Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Stellvertreterkrieg, 13.2.2008


Javier Solana, Europas oberster Außenpolitiker, hat nicht ganz Unrecht, wenn er den Putschversuch in N'Djamena mit dem Hinweis kommentiert, die Instabilität des Tschad sei ja der eigentliche Grund für die Eufor-Hilfsmission der EU gewesen. Die Hilfsorganisationen, die mit Hunderten Mitarbeitern in den Flüchtlingslagern an der Grenze zu Darfur engagiert sind, forderten denn auch schon Stunden nach dem Abflauen der Kämpfe die rasche Wiederaufnahme des Aufmarsches. Man hofft nach wie vor, dass die europäische Militärpräsenz für die zwischen dem Tschad und dem Sudan marodierenden Milizen abschreckende Wirkung haben wird.
Aber die bevorstehende Intervention der Europäer ist von nun an zu einem Faktor in dem seit Jahren laufenden Kleinkrieg zwischen Stämmen, Milizen und Regierungen zwischen östlicher Sahara und Sahelzone geworden. Als von allen Seiten bejubelte rettende Engel werden die Soldaten in dieser seit Jahrzehnten von Bürger- und Stammeskriegern zerrissenen Region sicher nicht aufgenommen werden. Schließlich war der Zeitpunkt des Angriffs auf die Hauptstadt präzise so ausgewählt, dass der Eufor-Mission bei einem Erfolg der Rebellen der Boden unter den Füßen weggezogen worden wäre.
Die humanitären Motive des europäischen Engagements stellen nur die halbe Wahrheit dar. Die Krise im Tschad ist eng verwoben mit dem Bürgerkrieg in Darfur, im Westen des Sudan. Noch 1990 war Idriss Deby, der umkämpfte Präsident, sowohl mit sudanesischer als auch mit französischer Unterstützung im Tschad an die Macht gekommen. Seinen erfolgreichen Feldzug hatte er in Darfur gestartet. Heute sind die Machthaber in N'Djamena und Khartum Todfeinde, die mittels Rebellen gegeneinander einen kaum verhüllten Stellvertreterkrieg führen. Die Aufständischen, die Deby Anfang Februar fast gestürzt hätten, waren von jenseits der Grenze aufgebrochen, bewaffnet und ermutigt von den Machthabern in Khartum. Ob tatsächlich sudanesische Geheimdienstleute unter den Angreifern waren, wie die Regierung im Tschad behauptet, ist nicht so entscheidend. Die Loyalitäten der Clans und Stämme sind in der Regel sowieso stärker als Grenzen und staatliche Autoritäten.
Der Sudan revanchiert sich gegen die Anschuldigungen durch die Mitteilung, dass der Führer einer der bekanntesten Rebellenorganisationen in Darfur, JEM-Chef Mohamed Abdallah, bei der Verteidigung des Präsidentschaftspalastes in N'Djamena gefallen sei. Durchaus möglich, Idriss Deby gehört der sowohl im Tschad als auch im Sudan ansässigen Volksgruppe der Zaghawa an, die in Darfur gegen die sudanesischen Regierungsmilizen kämpft. Die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit", JEM, gehört zu den aktivsten Widerstandsgruppen in Darfur, JEM-Kämpfer waren Idriss Deby schon 2006 bei einem früheren Umsturzversuch zu Hilfe gekommen.
Gleichzeitig mit der Rebellenoffensive im Tschad verschärft sich der Bürgerkrieg in Darfur. Die afrikanischen Friedenseinheiten, die von den Vereinten Nationen unterstützt werden, haben keine Chance, die Eskalation zu verhindern. Die Ausweitung auf den Tschad durch den Sturz Idriss Debys ist zumindest im ersten Anlauf nicht gelungen. Ob es allerdings bei diesem einen Versuch bleiben wird, muss bezweifelt werden. Denn nicht nur verfeindete Präsidenten führen in der Region über Milizen und Aufständische ihre Stellvertreterkriege. Hinter dem Sudan steht China, das den ehemaligen Kolonialmächten ihre Einflusssphären in Afrika streitig machen möchte.
Zu allen Stammesfehden und Machtkämpfen kommt der Faktor Öl. Die afrikanischen Ölfunde sind nicht mit den Reserven des Mittleren Ostens oder der anderen etablierten Produzenten zu vergleichen. Aber seit dem Beginn der Förderung vor wenigen Jahren haben die Eliten erstmals die Chance, an regelmäßig fließende Einnahmen heranzukommen. Der Faktor Öl führt dazu, dass Machtkämpfe immer erbitterter geführt werden, schließlich geht es um mehr Geld als je zuvor. Und er hat zu den lokalen Gegensätzen und Feindschaften, die die bitterarme Region zwischen dem Tschad, Darfur und der Zentralafrikanischen Republik zu einer der instabilsten Regionen Afrikas gemacht haben, die europäisch-chinesische Konkurrenz hinzugefügt. Im Sudan fördern chinesische Firmen das schwarze Gold, der Tschad hat sich mit einem westlichen Konsortium arrangiert.
Plötzlicher Rohstoffreichtum bei zusammenbrechenden staatlichen Strukturen kann katastrophale Folgen haben. In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts beschleunigte der Diamantenboom in Westafrika den Niedergang der alten Oligarchien und den Aufstieg gewissenloser Warlords, deren Kriege eine ganze Generation verschlungen haben. Charles Taylor, der langjährige Putschistenpräsident Liberias, ist heute Angeklagter vor dem Kriegsverbrechertribunal von Den Haag. Im benachbarten Sierra Leone unterhielt Taylor Armeen von Kindersoldaten, die den Dorfbewohnern die Gliedmaßen abhackten. Als der Horror sich auch nach einem Jahrzehnt nicht legte, schickte Tony Blair einige hundert britische Elitesoldaten. Diese britische Militärintervention im Jahr 2000 brachte endlich die Wende. Es folgten Uno-Truppen und demokratische Wahlen. Nach südafrikanischem Vorbild arbeiten Versöhnungskommissionen.
Die bewegte jüngere Geschichte Afrikas kennt sowohl erfolglose Interventionen von außen als auch Erfolgsgeschichten wie Großbritanniens Hilfe für Sierra Leone. Die EU freut sich, dass ihre Mission im Kongo vor zwei Jahren trotz vieler Anfangsschwierigkeiten geholfen hat, einen blutigen Bürgerkrieg zu beenden. Sogar ein Friedensschluss zwischen dem Kongo und Ruanda ist in Sicht. Gescheitert sind dagegen nach dem Sturz des Langzeitdiktators Siad Barre alle humanitär begründeten Eingriffe in Somalia.
Die Europäer wollten ursprünglich dank Eufor präventiv aktiv werden. Die Intervention sollte verhindern, dass die Katastrophe von Darfur die ganze Region erfasst und gleichzeitig China das entstehende Machtvakuum füllt. Wie hoch die Risiken eines solchen Vorhabens sind, hat der Sturm auf N'Djamena zur Verhinderung der Eufor-Mission und zum Sturz Idriss Debys gezeigt. Niemand kann ernsthaft glauben, dass es bei diesem einen Vorstoß bleiben wird.


 

 

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