Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Sieg der Rebellen in Tripolis ist ein politischer Meilenstein, 31.8.2011

Libyen war für die arabische Welt nie wahnsinnig wichtig. Der als exzentrisch bis verrückt geltenden Gaddafi wurde allseits belächelt. Trotzdem ist der Sieg der Rebellen in Tripolis ein politischer Meilenstein. Wie bei anderen historischen Revolutionen, ob 1848, 1917 oder 1989 in Europa, hatte sich der Funke der Revolte von Nordafrika in die gesamte Region ausgebreitet. Aber ein konterrevolutionäres Roll back blieb ständige Bedrohung. Mit der Vertreibung Muammar al Gaddafis von der Macht ist nach Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten eine dritte Zentralfigur des alten Herrschaftssystems gestürzt. Ein regionales Comeback der Diktaturen wird jetzt um vieles weniger wahrscheinlich.
Im Gegenteil: dass sich auch Gaddafi, trotz des massiven Einsatzes militärischer Gewalt nicht retten konnte, erschüttert die Strategie Bashar al Assads in Syrien. Die Hardliner in Damaskus müssen erleben, dass Kriegsmaßnahmen gegen die Opposition zu einem viel radikaleren Bruch führen können, als die Flexibilität der Streitkräfte in Tunesien und Ägypten.
Von außen gesehen sind die Bilder aus Tripolis jenen von Bagdad 2003 ähnlich, als Saddam Hussein entmachtet wurde. Zertrampelte Symbole der Despotenherrschaft, staunende Krieger in den Palästen des Tyrannen. Aber wichtiger sind die Unterschiede. Das irakische Baath-Regime wurde durch die amerikanische Invasion beseitigt. Trotz der entscheidenden Rolle der NATO an der Seite der Rebellen haben die Libyer sich selbst befreit. Die Aufstandsbewegung wird genauso wie in den anderen arabischen Staaten vom Freiheitsdrang der mittelständischen Jugend getragen. Düstere Voraussagen, dass die Revolution rasch zum Stammeskrieg degenerieren könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Die neuen Machthaber des Übergangsrates von Bengasi wirkten oft chaotisch und militärisch unerfahren. Aber die blutigen Exzesse des Bürgerkrieges haben den Volkscharakter ihrer Revolution nicht verändert. Die Einnahme von Gaddafis Bab al-Azizia Bunkerkomplex war weniger eine militärische Operation als eine Art arabischer Sturm auf die Bastille.
So wie Saddam Hussein nach der amerikanischen Invasion den Kampf vom Untergrund aus weiterführen wollte, könnte Gaddafianhänger versuchen mit loyalen Stämmen einen Guerillakrieg gegen die neuen libyschen Machthaber anzuzetteln. Aber der Zündstoff für die Eskalation im Irak war der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Die Stammesanimositäten in Libyen sind mit den scharfen religiösen Gegensätzen im Irak nicht zu vergleichen. Eine dem amerikanischen Besatzungsregime ähnliche ausländische Präsenz wird es in Tripolis nicht geben. Dass sich Bastionen des Ex-Diktators über längere Zeit halten werden, ist wenig wahrscheinlich.
Die arabischen Diktatoren präsentieren ihre Herrschaft gerne als Garantie gegen Zerfall, der ähnlich wie im unglücklichen Somalia terroristischen Gruppen neuen Spielraum geben würde. Der syrische Präsident Assad argumentiert heute nicht viel anders als zuvor Oberst Gaddafi oder Hosni Mubarak. Tatsächlich waren jedoch die korrupten Regime der Vergangenheit der beste Boden für gewalttätigen Extremismus. Acht Monate nach Beginn der Demokratiebewegung sind zwar die Moslembruderschaften in Ägypten und islamische Parteien in Tunesien wichtige politische Faktoren. Von einer Dominanz radikaler Islamisten kann jedoch keine Rede sein. In Libyen werden die Traditionen der Stämme zweifelsohne mit den demokratischen Versprechen der Übergangsregierung in Widerspruch geraten. Der Sturz des Diktators bringt dem ölreichen Land trotzdem die seit Jahrzehnten größte Chance zu einem Neuanfang, bei dem politischer Pluralismus und erste Schritt zu einem Rechtsstaat die Ziele sind.
In den letzten Monaten hat die NATO so ziemlich alle identifizierbaren Panzer, Raketenstellungen und Kommandoposten der Gaddafi-Streitkräfte bombardiert. Trotzdem dauerte die Aktion viel länger als erwartet. Die Militärs ziehen eine widersprüchliche Bilanz. Dank des Vorpreschens Frankreichs und Großbritanniens stand Europa allerdings politisch auf der richtigen Seite der Geschichte. Oder besser gesagt: größtenteils, denn das deutsche Nein zur militärischen Hilfe für die libyschen Revolution wirkt im Rückblick besonders kleinmütig. Immerhin hatten auch Nicht-NATO-Staaten wie das blockfreie Schweden Kampfflieger über Libyen im Einsatz.
Der Kollaps der Verwaltungsstrukturen durch den Umsturz könnte zu einer postrevolutionären humanitären Krise führen. In den Vereinten Nationen erwägt man einen zivilen Hilfseinsatz nach dem Vorbild Ost-Timors, als die UNO dem Land nach dem Sieg der Befreiungsbewegung half, den Weg zu Unabhängigkeit und Demokratie zu finden. Kommt es zu UNO-Hilfe für Libyen, werden jene EU-Staaten, die sich wie Deutschland und Österreich bisher zurückhielten, besonders gefordert sein.

 

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