Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der Zerfall Pakistans verleitet den Westen zu Kurzsichtigkeit, 6.5.2009

Bewaffnete Taliban keine 100 Kilometer vor der pakistanischen Hauptstadt - und kein sichtbarer Widerstand der Armee gegen den Vormarsch der Gotteskrieger. Die Hiobsbotschaft aus Islamabad löste Ende April im Weißen Haus in Washington Panik aus. US-Außenministerin Clinton warnte, ein islamistischer Umsturz im Atomstaat wäre eine tödliche Bedrohung für die gesamte Welt.
Aus dem Straßenbild des umkämpften Buner-Bezirks sind die Aufständischen inzwischen wieder verschwunden. Die pakistanische Regierung spricht von wilden Übertreibungen des Westens, schließlich seien ein paar tausend Untergrundkämpfer für die 500.000 Mann starke Armee keine wirkliche Bedrohung. Vorsichtshalber trainieren amerikanische Spezialeinheiten dennoch, wie pakistanische Atomwaffen im Krisenfall gesichert werden könnten.
Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, dass mit Al-Kaida verbündete pakistanische Kämpfer die Macht übernehmen, wird seither heftig diskutiert. Dass bärtige Fanatiker in Millionenstädten wie Lahore oder Karachi den Frauen verbieten, aus dem Haus zu gehen, können sich viele einfach nicht vorstellen. Schließlich haben extremistische Parteien bei den demokratischen Wahlen vor einem Jahr nur wenig Stimmen bekommen. Es war der Widerstand der Richter gegen Diktator Pervez Musharaff, der zur gegenwärtigen zivilen Regierung unter Präsident Asif Ali Zardari geführt hat.
Aber der als Witwer der populären Benazir Bhutto an die Staatsspitze gespülte Zardari hat die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren. Blutige Anschläge islamistischer Kommandos forderten in den vergangenen beiden Jahren 1800 Menschenleben. Nach dem Terrorangriff auf Mumbai kam es fast zu einem Krieg mit Indien. Ein lokales Friedensabkommen mit einer Talibanfraktion im Grenzgebiet zu Afghanistan, das zur Einführung einer Radikalversion der Scharia im Swat-Tal geführt hat, verstärkt den Eindruck der staatlichen Desintegration. Die pakistanischen Medien sind seither voll der schockierenden Nachrichten über brennende Mädchenschulen und Steinigungen im Nordwesten. Ein Video über die öffentliche Auspeitschung einer jungen Frau wurde zum landesweiten Skandal.
Die Wirtschaftskrise verschärft die Zerfallserscheinungen einer Gesellschaft, in der abwechselnd einige wenige superreiche Familien und die Armee das Sagen hatten. Während im benachbarten Indien der Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre zur Entstehung einer Mittelschicht führte, blieben die Sozialstrukturen Pakistans unverändert archaisch. Milliarden US-Dollar flossen in Waffensysteme, durch die Pakistan dem Nachbarn Paroli bieten wollte. Islamistische Untergrundkämpfer wurden als mögliche Bündnispartner für den Fall eines Kriegs mit Indien toleriert. Diese Konstellation hat das Land an den Rand des Abgrunds geführt.
In manchen westlichen Hauptstädten macht sich eine gefährliche Nostalgie bemerkbar. In den Zeiten der Militärdiktatur, heißt es, hätte es einen solchen Vormarsch der Verbündeten von Al-Kaida nie gegeben. Ein neuerlicher Putsch der Armee gegen die schwächliche zivile Regierung sei der einzige Ausweg, um zu verhindern, dass im Atomstaat Pakistan Terroristen die Macht übernehmen. Wenn Barack Obama Bündnisse mit Warlords in Afghanistan eingeht und mit gemäßigten Taliban verhandeln will, seien auch in Pakistan sicherheitspolitische Überlegungen wichtiger als illusionäre demokratische Werte.
Würde der Westen eine solche Kehrtwendung in Pakistan mittragen, dann wäre das ein fataler Kurzschluss. Denn die Talibanisierung Nordpakistans ist kein militärisches, sondern primär ein politisches Problem. Übernimmt wieder das Militär die Macht, dann würden all jene Pakistani, die noch vor einem Jahr für die Wiederherstellung der Demokratie auf die Straße gegangen sind, in die Arme der Extremisten getrieben. Osama Bin Laden bekäme, so er noch lebt, erstmals eine Massenbasis in Pakistan.
Die Angst des Westens vor einer islamistischen Revolution ist angesichts der pakistanischen Atomwaffen verständlich. Aber ein diktatorisches Regime, das mit Geld und Waffen aus den USA jede Art von Widerstand niederhält, hat schon einmal gegen eine islamische Volksbewegung den Kürzeren gezogen: Das war im Iran des Schah. Gegen ein Pakistan, das nach einem Anti-Taliban-Militärputsch 2009 bald so aussehen würde wie der Iran 1979, wäre die lokale Schreckensherrschaft der Taliban im Swat-Tal ein überschaubares Problem.

 

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