Mazedonien, das Schicksal der aus Kroatien und Kosovo vertriebenen serbischen Flüchtlinge und der nationalen Versöhnung in Bosnien. Mit ihrem Balkan-Stabilitätspakt hat die EU die ersten Schritte getan: aber der Weg zu einem neuen Gleichgewicht auf dem Balkan ist noch weit und ohne amerikanisch-europäischen Gleichschritt wird ein solches kaum erreicht werden. Militärische Präsenz, ökonomischer Druck und politische Vorgaben inklusive der Den Haager Rechtssprechung werden dabei unverzichtbar bleiben.
Wenn alles gutgeht, wird sich schließlich auch die serbische Öffentlichkeit eingestehen, daß ein Kriegsverbrecherprozeß gegen Milosevic der beste Weg zu einem Schlußstrich unter die blutigen vergangenen Jahre wäre.

 

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