Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Der stärkste Kandidat ist Tony Blair, 28.10.2009

Im Reichsrat der Monarchie lasen während der Nationalitätenkonflikte vor dem Ersten Weltkrieg tschechisch-nationale Abgeordnete aus Protest gegen die habsburgtreue Mehrheit aus dem Prager Telefonbuch vor. Senatoren der Südstaaten übten sich in Washington einst in Dauerreden gegen Rassenintegration. Filibustern gehört zu den extremsten Waffen des parlamentarischen Kampfes. Vaclav Klaus blockierte mit seinen ständig neuen Hindernissen gegen den Reformvertrag ähnlich hartnäckig die europäische Integration.
Die schwachen Abgeordnetenhäuser unter Habsburg gingen am Chaos zugrunde. Amerika hat dagegen gelernt, mit Grenzfällen des parlamentarischen Protests umzugehen. Auch der europäische Zug entgleist nicht wegen des Widerstands eines einzelnen Staatschefs. Der tschechische Präsident hat den Bezug zur politischen Realität behalten und will nun seine Fundamentalopposition beenden. Wenn das tschechische Verfassungsgericht nicht plötzlich anders entscheidet als bisher, wird der EU-Reformvertrag 2010 in Kraft treten.
Die Regierungen stehen vor Weichenstellungen, die das gesamte Projekt EU prägen werden.
Zu Europa haben die Bürger klare Präferenzen. Sie wollen weniger Regeln über Marmelade, Käse oder Wein. Dafür aber eine EU, die in den großen Fragen gemeinsam auftritt. In der Realität besteht zwischen detailverliebten Richtlinien und Weltpolitik allerdings ein enger Zusammenhang. Klimaschutz ist ohne unzählige Einzelmaßnahmen, die von Glühbirnenregeln bis zur Bauordnung reichen, unmöglich. Ob die wachsende innere Vernetzung auch zu einem Qualitätssprung in der Außenvertretung führt, wird diesen Herbst entschieden. Die Staats-und Regierungschefs müssen über einen Ratspräsidenten und einen EU-Außenbeauftragten befinden.
Wird der erstmals für mehrere Jahre gewählte Präsident Zeremonienmeister, dann ist damit das Profil der Funktion für lange Zeit vorausbestimmt. Wählt man eine Persönlichkeit mit internationalem Gewicht, die auch eine breite Öffentlichkeit wahrnimmt, werden an die Nachfolger ähnliche Ansprüche gestellt werden.
Die EU-feindlichen britischen Konservativen und der sozialdemokratische österreichische Bundeskanzler haben sich festgelegt: Sie lehnen Tony Blair, den einzigen zur Diskussion stehenden Weltpolitiker mit globaler Ausstrahlung, ab. Das Nein der Torys gehört zur Stimmungsmache in Wahlkampfzeiten. Polemik gegen Europa und Attacken gegen jenen Labourpolitiker, der den Konservativen so viele bittere Niederlagen zugefügt hat, mobilisiert die konservative Basis. Dass auch Werner Faymann als bisher einziger Regierungschef der EU den charismatischen Expremier explizit ausschließt, ist weniger leicht verständlich. Handelt es sich bei Tony Blair doch um den stärksten Kandidaten, den die nicht gerade erfolgsverwöhnten Sozialdemokraten europaweit zu bieten haben.
Blairs großes Handicap ist sein Engagement für den Irakkrieg. Dieser Makel teilt der Labourmann mit der halben politischen Elite des Kontinents. Auch José Manuel Barroso, der Kommissionspräsident, stand 2003 bei der Kriegserklärung auf den Azoren als portugiesischer Premierminister neben George W. Bush. Das hat weder den SPÖ-Vorsitzenden Faymann noch sonst einen sozialdemokratischen Regierungschef der EU daran gehindert, Barroso eine zweite Amtszeit zu geben. Bei Blair sind dagegen plötzlich alle gnadenlos. Hinter den Kulissen sticheln die Benelux-Staaten gegen eine EU-Präsidentschaft des Briten, weil Großbritannien nicht beim Euro ist. Angela Merkel soll von der Idee wenig begeistert sein, weil Blair bei EU-Budgetverhandlungen einmal den Überblick verloren hat.
Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um vorgeschobene Argumente handelt und in Wirklichkeit ein starker Präsident Europas verhindert werden soll. Ist der Reformvertrag in diesem Punkt doch so vage, dass erst die Person das Amt bestimmen wird.
Die Financial Times zitiert einen asiatischen Spitzenpolitiker mit der Bemerkung, wenn die Europäer sich einen neuen Präsidenten geben, dann sollten sie lieber jemanden wählen, von dem die Welt schon einmal gehört hat und der aus einem Land kommt, das man kennt. Sonst könnte es für den Betroffenen schwierig werden, Termine zu bekommen. Die 500 Millionen EU-Bürger werden mit ihrer Aufmerksamkeit ähnlich geizig umgehen. Die Gelegenheit, Europa ein Gesicht zu geben, das mehr zu vermitteln vermag als trockene Eurokratie, kommt nicht so bald wieder.

 

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