Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Preis, 28.7.1999


Die ÖVP hat in der jüngeren Geschichte Österreichs ein historisches Verdienst: gegen die anfängliche Skepsis der SPÖ hat sie das Land in die EU geführt. Der überwältigende Volksentscheid für die EU war die bisher einzige aus freiem Willen getroffene Entscheidung Österreichs über seine Stellung in der Welt. Es war eine Entscheidung für den Westen, gegen Provinzialismen und Sonderwege.
Diese neu gewonnene Identität steht nun auf dem Spiel. Die ÖVP scheint drauf und dran Österreich wieder aus der EU herauszuführen.
"Das Ausland" ist plötzlich als allgegenwärtige Kategorie wieder da. Jörg Haider wehrt sich dagegen, ebenso wie Benita Ferrero-Waldner und Wolfgang Schüssel. Zwar teilen wir mit dem großen Teil des Kontinents eine Währung, man fährt ohne Paß quer durch Europa und alle wirklich zukunftsweisenden Entscheidungen werden in Brüssel gefällt. Sogar Sicherheit und Militär will die ÖVP im europäischen Rahmen organisieren. Aber jetzt verbietet man sich Einmischung aus "dem Ausland".
In Wirklichkeit ist es umgekehrt: die scharfe Reaktion der EU-Partner auf die mögliche Regierungsbeteiligung Jörg Haiders ist der beste Beweis, wie wenig "Ausland" EU-Europa geworden ist. Denn längst ist auch die europäische Politik derart vernetzt, daß eine rechtspopulistische Regierungsbeteiligung in Wien nicht ohne Folgen auf Paris, Brüssel oder Berlin bliebe. So fürchtet ein Jacques Chirac durch die Haider-Partei in der Wiener Regierung zweierlei: die Versuchung für andere konservative Parteien Europas sich mit vergleichbaren Demagogen zu arrangieren. Und in der Folge: ein gefährliches Auseinanderdriften der Union, sollten derartige Kräfte auch in anderen Hauptstädten das Sagen bekommen.
Chirac hat sich im eigenen Land stets mit ganzer Kraft gegen einen Abbau der Barrieren zu Le Pen gewehrt. Und er denkt in historischen Dimensionen. Im Jahr 2006 steht Österreich wieder der EU-Vorsitz zu. Ein Bundeskanzler Jörg Haider als Ratspräsident der EU, das könnte eine Krise mit unabsehbaren Folgen auslösen. Immerhin führt die französische Tageszeitung "Le Monde" schon jetzt den Einbruch des Euro Ende Jänner auf den internationalen Devisenmärkte auf zwei Faktoren zurück: die Krise der deutschen CDU und die Regierungsquerelen in Wien.
Daß Österreich unter der einzigen rechts-rechten Regierung Europas auf Dauer zum Paria der EU würde, ist in den letzten Jännertagen mehr als deutlich geworden. Ob es sich lohnt diesen Preis zu zahlen, nur damit eine 26-Prozent-Partei in die Regierung kommt und Wolfgang Schüssel Bundeskanzler wird, sollten sich jetzt auch verantwortungsbewußte ÖVP-Politiker fragen. Der Ausweg wäre einfach: nach der innerparteilichen Entmachtung Schüssels könnte Wilhelm Molterer sich zweifelsohne relatisch rasch mit Caspar Einem auf eine an Kopf und Fuß erneuerte ÖVP-SPÖ-Koalition einigen. Wenn das nicht geht, bleibt noch Thomas Klestil. Ein Expertenkabinett unter der Führung Franz Fischlers, um dauerhaften Schaden von Österreich fernzuhalten, könnte sich der Zustimmung einer breiten Öffentlichkeit sicher sein. Der Bundespräsident würde bei der darauffolgenden "Tour des Capitales" durch die europäischen Hauptstädte, auf der er erklären könnte, daß Österreich kein Naziland ist, als Held gefeiert. Und nach ein bis zwei Jahren Time out könnte auch die österreichische Parteienwelt wieder zur Vernunft kommen.
Eine Notlösung, zweifelsohne, aber besser als Österreich in der Funktion des Spaltpilzes für Europa.

 

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