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Der
Preis, 28.7.1999
Zwei Milliarden Schilling sind eine respektable Summe und die zwei umkämpften
Klimt-Porträts der Zuckerindustriellen Adele Bloch-Bauer sowie drei
Landschaftsbilder gehören zu den Prunkstücken der Österreichischen
Galerie. So wichtig sind der Republik die einst von den Nazis geraubten
Gemälde, daß man drauf und dran ist, sich um ihretwegen auf
eine riskante Kraftprobe mit den kämpferischen Jüdischen Organisationen
der USA einzulassen. Vorbei sind die Zeiten, als der österreichische
Außenminister stolz erklären konnte, in der Kunstraub-Frage
habe das Land "vorbildlich" gehandelt, wie noch im vergangenen
Herbst bei der großen Holocaust-Konferenz in Washington. Im Streit
um die Bloch-Bauer-Bilder wurde verspielt, was sich seit dem Abklingen
der Affaire Waldheim an Goodwill in den USA möglicherweise angesammelt
hat. Ariel Muzikant, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde,
berichtet von hochgehenden Emotionen bei einer Sitzung der alle Betroffenen
umfassenden "Claims Conference" in New York: das "Nein"
des Unterrichtsministeriums zur Restitution der Klimts, weil diese nicht
unter die Paragrafen des Restitutionsgesetzes fallen, wird als Symbol
für einen nach der Rückgabe der abgepressten Rothschild-Schätze
eingetretenen verhärteten Formalismus des offiziellen Österreichs
gewertet.
Klar, der Jüdische Weltkongreß ist eine kleine private Organisation.
Elan Steinberg, der scharfzüngige Generalsekretär, und Edgar
Bronfman, der millionenschwere Präsident, fahren einen umstrittenen
Kurs. Aber eine so erfolgreiche Interessensvertretung wie das selbstbewußte
Duo Steinberg-Bronfman haben die Holocaust-Überlebenden nie gehabt.
Sie nicht ernst zu nehmen und etwa auf das gute Einvernehmen mit der heimischen
Jüdischen Gemeinde zu setzen, das haben zuletzt die Schweizer Banken
versucht: bis ihr Ruf im Keller waren und sie nach monatelangem Gezetter
mit einer Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar klein beigeben mußten.
Ausgerechnet in dieser Situation scheint sich die Bank Austria auf eine
Kraftprobe mit der kampferprobten Crew in New York in der Causa
CA-Vergleich einzulassen. In monatelangen Verhandlungen hatte die CA mit
dem amerikanischen Anwalt Ed Fagan einen für sie sehr günstigen
Vergleich in der Höhe von 40 Millionen Dollar geschlossen. Alle Ansprüche
im Zusammenhang mit Raubgold, eingezogenen Konten von Holocaust-Opfern
und andere Anteile am Raubfeldzug der Nazis gegen die Juden sollen mit
30 Millionen abgegolten werden. 10 Millionen Dollar fließen an Anwälte,
in die Verwaltung und in diverse Forschungsprojekte. Ariel Muzikant sagt,
daß auch tausende Firmen und Unternehmen im CA-Besitz durch den
Deal mit Fagan von allen Ansprüchen ausgenommen werden sollen: selbst
solche, die sich einst durch Arisierung massiv bereichert haben. Kein
Wunder, daß in der "Jewish Claims Conference" helle Empörung
über diesen Advokatendeal geherrscht habe.
Die Bank Austria hofft, daß die provisorische Zustimmung des US-District
Court for the Southern District of New York unter Richterin Shirley Wohl
Kram von Ende Juni zum Fagan Deal halten wird. Man verschickt schnoddrigen
Presseerklärungen wonach auch der Jüdische Weltkongreß
sich an Entscheidungen unabhängiger Gerichte zu halten haben werde.
Tatsächlich ist nichts fraglicher als das. Ein reiner Deal zwischen
Juristen unter Ausschluß der erfahrensten Lobbyisten für die
Betroffenen, wie die Bank Austria das versucht, ist ein riskantes Unterfangen:
der dümmliche Einwand, es ginge eigentlich nur um das große
Geld für ein paar Anwälte, erweist sich gerade hier als total
daneben. Schließlich sind alle Wiedergutmachungsfragen eminent politisch.
Wichtiger als alle Anwälte war im Disput mit den Schweizer Banken
der New Yorker City Controller Alan Hevesi gewesen: nach seinem Beispiel
haben auch die Finanzchefs anderer großen Finanzplätze Amerikas
mit dem Ausschluß der Schweizer von Finanzgeschäften aller
Art gedroht. Hevesi wird sich Mitte September einen Bericht über
die Reaktionen der Bank Austria auf die Forderungen von Nazi-Opfern geben
lassen. Ein Konzessionsentzug für die Österreicher, von dem
Elan Steinberg als extremste Maßnahme spricht, wäre gar nicht
nötig um die Aktivitäten von Bank Austria und CA jenseits des
Atlantik mit dem Aschenkreuz zu versehen: da reicht ein negatives moralisches
Urteil des Finanzchefs kombiniert mit den erklärenden Inseraten in
Financal Times und Wall Street Journal.
Ob sich auch offizielle amerikanische Regierungsstellen einschalten werden,
wie Elan Steinberg droht, bleibt abzuwarten. Aber in Amerika herrscht
Wahlkampf und mit dem Entschluß der Präsidentengattin sich
um den frei werdenden Senatssitz von New York zu bewerben, ist die Stadt
einer der heißesten politischen Plätze des Landes. Nicht total
auszuschließen, daß auch eine wahlwerbende Hillary Clinton
sich eines solchen Themas annimmt.
Daß österreichische, Schweizer oder deutsche Vergangenheitsbewältigung
Objekt amerikanischen Powerplays ist, mag man bedauern. Aber hat man hierzulande
mit den verdrängten Emotionen aus der Nazi-Zeit nicht Innenpolitik
gemacht lange bevor amerikanische Politiker begonnen haben um jüdische
Wählerstimmen zu werben : nur eben unter den umgekehrten Vorzeichen
einer "Die Sache in die Länge ziehen" -Mentalität
"echter Österreicher"? Viele in Europa können mit
der ungeniert aufs Geld abzielenden Taktik der Funktionäre der Opfervereinigungen
jenseits des Atlantik wenig anfangen. Aber Jahrzehnte lang hatte Europa
Zeit, die noble Zurückhaltung der jüdischen Gemeinden des alten
Kontinents zu honorieren. Passiert ist viel zu wenig. Tatsache ist, daß
es der Beschlagnahmung der Schiele-Bilder durch den New Yorker Zoll bedurfte,
damit die österreichischen Museen sich zur Retournierung der geraubten
Rothschild-Gemälde durchgerungen haben. Auch die Zwangsarbeiter,
die in Kaprun oder Steyr das Fundament für das spätere Wirtschaftswunder
Österreichs gelegt haben, sind bekanntlich bis zuletzt großzügig
ignoriert worden.
Daß einmal "Schluß sein muß", wünscht
sich die österreichische Volksseele ziemlich genau seit den Anfänge
der Zweiten Republik.. In einer Zeit der wachsenden Globalisierung von
Moral- und Rechtsvorstellungen hat diese von groß-und kleinformatigen
Kolumnisten getragene Sehnsucht weniger Chance in Erfüllung zu gehen
denn je. Noch wartet der große Brocken des Raubzuges der Arisierung,
von dem große Parteiführer und kleine Wohnungsbesitzer in gleicher
Weise profitiert haben, darauf Schlagzeilen zu machen. In den USA, versteht
sich. Vorerst scheint uns aber ein neuer transkontinentaler Holocaust-Entschädigungsstreit
um Banken und Bilder bevorzustehen.
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