Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der neue Aufstand gegen die Deutschen und ihre Sparpolitik, 25.1.2012


Merkozy, die gerne kritisierte Verkörperung der deutsch-französischen Achse, mag lebenswichtig sein für Europa. Mit der  Rettung des Euro sind die Chefs der beiden großen  Volkswirtschaften jedoch heillos überfordert. In drei Monaten wird in Frankreich gewählt.  Nicolas Sarkozy steht   vor der schwierigsten Schlacht seiner politischen Karriere.  Angela Merkel ist durch den Koalitionspartner   völlig blockiert, hofft doch die FDP  verzweifelt  mit EU-skeptischem Blinken über die magische 5 Prozentklausel zu kommen. 
  Zu Jahresende  hat der enge innenpolitische Spielraum des Führungsduos das europäische Krisenmanagement  fast an die Wand gefahren.  Glücklicherweise sprangen die beiden Super-Marios ein.    Der italienischen Premier   Mario Monti, der staubtrockene ehemalige EU-Kommissar, und Zentralbankchef Mario Draghi verändern die Dynamik in der EU.
     Italien, Gründungsmitglied der EU und drittgrößte Volkswirtschaft des Euroraumes, ist dabei, sich   aus  der Abwärtsspirale  zu befreien. Zähneknirschend geben die politischen Eliten grünes Licht für Reformen, die bisher unmöglich schienen. Gleichzeitig entsorgt Mario Draghi  in der Europäischen Zentralbank still und leise das  Dogma, wonach Frankfurt den Staaten nicht helfen darf, ihre Schuldenprobleme zu lösen. Über den Umweg der Hilfe an die  Banken pumpt die Zentralbank hunderte Milliarden Euro in das  Finanzsystem.  Ein großer Teil fließt über den Umweg der Banken  in die Staatskassen.
    Selbst die gestrengen deutschen Professoren scheinen erleichtert.  Größere Proteste gegen die Geldoffensive der Zentralbank blieben aus. Ein Schweigegelübde, das sich Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Mario Monti Ende letzten Jahres gegenseitig zu den Aktivitäten der Zentralbank gegeben haben, erwies sich in der Realität als grünes Licht, damit  Draghi  agieren kann.   Die Europäische Zentralbank ist das  handlungsfähigste Organ der EU.
  Die Eurokrise erlebt eine Atempause, trotz der spektakulären Herabstufung von neun Staaten durch die Ratingagentur Standard and Poors, und trotz der wachsenden Rezessionsgefahr. 
  Aber ein Aufschub ist noch keine Lösung.  Gestützt auf die Lobeshymnen aus Berlin, Paris und Brüssel für die neuen Technokratenregierungen gehen die schwachen EU-Staaten in die Gegenoffensive.
  Warum sollen die Staaten absurd hohe Zinsen an die Banken zahlen, wenn das Geld praktisch zum Nulltarif von der Europäischen Zentralbank kommt, fragt Mario Monti? Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn Deutschland unmittelbar von der Krise profitiert? Zuletzt passiert bei negativen Zinsen auf deutsche Staatsanleihen, als Geldgeber bereit waren dafür zu bezahlen, dass sie der Bundesrepublik Geld borgen. Italiens bedachter Regierungschef warnt vor einer antideutschen, populistischen Revolte, wenn Berlin bei seinem inflexiblen Austeritätskurs bleibt.
   Selbst das am Boden liegende Griechenland dreht den Spieß um und droht den internationalen Geldgebern mit einseitigen Streichungen nach griechischem Recht, sollten sie beim  freiwilligen Schuldennachlass nicht ein verkraftbares Zinsniveau akzeptieren. Die Drohung ist ernst, denn ab einem bestimmten Punkt des finanziellen Desasters sind Gläubiger von einem Zusammenbruch stärker gefährdet als die Schuldner. 
  Unerwartete Schützenhilfe erhalten die Kritiker aus den USA.  Mit Warnungen vor  Austerität alleine als Therapie gegen die Krise klingt der Internationale Währungsfonds  wie die Stimme aus einer europäischen Oppositionspartei. Bleibt das Wachstum dauerhaft auf der Strecke, wäre das brandgefährlich für den sozialen  Zusammenhalt und die EU. Standard and Poors, die allseits kritisierte amerikanische Ratingagentur,  prangert  das Schneckentempo beim Ausbau der EU-Wirtschaftsregierung  an.
   Trotz der schmerzlichen Abstufung seines Landes  weist Mario Monti  gängige Verschwörungstheorien zurück. An seinem römischen Amtssitz schockiert der  Premierminister  Journalisten mit dem Urteil, die bittere Diagnose von  Standard and Poors  hätte auch von ihm selbst kommen können.
   Angela Merkel hat sich in der EU mit der Idee durchgesetzt, dass der Schuldenabbau absoluten Vorrang haben muss, damit deutsche Finanzmittel für den Euroschutzschirm eingesetzt werden können.    Mario Monti will schon beim kommenden EU-Gipfel  Ende Jänner entgegenhalten. Die  Prioritäten in Richtung Wachstum zu verschieben, das verlangt  auch Martin Schulz, der wortgewaltige neue Präsident des Europaparlaments.   Der sozialdemokratische Parlamentspräsident, die Technokratenregierungen des Südens und die Hohen Priester des Finanzkapitals im Gleichschritt gegen Merkozy, das verspricht Spannung in der EU.

 

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