Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der gewandelte Sharon, 24.8.2005


Tagelang beherrschten sie die Medien: verzweifelte jüdische Siedler, Frauen, Männer und Kinder, denen der Abzugsbefehl die bisherige Lebensgrundlage genommen hat. Opfer eines kalten politischen Kalküls, von dem sie drei Jahrzehnte lang profitiert hatten und das sich jetzt so unerwartet gegen sie gewendet hat. Die Streitkräfte demonstrierten selbst gegenüber gewalttätigen Aktivisten, wie wirksam überlegte Zurückhaltung und hartnäckige Geduld sein können. Eine Haltung, die der israelischen Besatzungsmacht in ähnlichen Situationen gegenüber palästinensischen Jugendlichen so oft abgeht.
Die weltfremde Ideologie der Siedler lässt Ariel Sharon umso stärker als Fels in der Brandung erscheinen. Von der Regierung Bush bis zu den einflussreichsten liberalen Blättern reicht der Konsens: Der Abzug aus Gaza ist ein historischer Vorgang. Der israelische Ministerpräsident scheint endgültig zum Mann des Friedens mutiert, als den ihn Bush schon vor Jahren bezeichnet hat. Vergessen sind die harten Bandagen Sharons mit früheren Administrationen um die von den USA kritisierte Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten. Vergessen ist der Libanonkrieg 1982 mit seinen 30.000 Toten und die Mitverantwortung des damaligen Verteidigungsministers für das von christlichen Milizen durchgeführte Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila.
Über diesen Umgang der Weltöffentlichkeit mit der Vergangenheit aktueller Machtträger kann man sich wundern, doch er hat Tradition. Schon ungewöhnlicher ist es, dass ein Politiker sich derart abrupt gegen einen wesentlichen Teil seiner langjährigen Basis wendet, wie das Sharon mit seinem Frontalangriff gegen die Siedler getan hat. Es ist eine Kehrtwendung, die zu Vergleichen mit Charles de Gaulle und dem französischen Rückzug aus Algerien oder Richard Nixons Reise nach China geführt hat. Auch die Kritiker in Europa sollten diesen Einschnitt in der Biografie des langjährigen Rechtsaußen würdigen. Allerdings hat de Gaulle mit der Anerkennung der algerischen Unabhängigkeit den französischen Kolonialkrieg beendet, selbst zum Preis der Aussiedlung von fast eineinhalb Millionen französischer Bürger. Der Gazaabzug bleibt dagegen ein bescheidener Schritt mit unklarer Perspektive.
Auch wenn die Siedler und ihre politischen Freunde noch so lautstark auf die zionistische Rhetorik früherer Zeiten zurückgreifen: Die Kolonisierung Gazas war nie ein ernsthaftes israelisches Projekt. Völlig anders als die Westbank, die von vielen Nationalisten als Judäa und Samaria längst zu einem vergrößerten Israel gezählt wird. Ebenso wie Yamit auf Sinai vor dem Friedensvertrag mit Ägypten hatten die Siedlungen des Gazastreifens eher die Funktion von Tauschobjekten für zukünftige Friedensverhandlungen. Ob die Rückführung der knapp 9000 Siedler wirklich einen derart tiefen Bruch mit der in der Westbank nach wie vor höchst lebendigen Kolonisierungslogik darstellt, bleibt abzuwarten.
Vergangenen Oktober hat Dov Weisglass, ein Berater Sharons, den Gazaabzug als Weg gepriesen, den Friedensprozess einzufrieren und die Diskussionen um Flüchtlinge, um die Grenzen und Jerusalem in eine unbestimmte Zukunft zu verschieben. Der Gazastreifen erscheint in dieser Perspektive als notwendiges Opfer, um Kompromissen in Jerusalem und der Westbank umso sicherer aus dem Weg zu gehen.
Das Problem sind dabei nicht nur die Territorialvorstellungen alleine: Über Grenzveränderungen konnte man immer reden, das war bei den Friedensverhandlungen in Camp David genauso der Fall wie bei den israelisch-palästinensischen Gesprächen in Taba Ende 2000. Es ist die Politik der einseitigen Maßnahmen ohne jeden Verhandlungsprozess, die bei den Palästinensern so wenig Hoffnung aufkommen lässt. Auch in Washington sind jetzt erste Zweifel zu vernehmen, ob die israelische Regierung vorhat, je einer Wiederaufnahme der "Road Map" zum Frieden zuzustimmen. Mahmoud Abbas ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahr gewählt, niemand bestreitet seine Legitimation als Palästinenserpräsident. Trotzdem haben alle israelisch-palästinensischen Zusammentreffen nicht viel mehr als minimale Erleichterungen vor Ort gebracht. Der Waffenstillstand hält mehr oder weniger, aber ein politischer Dialog, der angeblich zuvor durch den allseits verteufelten Jassir Arafat blockiert wurde, ist nach wie vor nicht in Sicht.
Shlomo Avineri, der ehemalige Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, sagt, Sharon habe bewusst einen Weg der einseitigen Maßnahmen beschritten, schließlich sei zuvor die Verhandlungstaktik Baraks und Rabins ebenso gescheitert wie die "Politik der harten Hand" der eigenen ersten Regierungszeit. Substanzielle Verhandlungen werde es vielleicht in diskreter Weise mit der US-Regierung geben, aber ganz sicher nicht mehr mit den Palästinensern. Was übrig bleibt, könnte Mahmoud Abbas dann zum Palästinenserstaat proklamieren, mit provisorischen Grenzen und ohne die ersehnte Hauptstadt - aber nach Abbruch einiger Dutzend weiterer Siedlungen vielleicht doch mit einem halbwegs geschlossenen Territorium. Für die israelische Rechte ist das viel, ein dauerhafter Friede kann daraus aber nicht entstehen.
Das Ziel dieser Politik der unilateralen Schritte scheint es zu sein, mit US-Hilfe den Palästinensern einen Staat zu für sie unannehmbaren Bedingungen aufzuzwingen. Ohne den Kompromiss, um den israelische und palästinensische Friedensverhandler seit Oslo immer wieder gerungen haben, hätte ein solches Gebilde allerdings eine minimale Legitimität. Die Folge wären zwar entflochtene Sicherheitszonen und eine Begrenzung der israelischen Kolonisierungstätigkeit. Aber die palästinensische Irredenta würde weiter lichterloh brennen, nicht nur in Palästina.
Optimisten in der israelischen Friedensbewegung glauben, dass das politische Gewicht der Siedlerbewegung nach der Niederlage in Gaza zurückgehen wird und damit die Chance zu einem Umdenken besteht. Die Symbolik des Abzugs weist jedoch in eine andere Richtung: Da werden die Wohnungen angezündet und die Gewächshäuser niedergewalzt, damit sie nur nicht in die Hände der feindlichen palästinensischen Nachbarn fallen.


 

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