Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Teheraner Schauprozess, 12.8.2009

Die zweite Amtszeit Mahmud Ahmadinedschads beginnt mit einer iranischen Version der stalinistischen Schauprozesse. Das Staatsfernsehen zeigt hochrangige Vertreter des Reformflügels. Abgemagert und in Gefängniskleidung treten sie mit wilden Selbstbezichtigungen vor ihre Richter. Sie seien manipuliert worden und bitten um Gnade, den von der Opposition behaupteten Betrug bei der vergangenen Präsidentschaftswahl habe es nie gegeben.
Unter den geständigen Angeklagten: ein Exvizepräsident, ehemalige Minister, Pressesprecher früherer Präsidenten, Exbüroleiter und ehemalige Abgeordnete aus dem Umkreis von Mohammed Khatami und Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, den zum Reformlager gezählten ehemaligen Staatschefs. Neben anonymen, angeblichen Gewalttätern, Journalisten, Anwälten und Mitarbeitern westlicher Botschaften sind es vor allem reformorientierte Funktionäre des Establishments, denen das Regime den Prozess macht. "Amalgam" hieß in der Zeit der stalinistischen Säuberungen die Technik, durch willkürliches Zusammenwürfeln von Personen eine riesige Verschwörung zu konstruieren. Die Botschaft der Teheraner Massenprozesse ist klar: Die demokratische Protestbewegung soll als Resultat einer internationalen Konspiration denunziert werden.
Der Staatsanwalt beschreibt Drahtzieher in Amerika, die mithilfe der Weltpresse und feindlicher Geheimdienste einen Umsturz nach dem Vorbild der "samtenen Revolutionen" zum Ziel hatten. Der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mussawi weist dagegen alle "Geständnisse" zurück und spricht von "mittelalterlicher Folter". Die juristische Farce der Schauprozesse werde sich demnächst gegen die Drahtzieher selbst wenden. Expräsident Khatami kritisiert eine Verhöhnung der Verfassung. Der Mut, mit dem die zum größten Teil selbst aus der Elite kommenden Führer der Opposition auftreten, überrascht. Die gewünschte Einschüchterung ist noch nicht gelungen.
Auch wenn kaum jemand die abstrusen Beschuldigungen der Teheraner Show für bare Münze nehmen wird, steht zu befürchten, dass sie weitergehen werden. Denn Schauprozesse folgen einer inneren Logik, die im heutigen Teheran nicht anders aussieht als in Stalins Moskau. Wenn einmal die engsten Mitarbeiter der bekanntesten Oppositionellen "gestehen", dann müssen auch die prominenteren Chefs vor Gericht. Andernfalls bricht das gesamte Lügengebäude in sich zusammen. Logischerweise verlangen konservative Abgeordnete, dass als "führende Köpfe des gescheiterten Komplotts" Mussawi, Khatami und Rafsandschani verhaftet werden.
Was den Obersten Führer Ali Khamenei, die höchste Autorität des Landes, von einem solchen Schritt bisher abhält, ist die innere Zerrissenheit seines Regimes. Rund um die Amtseinführung von Mahmud Ahmadinedschad sind sogar heftige Spannungen zwischen Präsident und Revolutionsführer sichtbar geworden. Mehrere Minister und sogar seinen Vizepräsidentschaftskandidaten musste der angeblich so triumphal gewählte Präsident opfern. Dass der Oberste Führer wenige Tage vor der Amtseinführung einem als Ergebenheitsgeste gedachten Kuss des Präsidenten ausgewichen ist, nährte die Spekulationen über die Brüchigkeit der Allianz an der Staatsspitze. Ahmadinedschad durfte nur die Schulter Ali Khameneis berühren. Beim Zerfall geschlossener Systeme, ob theokratischer oder marxistisch-leninistischer Provenienz, gewinnen solche Episoden überdurchschnittliche Bedeutung.
Aber lange kann das gegenwärtige Patt nicht halten. Zum Druck von Innen kommen große außenpolitische Herausforderungen hinzu. Barack Obamas ausgestreckte Hand in Richtung Teheran ist zeitlich begrenzt. Spätestens bei der UN-Generalsversammlung Mitte September wollen die USA wissen, ob eine Chance auf einen sinnvollen Dialog über das iranische Atomprogramm besteht. Andernfalls steht eine neue Welle wirtschaftlicher Boykottmaßnahmen bevor, die die Unzufriedenheit der Bevölkerung gefährlich steigern könnte. Eine Regierung, die mit der eigenen Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat, wird sich schwer tun, der Außenwelt alle Schuld zu geben. George W. Bush war ein Wunschgegner für Despoten. Gegen Obama wird ein unkritischer, nationaler Schulterschluss viel schwerer zu erreichen sein.
Eine Führung, die stalinistische Schauprozesse braucht, um ihre Autorität unter Beweis zu stellen, ist schlecht gerüstet für eine solche Extremsituation. Vieles deutet auf einen heißen Herbst in Teheran hin.


 

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