Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Preis des Zauderns, 4.3.2009

Nein, die Rede ist nicht von einer Revolution in Lateinamerika, sondern von der soliden Bundesrepublik Deutschland. Dort hat kein Gregor Gysi oder Oskar Lafontaine die Macht übernommen, es regiert Angela Merkel mit ihrer stramm antikommunistischen CDU. Mitte Februar hat die deutsche Bundesregierung trotzdem ein Gesetz zur Verstaatlichung von Banken inklusive Enteignung der Aktionäre vorgelegt. Die Zustimmung des Bundestages gilt als sicher.
Seit Beginn der Finanzkrise sind so manche wirtschaftsliberale Dogmen über Bord gegangen. Trotzdem reibt man sich die Augen. Ein Enteignungsgesetz in dem Land Europas, wo nach dem Fall der Mauer mit Feuereifer "abgewickelt" und privatisiert wurde, stellt das Ende eine lange Phase der Vergötterung des Marktes dar. Auch in den angelsächsischen Heimatländern des Neoliberalismus, Großbritannien und den USA, sind staatliche Übernahmen im Finanzbereich inzwischen die letzte Rettung. Als vorübergehende Notmaßnahmen, wird allseits beteuert. Wie schnell sich jedoch die Regierungen aus Direktorien und Aufsichtsräten wieder zurückziehen, kann niemand sagen. Bei dem Tempo, mit dem die Finanzkrise sich ausbreitet, könnte Europas Bankenwelt Ende 2009 so ähnlich aussehen wie Ende 1979. Mit zahlreichen Staatsbanken, strenger Regulierung und bewusster Steuerung durch die Regierungen oder die EU.
Ein vergleichbares Comeback des Staates in der Industrie gilt als undenkbar - noch. Aber der Niedergang des US-Autoriesen General Motors bedroht auch die europäischen Töchter Saab und Opel. Ein Neuanfang unabhängig vom kranken Mutterkonzern in Detroit ist ohne Beteiligung der öffentlichen Hand schwer vorstellbar.
In der Krise sind die europäischen Regierungen sehr pragmatisch geworden. An die marktwirtschaftliche Orthodoxie glauben nur mehr wenige Hardliner rund um den tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus. Diese ideologische Flexibilität ist ein gutes Zeichen in der gegenwärtigen Umbruchsituation.
Ein größeres Gewicht der Regierungen in der Wirtschaft kann aber auch Probleme bringen. Die gemischten Wirtschaftssysteme, die den Aufstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht haben, wurden allzu häufig zum Bremsklotz für Innovation und zu Vehikeln der nationalen Abschottung.
Bankenpakete und Rettungspläne für die Autoindustrie kommen in Europa von den Nationalstaaten. Fast unvermeidlich wächst damit die Gefahr eines Wirtschaftsnationalismus, den es innerhalb der Europäischen Union eigentlich gar nicht geben dürfte. Aber über eine lockere Koordinierung ihrer Antikrisenmaßnahmen sind die EU-Staaten bisher nicht hinausgekommen. Daran ändert auch der Gipfelmarathon dieses Frühjahrs wenig. Die Stärke des großen Marktes von 500 Millionen Bürgern konnte Europa mangels gemeinsamer Wirtschaftspolitik bisher nicht ausspielen. Das ist einer der Gründe, warum die Wirtschaft auf dem alten Kontinent sogar schneller schrumpft als in den vom Subprime-Desaster gezeichneten USA.
45 Riesenbanken kontrollieren in Europa 70 Prozent aller Einlagen. Keine nationale Aufsichtsbehörde kann glauben, die grenzüberschreitenden Aktivitäten von UniCredit, der Deutschen Bank, BNP Paribas oder der Royal Bank of Scotland überwachen zu können. Trotzdem herrscht Zaudern, wenn es um eine gesamteuropäische Finanzmarktaufsicht geht.
Gegen ein Mehr an Solidarität in der EU wehren sich in der Regel vor allem die sogenannten Nettozahler wie Deutschland, Österreich und die Niederlande, die fürchten, besonders stark zur Kasse gebeten zu werden. In Wirklichkeit könnte die mit einem stärkeren Zusammenhalt verbundene größere Sicherheit allen helfen, die Krise zu bekämpfen.
Italiens Exregierungschef Romano Prodi schlägt eine Erhöhung des EU-Budgets von einem Prozent auf 1,5 Prozent des Bruttonationalprodukts vor. Die Euro-Staaten sollen gemeinsame Staatsanleihen begehen, um das Gespenst des Staatsbankrotts zu vertreiben.
In der Tat ist nicht einzusehen, warum es der EU vertraglich verboten sein soll, Schulden zu machen, während überall sonst Deficitspending als unvermeidlich gilt. Klar, das wäre ein kühner Schritt weg von der Einzelstaatlerei in Richtung europäischer Wirtschaftspolitik. Aber die ökonomischen Perspektiven haben auch mit der Stimmung zu tun. Dass sich die nur durch große Würfe beeinflussen lässt, das sollten sich die Europäer von Obama abschauen.


 

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